Dabei sein ist alles – auch im Gottesdienst | Spurensuche | DW | 01.02.2019
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Spurensuche

Dabei sein ist alles – auch im Gottesdienst

Pünktlichkeit muss keine Tugend sein. Es kommt nicht darauf an, wann man zum Gottesdienst kommt, sondern warum, wie Jean-Félix Belinga-Belinga in Kamerun erlebt.

Was ist schon eine Stunde?

In Ndele, meinem kamerunischen Heimatdorf, beginnt der Gottesdienst offiziell um neun Uhr. Doch als ich bei meinem letzten Besuch wieder zusammen mit dem Ortspfarrer einen Gottesdienst halten sollte, da hatte ich völlig vergessen, was neun Uhr im Kontext des Lebens in Ndele bedeutet. Es machte mich schon kribbelig, dass ich mein Frühstück erst um viertel vor neun bekam. Also begnügte ich mich mit einem Schluck Zitronentee, ohne den der Krapfen zu trocken geblieben wäre. Eilig begab ich mich zur Kirche, etwa einhundert Meter von unserem Zuhause entfernt.

Obwohl es schon neun Uhr war, wanderte mein Blick durch die immer noch leere Kirche, in deren Mitte ich nun stand. Alleine in der Sakristei war es mir dann seltsam zumute. So fand ich mich nach kurzer Zeit draußen wieder, wo noch nicht einmal der Pfarrer in Sicht war. Drei Küsterinnen trafen bald danach ein. Ihre strahlenden Gesichter steckten mich freudig an. Aber sie merkten sofort an, dass ich sehr früh, sogar zu früh in die Kirche gekommen war. Zu früh?

Die zwei ersten Trommler kamen um neun Uhr fünfunddreißig, der dritte zehn Minuten später. Sogleich setzten sie ihr dynamisches, streng rhythmisches, geradezu berauschendes Trommelspiel an. Währenddessen trudelten langsam ein paar Frauen ein. Dünn und zögerlich klang ihr Gesang zur Trommelmusik. Doch auch dieser schwoll an, je mehr Besucherinnen sich in der Kirche einfanden. Wenige Männer gesellten sich mittlerweile dazu, blieben jedoch draußen vor der Kirche, wo sie fröhlich gestikulierend ihre Unterhaltungen fortführten. So war es tatsächlich zehn Uhr zweiundzwanzig, als der Chor, gefolgt vom Kirchenvorstand und uns zwei Pfarrern endlich den Einzug in die Kirche in heiterem, beschwingtem Tanzschritt einleitete.

Der Gottesdienst als besonderes Ereignis

Jener Gottesdienst in Ndele ist nur eins von vielen Beispielen, wo in Kamerun die Uhrzeit ein bis ins Unendliche dehnbarer Begriff zu sein scheint. Für das westeuropäische Empfinden kann die Geduld damit auf eine äußerst schwere Probe gestellt werden. Und hier können sich diejenigen schnell bestätigt fühlen, die in solchem Umgang mit der Uhr eine gewisse Rückständigkeit der Afrikaner*innen erkennen wollen. Auch das bekannte Sprichwort lässt sich gerne in vergleichbaren Situationen zitieren, nachdem pauschal formuliert den Europäern die Uhr zugeschrieben wird und den Afrikanern die Zeit. Und der Aufruf „african time!“ beinhaltet trotz seiner Kürze einen unmissverständlich herabwürdigenden Blick auf das Denken der Afrikaner*innen.

In Ndele wird der Gottesdienst als Ereignis im wöchentlichen Rhythmus erlebt, das die Menschen versammelt. Dort lässt er sich Sonntag für Sonntag als Fest feiern. Und wie zu jedem anderem Fest, gehört Tanzmusik mit Trommeln dazu. Besonders wichtig dabei ist, dass sich die Menschen nicht an eine festgelegte Uhrzeit orientieren. Entscheidend ist, hinterher sagen zu können, dass man dabei gewesen ist. Die Partizipation unterstreicht die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft. Als gemeinschaftliches Ereignis nimmt der Gottesdient einen wichtigen Platz im Leben des Dorfes ein, da er eben eine Zusammenkunft ermöglicht. Er lässt den Einzelnen die Gemeinschaft erleben und trägt damit zu seiner individuellen geistigen Reife bei. Denn es ist entscheidend für den Einzelnen, sich immer wieder bewusst zu machen, dass er Teil der Gemeinschaft ist. Und diese Gemeinschaft zu erleben lässt ihn zugleich seine eigene Bedeutung für sie emotional wahrnehmen.

Durch die Musik, den Tanz, das leidenschaftliche Reden wird der Gottesdienst als besonderes Ereignis zu einem Ort der Emotionen. Rationale Ausdrucksweisen menschlichen Daseins würden dessen Individualität betonen. Die Magie des gemeinschaftlichen Ereignisses jedoch liegt darin, dass ein Ereignis nicht ichbezogen, sondern stets wirbezogen ist. Es hilft, das Leben in der Gemeinschaft neu zu organisieren, neu zu strukturieren. Das Individuum kann sich innerhalb der Gemeinschaft neu orientieren und dazu beitragen, dass die Gemeinschaft als solche auf ihre Vollkommenheit hin arbeitet und wächst.

Der Kern des Geschehens

Die Zeit in diesem Zusammenhang besitzt keine abstrakte Bedeutung. Sie wird durch das Ereignis erfüllt und erlebt. Dadurch wird sie real und empfindbar. Ob sie mit dieser Bedeutung auf andere Lebensräume übertragbar ist, ist mehr als fraglich. Aber die Betrachtung dieses Zeitverständnisses lenkt meinen Blick weg von der Uhrzeit, da sie den Blick eher auf den Gottesdient als Ereignis, und somit auf den Kern des Geschehens richtet. Die Frage nach dem Kern aber hat einen universellen Charakter.

 

Jean-Félix Belinga Belinga

1956 in Südkamerun geboren und aufgewachsen

  • Autor, Journalist und Pfarrer
  • Verheiratet und Vater von drei Kindern
  • Studium der Evangelischen Theologie in Erlangen (Bayern)
  • Gegenwärtig: Beauftragter für Interkulturelles Lernen im Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.