Cyber-Angriffe auf vietnamesische Exil-Seite | Asien | DW | 14.11.2021
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Vietnamesische Dissidenten

Cyber-Angriffe auf vietnamesische Exil-Seite

Die von Berlin aus publizierte vietnamesische Exil-Publikation Thoibao.de wird verstärkt im Netz sabotiert. Auch der Herausgeber bekommt es zu spüren.

Vietnam Hanoi Zwei Frauen am Laptop

Internetnutzer in Vietnam

Die 2010 in Berlin gegründete Online-Publikation Thoibao.de ist in Vietnam blockiert, ihre Inhalte sind aber dort via Facebook zu lesen. Thoibao hat sich seit 2017 zu einer der wichtigsten Alternativen zu den staatlich kontrollierten Medien in Vietnam entwickelt, sagt die Vietnam-Kennerin und Journalistin Marina Mai. Thoibao berichtet darüber hinaus über die vietnamesische Diaspora, insbesondere in Deutschland. Auf der Website, der Facebookseite und dem Youtube-Kanal zusammengenommen hat Thoibao pro Monat 20 Millionen Zugriffe, 80 Prozent davon aus Vietnam.

Gefälschte Todesanzeige

Thoibao und sein Chefredakteur und Herausgeber Trung Khoa Le stehen seit einiger Zeit erneut im Visier der Ende 2017 gegründeten vietnamesischen Cyber-Armee. So erschien am 22. Oktober auf der Facebookseite von Trung Khoa Le eine Todesanzeige. "Zur Erinnerung an Le Trung Khoa. Wir hoffen, dass dies ein Ort wird, an dem Freunde und Familienangehörige Le ehren und seiner gedenken können." Und da Le angeblich tot war, konnte er nichts mehr posten und seine Beiträge waren nur über einen Umweg lesbar. Einen Tag zuvor war dasselbe dem ebenfalls in Berlin lebenden Exilblogger Bui Thanh Hieu passiert. Nachdem beide sich bei Facebook Deutschland gemeldet hatten, wurden die Todesanzeigen innerhalb weniger Stunden zurückgezogen und beide hatten wieder Zugang.

Facebook-Accounts im Visier

Le aber nur für kurze Zeit: Seit 1. November hatte er keinen Zugriff mehr auf seine Facebook-Seite, die von ihm hinterlegten Mail-Adresse und Telefonnummer zur Wiederanmeldung waren nicht mehr gültig. Die Seite wurde statt dessen mit einer neuen, ihm unbekannten Telefonnummer und E-Mail-Adresse verbunden. Wenn sich Informanten und freie Mitarbeiter in Vietnam an ihn via Facebook wenden wollen, dann landen sie vermutlich bei Mitarbeitern des vietnamesischen Geheimdienstes, fürchtet Le. "Für diese Leute besteht Lebensgefahr und die Gefahr, inhaftiert zu werden. Für Korrespondenten etwa in Thailand besteht die Gefahr, durch den vietnamesischen Geheimdienst nach Vietnam entführt zu werden", sagt Trung Khoa Le. "Und Facebook bleibt untätig, obwohl ich Facebook Deutschland sofort am 1. November informiert habe."

Facebook Deutschland hatte auf Nachfrage der DW zunächst keine Erklärung für das Ausbleiben einer Reaktion auf die Bitte von Le um erneuerten Zugang zu seinem Account. Eine Sprecherin bot Unterstützung an, so dass Le am Donnerstag wieder seinen Account nutzen konnte.

Bereits 2018 hatten Angreifer mit einem Trick dafür gesorgt, dass die Facebook-Accounts von Le und der Webseite gesperrt wurden. Der Deutschlandfunk berichtete damals: "Über Nacht wurde (Le) von Dritten ungefragt zum Administrator einer Facebook-Gruppe ernannt, die besonders drastisch gegen die Gemeinschaftsstandards von Facebook verstieß. Da Le als Administrator eingetragen worden war, ging der Algorithmus, der derlei Verstöße ahndet, davon aus, dass er dafür verantwortlich ist. Das hatte zur Folge, dass sein persönliches Facebook-Konto und das von Thoibao.de automatisch gesperrt wurden. Facebook gab nicht bekannt, wer für die Attacke verantwortlich ist. Khoa Le Trung ist sich sicher, dass die Regierung in Hanoi dahinter steckt." Facebook hatte als Reaktion seine Nutzerbedingungen geändert, so dass eine Eintragung als Gruppen-Administrator nur noch mit ausdrücklicher Einwilligung möglich ist.

Screenshot THOIBAO.DE – Vietnamesische Webseite in Deutschland

THOIBAO.DE in "labilem Zustand"

Gleichzeitige Manipulationen in mehreren Ländern

Nur einen bzw. zwei Tage vor dem Diebstahl des Facebook-Accounts von Le gab es weitere Cyber-Angriffe gegen Thoibao. Zunächst gegen die Facebook-Seite der Publikation: Diese erschien plötzlich unter dem Namen "Viet Nam Muon Nam 79" ("Ewig lebe Vietnam 79"). Gleichzeitig waren auch die Namen der Facebook-Seiten von vietnamesischsprachigen Medien aus den USA und Großbritannien: BBC, Radio Free Asia und Voice of America, in patriotisch klingende Sprüche geändert worden.

Alle vier Medien hatten die Facebook-Zentralen ihrer jeweiligen Staaten informiert, worauf die Änderungen rückgängig gemacht wurden. Am nächsten Tag ging es aber weiter: Die Seite Thoibao.de wurde aus Vietnam so stark per "Denial of Service" (DoS) angegriffen, dass sie vorübergehend vom Netz genommen werden musste. Inzwischen ist sie laut Trung Khoa Le "in labilem Zustand" wieder funktionsfähig.

Thoibao.de hat das Bundeskriminalamt wegen der Manipulationen an der Facebookseite sowie das Berliner Landeskriminalamt wegen der DoS-Angriffe informiert. Auch die Organisation "Reporter ohne Grenzen" wurde in Kenntnis gesetzt.

Heikle Beziehung Facebook–Vietnam

Anfang 2020 hatte Vietnam den Druck auf Facebook erhöht, indem es dessen örtliche Server vorübergehend vom Netz trennte. Das Unternehmen sollte stärker gegen "staatsfeindliche" Beiträge vorgehen. Vietnam ist für Facebook bzw. jetzt Meta einer der wichtigsten Märkte in Südostasien, mit jährlichen Einnahmen von rund einer Milliarde US-Dollar. In seinem Transparenz-Bericht vom November vergangenen Jahres gab Facebook an, in der ersten Jahreshälfte in Vietnam insgesamt 834 Posts blockiert zu haben, darunter waren auch solche von Trung Khoa Le. Der amerikanische Internet-Riese sieht sich als Plattform für Meinungsfreiheit in der staatlich kontrollierten Medienlandschaft Vietnams. Amnesty International und andere kritisieren hingegen den Konzern, weil er Profitinteressen höhere Priorität als Wahrung der Menschenrechte einräume.

 

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