Cyberflashing: Warum verschicken Männer ungefragt Fotos von ihrem Penis? | Wissen & Umwelt | DW | 19.02.2020
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Psychologie

Cyberflashing: Warum verschicken Männer ungefragt Fotos von ihrem Penis?

Ob Dating-Chat oder Sharing-App: Immer wieder bekommen Frauen von Männern unaufgefordert verstörend intime Bilder zugesendet. Wissenschaftlich untersucht ist das Phänomen noch kaum, doch es gibt erste Anhaltspunkte.

Ein Sex-Skandal erschüttert dieser Tage die französische Politik. Der Pariser Bürgermeisterkandidat Benjamin Griveaux ist zurückgetreten. Im Internet war ein Video aufgetaucht, das mutmaßlich ihn beim Masturbieren zeigt. Er soll es an eine Geliebte geschickt haben. Griveaux hat bisher weder bestätigt noch dementiert, dass das Video von ihm stammt. Auch wenn dieser Clip anscheinend in einem einvernehmlichem Kontext versendet wurde: Die männliche Vorliebe dafür, Aufnahmen des eigenen Gemächts auch ungefragt an Frauen zu schicken, ist ein weit verbreitetes Phänomen des digitalen Zeitalters.

Laut dem britischen Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov hatten 2017 bereits 53% der Frauen zwischen 18 und 34 ein sogenanntes "Dick Pic" erhalten. Bei den Befragten zwischen 35 und 54 waren es immerhin noch 35%.

Grundsätzlich ist das Verschicken solcher Bilder an einen Partner nichts Verwerfliches. Ihm oder Ihr Nacktbilder von sich zukommen zu lassen, kann schließlich für einige ein äußerst erotisches Erlebnis sein. Gerade Snapchat bietet ein nützliches Feature. Bilder, die dort versendet werden, löscht die App automatisch, sobald das Gegenüber sie angesehen hat.

Allerdings gaben drei von vier Frauen an, diese Bilder unaufgefordert erhalten zu haben: in Chats, beispielsweise beim Online-Dating, aber auch in der Öffentlichkeit, durch Sharing-Funktionen wie AirDrop von Apple.

Cyber-flashing Symbolbild (picture-alliance/empics/K. O'Connor)

Auch an öffentlichen Orten verschicken Männer anonym per Sharing-Funktion obszöne Fotos an Frauen

Was ist Cyberflashing?

Warum aber lassen sich Männer dazu hinreißen, wildfremden Frauen Fotos ihrer Genitalien zukommen zu lassen? Eine kanadische Studie aus dem vergangenen Jahr sollte erstmals Aufschluss geben. Denn auch wenn die Nähe zum klassischen Exhibitionisten offensichtlich erscheint, ist das "Cyberflashing" bis dato psychologisch noch wenig untersucht.

1087 Männer nahmen an einer anonymen Online-Umfrage teil, bei der sowohl Motivation als auch Erwartung an das Gegenüber beim Versenden dieser Bilder untersucht wurden. Zusätzlich wurde ein demografischer Fragebogen ausgefüllt, um Daten und Neigungen der Probanden beispielsweise zu Narzissmus, Exhibitionismus und Sexismus auszuwerten.

Das häufigste angegebene Motiv war eine Art "transaktionale Denkweise": Männer verschickten die Bilder in der Hoffnung, ähnliche dafür zurückzuerhalten. Sie übertrugen ihre eigenen sexuellen Präferenzen auf das Gegenüber. Als zweithäufigsten Grund gaben die Befragten an, sich so auf eine perfide Partnersuche zu begeben.

Der Fragebogen lieferte noch weitere zum Teil erwartbare Anhaltspunkte: Männer, die angaben, schon einmal ungefragt ein Bild verschickt zu haben, zeigten ein größeres Ausmaß an Narzissmus sowie an sexistischen Vorurteilen. Ein expliziter Frauenhass ließ sich aber aus den wenigsten Fragebögen ableiten, diesen konstatierten die Forscherinnen etwa bei sechs Prozent der Befragten. Sie gaben an, dass man bei einem Großteil der Absender eher von "fehlgeleitet" denn von "hasserfüllt" sprechen könne.

Entlarvende Selbstauskunft

Eine ähnliche Beobachtung machte auch Moya Sarner Anfang 2019 im englischen Guardian, als sie quasi ins Epizentrum des digitalen Sexismus vorstieß. Auf dem User-Board Reddit fragte sie Männer einfach direkt, ob und warum sie schon einmal ein Dick Pic versendet haben. Darauf konnten diese anonym antworten, der Thread explodierte.

Auch hier fanden sich unterschiedliche Motive. Diese reichten von einem Drang nach Anerkennung des Körpers aufgrund mangelnden Selbstbewusstseins über das Ziel der Erregung bis hin zu einer Art Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sie hatten die Hoffnung, dass schon irgendwann eine darauf anspringen wird.

2016 hatte der amerikanische klinische Psychologe David Ley in einem Essay versucht, sich dem Phänomen wissenschaftlich zu nähern. Da bis zum letzten Jahr noch keine empirischen Studien vorlagen, musste er sich auf Vergleiche und Spekulationen beschränken. Bestätigen konnte die aktuelle kanadische Studie aber, dass dem Verhalten oftmals eine Fehlinterpretation des sexuellen Interesses der Frauen zugrunde liegt.

Deutschland Köln Prozess um Hacker-Angriff auf Telekom-Router (picture-alliance/dpa/M. Becker)

Das unaufgeforderte Versenden von Penis-Bildern ist eine Straftat

Spektrum an Motiven

Laut Ley neigten vor allem Männer dazu, in einem anonymen Umfeld eher sexualisierte Verhaltensweisen an den Tag zu legen. Zusätzlich zeichne männliches Paarungsverhalten schon immer eine gewisse Kühnheit und Dreistigkeit aus, negative Aufmerksamkeit sei in der Wahrnehmung oft besser als keine.

Letztlich spielt die Ablehnung der Frauen eine zentrale Rolle. Die einen erregt vor allem der Gedanke der sexuellen Ablehnung, andere haben aber genau davor Angst. Sie wollen möglicherweise vor dem ersten echten Kontakt bereits testen, ob ihr Körper sexuell attraktiv genug ist. Im Falle einer Zurückweisung sei diese weniger schmerzhaft als im realen Leben.

Die wissenschaftlichen Ergebnisse zeigen, dass das unerwünschte Versenden obszöner Bilder vor allem aus einem Unwissen von Männern gegenüber den weiblichen Präferenzen resultiert. Was der Versender gut findet, müsse eben auch der Empfängerin gefallen. Dass dies nicht der Fall sein könnte, ist vor allem "Ersttätern" teils gar nicht bewusst. Es fehlt an nötiger Aufklärung. Entsprechend müsste bereits jungen Heranwachsenden beigebracht werden, offen über ihre Gefühle und Vorlieben zu sprechen.

Was tun?

Oftmals ignorieren betroffene Frauen diese unerwünschten Bilder einfach, um dem Absender nicht auch noch die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, nach der er verlangt. Allerdings gibt es auch andere Optionen, über die sich auch die betreffenden Männer im Klaren sein sollten. Schließlich ist das unaufgeforderte Versenden von obszönen Bildern kein Kavaliersdelikt. Betroffene Frauen können solche Zusendungen publik machen bzw. strafrechtlich verfolgen lassen. In Deutschland fällt das unaufgeforderte Versenden unter den Tatbestand der Verbreitung pornografischer Schriften. Darauf stehen Geld- oder Freiheitsstrafen von bis zu einem Jahr.

Zusätzlich können sich Betroffene seit diesem Monat zumindest bei einer App davor schützen, diese "Dick Pics" sehen zu müssen. Durch die Twitter-Erweiterung safeDM lassen sich mithilfe künstlicher Intelligenz unangebrachte Bilder aus den persönlichen Nachrichten herausfiltern.