COVID-19: Herdenimmunität in Manaus? | Amerika - Die aktuellsten Nachrichten und Informationen | DW | 08.10.2020
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Brasilien

COVID-19: Herdenimmunität in Manaus?

Untersuchungen von Blutspenden legen nahe, dass die Millionenmetropole im brasilianischen Urwald die Herdenimmunität erreicht hat. Eine neue Infektionswelle wirft jedoch Fragen auf, wie lange diese Immunität hält.

Manaus, Brasiliens Amazonasmetropole mit zwei Millionen Einwohnern, wurde im April und Mai dieses Jahres besonders hart von COVID-19 getroffen. Bilder von Massenbestattungen und überfüllten Krankenhäusern gingen damals um die Welt. Die offiziellen Zahlen gehen bisher von knapp 50.000 Infizierten und rund 2.500 Toten im Zusammenhang mit der Pandemie aus.

Da viele daheim gestorbene Opfer ungetestet bestattet wurden, dürfte es eine hohe Dunkelziffer geben. Alleine in der ersten Maiwoche starben in Manaus fast fünfmal so viele Menschen wie im sonstigen Durchschnitt, was die Dimension zeigt, mit der das Virus wütete. Nach diesem Höhepunkt nahmen die Fälle jedoch rapide wieder ab. Was war passiert?

Studie anhand von Blutspenden

Eine unter Leitung der Wissenschaftlerin Ester Cerdeira Sabino vom Institut für Tropenmedizin der Universität von São Paulo durchgeführte Analyse kommt zu dem Schluss, dass Manaus einen derart hohen Infektionsgrad erreicht hatte, dass von einer Herdenimmunität gesprochen werden kann. Dies würde erklären, wieso die Fallzahlen im Juni derart rapide abnahmen.

Coronavirus | Brasilien Trauer um Covid-19-Opfer

Im Frühjahr wurde Manaus von der Corona-Pandemie hart getroffen

Das Team untersuchte Blutspenden, die zwischen Februar und August beim Krankenhaus Fundação Hospitalar de Hematologia e Hemoterapia do Amazonas (HEMOAM) hinterlegt wurden. Für jeden Monat standen dabei zwischen 800 und 1100 Proben zur Verfügung. Allerdings ist die am 21. September auf dem auf medizinische Texte spezialisierten Dokumentenserver MedRvix veröffentlichte Studie eine Vorabversion. Sie ist bisher weder einer fachlichen Prüfung durch ein Peer Review unterzogen noch formal veröffentlicht worden. Deshalb zogen es die Wissenschaftler zunächst vor, ihre Studie nicht zu kommentieren.

Die Pandemie ist nicht vorbei

Trotzdem wurden die ungeprüften Ergebnisse in Brasilien und weltweit von der Presse veröffentlicht. Dabei sei vielfach der falsche Schluss gezogen worden, dass mit dem Erreichen der Herdenimmunität die Gefahr vorbei sei. Solche Falschinterpretationen kämen zustande, wenn "wissenschaftliche Erkenntnisse einfach so direkt in die Medien gelangen", so Ester Cerdeira Sabino gegenüber der Deutschen Welle (DW). "In der Presse wurde das Konzept der Herdenimmunität anders benutzt als wir das [mit unserer Studie] getan haben." Herdenimmunität sei "der Moment, wenn die Zahl der Infizierten zurückgeht, und nicht, wenn die Epidemie endet".

Die Untersuchung profitierte davon, dass die Blutproben sechs Monate lang aufbewahrt werden müssen. "Wir haben das Vorhandensein von Antikörpern in den Spenderproben getestet, und somit Rückschlüsse auf die Entwicklung der Krankheit erhalten", sagt Sabino. Die Datenanalyse für Juli und August ergab dabei, dass fast exakt zwei Drittel der Proben positiv waren. Damit sei die Herdenimmunität erreicht, so Sabino. "Aber das heißt nicht, dass die Pandemie vorbei ist. Sie geht weiter, eben nur in kleinerem Umfang."

Brasilien Massengräber und Krankenhäuser| Krankenhaus in Manaus

Die Intensivstationen in den Krankenhäusern von Manaus sind mittlerweile wieder zu mehr als 70 Prozent ausgelastet

"Was sich in Manaus entwickelt hat, war tatsächlich eine gewisse Herdenimmunität", sagt die Biologin Natália Pasternak Taschner von der Universität São Paulo der DW. "Wieso nur eine gewisse? Weil wir eine komplette Herdenimmunität nur mit Hilfe einer Impfung erreichen."

Erlebt Manaus gerade eine zweite Welle?

Seit Ende September verzeichnet Manaus wieder steigende Fallzahlen. So wurden sieben Todesfälle pro Tag gemessen, sechs Prozent mehr als im Durchschnitt der 14 Tage zuvor. In Krankenhäusern steigt zudem die Belegung der Intensivbetten. Die Auslastung liegt derzeit bei mehr als 70 Prozent. Eine Studie der öffentlichen Gesundheitsstiftung Oswaldo Cruz (Fiocruz) kam deshalb zu dem Schluss, dass Manaus eine zweite Welle erlebt.

Die nach dem Rückgang der Fallzahlen im Juni erlassenen Lockerungen hatten zu Menschenansammlungen an Stränden und auf Festen geführt. Die Behörden ordneten nun die erneute Schließung von Bars und öffentlichen Badeanstalten an, die Öffnungszeiten von Geschäften und Restaurants wurden für 30 Tage reduziert.

Brasilien Amazonas nahe Manaus

Das Leben kehrte zwischenzeitlich an die Strände des Amazonas zurück - doch damit stiegen auch die Infektionszahlen wieder

Eine Öffnung führe unweigerlich zu erhöhten Fallzahlen, solange man keine strikteren Distanz- und Hygieneregeln einführt, um die noch nicht Infizierten zu schützen, sagt Natália Pasternak. "Dieser rasche Anstieg der Fallzahlen in Manaus, gefolgt von einem abrupten Rückgang und einem erneuten Anstieg nun entspricht genau dem natürlichen Verhalten einer Epidemie, wenn man sie einfach so gewähren lässt."

Nimmt die Immunität rasch wieder ab?

"Ich halte es noch für verfrüht, von einer zweiten Welle zu sprechen", sagt Ester Sabino. Wenn die Fallzahlen nun wieder zunehmen, könnte das bedeuten, dass die Immunität der bereits infizierten Personen rasch wieder abnehmen könnte.

"Und dass die Leute sich jetzt wieder neu anstecken", so Sabino. Derzeit gibt es jedoch noch keine zuverlässigen Erkenntnisse darüber, wie lange die Immunität anhält und ob man sich deshalb mehrmals infizieren kann.

Herdenimmunität als Strategie?

Die Pandemie einfach laufen zu lassen, um möglichst rasch die Herdenimmunität zu erreichen, wie von einigen Regierungen zu Beginn der Pandemie angedacht, sei eine gefährliche Strategie. Und wohl eher eine Ausrede, um nichts zu tun, sagt Pasternak. "Der Preis dafür ist sehr hoch, wie jetzt in Manaus geschehen. Wenn wir nicht Quarantänemaßnahmen ergreifen und danach eine effiziente Impfkampagne durchführen, werden wir das Virus nicht eliminieren können."

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