Dörte Hansen: ″Altes Land″ | 100 gute Bücher - ein literarisches Jahrhundert-Panorama deutschsprachiger Literatur | DW | 09.10.2018
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Dörte Hansen: "Altes Land"

Nach Kriegsende kamen die Heimatvertriebenen aus dem Osten nach Norddeutschland, heute sind es die Stadtflüchtlinge aus der Großstadt. Dörte Hansen erzählt vom Alten Land, das über Generationen hinweg Zuflucht bot.

Das Alte Land ist eine idyllische Obstbau-Region bei Hamburg, reich an Kirsch- und Apfelbäumen. Diese norddeutsche Landschaft liefert die Szenerie für Dörte Hansens Erstlingsroman, der 2015 zum literarischen Überraschungserfolg des Jahres wurde. Wochenlang stand er auf den Bestsellerlisten, wurde von Lesern aller Altersgruppen begeistert verschlungen.

Hierhin, in diese bäuerliche Region, verschlägt es die ostpreußische Adlige Hildegard von Kamcke nach dem Zweiten Weltkrieg. 1945 kommt sie als Heimatvertriebene dort an und findet Zuflucht auf einem jahrhundertealten Traditionsbauernhof. Willkommen war sie dort nicht.

"Woveel koomt denn noch vun jau Polacken?", fragt die einheimische Bäuerin, die ihr widerwillig Unterkunft gewährt, auf Plattdeutsch. "Ihr ganzes Haus war voll von Flüchtlingen, es reichte."

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"Altes Land" von Dörte Hansen

Flüchtlinge über Generationen hinweg

Hildegard von Kamcke kommt nicht allein in Norddeutschland an. Ihre fünfjährige Tochter Vera ist mit gekommen. Und sie wird auch zur Hauptfigur des Romans, dessen Handlung sich über sieben Jahrzehnte erstreckt. Das Bauernhaus wird Vera nicht mehr verlassen, auch wenn sie dort nie wirklich heimisch wird: "In diesem großen, kalten Haus, an dem sie klammerte wie Moos."

Irgendwann wird sie die Gutsherrin sein und dennoch eine Außenseiterin bleiben. Die Stigmatisierung als Flüchtling wird sie ihr Leben lang in sich bewahren: "Man fühlte sich auch so, wie Pack, wie Flüchtlingspack, wie stinkende Polacken, auch später noch."

Deutschland Flüchtlinge Nachkriegszeit Lager (picture-alliance/akg)

Mit den Flüchtlingstrecks kamen auch viele Kinder in Norddeutschland an

Doch das ist nur eine Ebene des Romans. Es gibt eine zweite Hauptfigur, die es rund 60 Jahre nach Vera ins Alte Land verschlägt: Anne, eine junge Frau aus Hamburg, auch sie eine Flüchtende. Sie ist aus ihrer Ehe ausgebrochen, nachdem sie ihren Mann mit einer anderen Frau erwischt hat. Unangemeldet steht die junge Frau eines Tages vor Veras Tür, in Begleitung ihres dreijährigen Kindes – auf der Suche nach einem Zufluchtsort.

Parallel erzählte Biographien

Anne ist Veras Nichte, die Tochter von Veras 14 Jahre jüngerer Halbschwester. Emotional stehen sie sich fern. Mit Vera und Anne begegnen sich zwei Generationen mit ganz unterschiedlichem Zeithintergrund. Doch so verschieden beide Frauen sind, etwas scheint sie insgeheim zu verbinden. "Sie wusste nicht viel von ihrer Nichte, aber sie erkannte einen Flüchtling, wenn sie einen sah."

Anne ist auch geflohen, aus der Stadt, vor einem bürgerlich normierten Leben. In Hamburgs Stadtteil Ottensen, das sich zum gediegenen hochpreisigen Shoppingzentrum entwickelt hat, ist der soziale Anpassungsdruck hoch. Die junge Mutter eines dreijährigen Jungen sieht sich einem gesellschaftlichem Konformitätszwang unterworfen:

"Sie kaufte ihm ein Brötchen, für sich selbst einen Cappuccino im Pappbecher, und schob die Kinderkarre Richtung Fischerspark, reihte sich ein in den Treck der Ottensener Vollwert-Mütter, die jeden Tag aus ihren Altbauwohnungen strömten, um ihren Nachwuchs zu lüften, die Einkäufe aus dem Bio-Supermarkt im Netz des Testsieger-Buggys, den Kaffeebecher in der Hand und im Fußsack aus reiner Schafwolle ein kleines Kind, das irgendetwas Durchgespeicheltes aus Vollkorn in der Hand hielt."

Deutschland Altes Land bei Hamburg (picture-alliance/dpa/C. Fürst)

Hinter der Idylle der bäuerlichen Fassaden können sich Dramen abspielen

Dauerbrenner der Bestsellerliste

Annes Flucht aufs Land wird zur Suche nach einem selbstbestimmten Leben. Das ist es, was sie mit ihrer Tante Vera gemein hat. Dörte Hansen erzählt das Leben der beiden parallel, bis sich die Biographien überschneiden. Es ist ihr eigener, persönlicher Erfahrungshintergrund, der dem Roman Authentizität verleiht.

Die Autorin weiß, worüber sie schreibt. Sie kennt Hamburg, wo sie studiert und als Redakteurin gearbeitet hat. Und sie kennt auch das Alte Land gut, wo sie viele Jahre gelebt und Land und Leute studiert hat. Und mit dem Plattdeutsch, das in ihrem Buch immer wieder einfließt, ist sie als gebürtige Nordfriesin schon als Kind großgeworden. Hochdeutsch war in der Schule ihre erste "Fremdsprache".

Über viele Monate war Dörte Hansens erster Roman 2015 die Nummer 1 der Bestsellerlisten. Bis dahin hatte die promovierte Sprachwissenschaftlerin vorwiegend als Kulturjournalistin für den NDR in Hamburg gearbeitet.

Dörte Hansen, Autorin (picture-alliance/dpa/A. Heimken)

Im Alten Land mit seinen Obstplantagen fühlt sich Dörte Hansen sehr zu Hause

Norddeutsche Kulturlandschaft

Die Erzählsprache der Autorin Dörte Hansen ist bildstark und treffsicher, das verdankt sie vermutlich ihrem journalistischen Hintergrund. Das Landleben wird nicht verklärt, es gibt keine falsche Romantisierung. Mit einem etwas bissig-spöttischen Blick betrachtet sie die Lebenszusammenhänge auf dem Land, liebevoll und kritisch.

Ihr historisch grundierter Roman ist zugleich amüsant und tiefgründig. Die Heimatlosigkeit der Flüchtlinge heutzutage ist die gleiche wie im Jahrhundert davor nach dem Zweiten Weltkrieg:Wie es ihnen ergeht, bleibt immer eine Frage der Mitmenschlichkeit. Das macht den Erfolg des Buches aus.

 

Dörte Hansen: "Altes Land" (2015), Knaus Verlag

Als Romanautorin ist Dörte Hansen, 1964 im friesischen Husum geboren, eine Spätberufene. Viele Jahre arbeitete sie für verschiedene Hörfunk-Sender als Autorin und Radioreporterin. Seit 2012 ist sie NDR-Kulturredakteurin - und schreibt nebenbei sehr erfolgreich Bücher. Ihr Bestseller-Roman "Altes Land" wurde 2015 vom unabhängigen Buchhandel zum "Lieblingsbuch des Jahres" gekürt. Im Oktober 2018 erschien ihr zweiter Roman "Mittagsstunde".

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