Corona: Prostituierte dürfen wieder arbeiten | Deutschland | DW | 12.09.2020
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Deutschland

Corona: Prostituierte dürfen wieder arbeiten

Die Coronakrise traf sie mit am härtesten: die Prostituierten. Ein halbes Jahr dauerte das Berufsverbot für die Sexarbeit, in vielen Bundesländern dürfen sie jetzt wieder anschaffen. Stephanie Klee meint: höchste Zeit.

Wenigstens hat Stephanie Klee ihren Humor nicht verloren. Auf die Frage, wie alt sie sei, antwortet die Prostituierte mit einem Lachen: "Nein, das sage ich Ihnen nicht, Sie wissen doch, alle Huren lügen." Die Wahrheit ist: Klee ist 58 Jahre alt, als Gründerin und Vorstand des Bundesverbandes Sexuelle Dienstleistungen die Stimme der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in Deutschland und immer noch stocksauer: "Die Politik ist in Coronazeiten schäbig mit uns umgegangen, sie haben uns ganz bewusst übersehen. Was mit uns Prostituierten ist, interessiert keinen! Dabei sind wir mindestens so systemrelevant wie die Friseure."

Immerhin: Das Oberverwaltungsgericht Münster hat das Verbot von sexuellen Dienstleistungen in Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland Nordrhein-Westfalen gekippt, in den meisten Bundesländern dürfen die Prostituierten ebenfalls wieder anschaffen. "Viele wussten nicht, wie sie am nächsten Tag ihren Kühlschrank füllen sollten, sie hatten kein finanzielles Polster und mussten sich Geld leihen", sagt Klee. Vor allem die Frauen aus Osteuropa seien verzweifelt: "Die haben hier zum Teil Steuern bezahlt und bekommen jetzt noch nicht einmal Grundsicherung, weil sie eben im Ausland sind."

Prostitution Corona-Verlierer

Gäbe es eine Liste der größten Verlierer in der Corona-Krise, die Prostituierten gehörten dazu. Am 16. März verhängen alle Bundesländer ein Verbot für alle Bereiche der Sexarbeit. Laufhäuser, Straßenstrich, Saunaclubs - von einem Tag auf den anderen geschlossen. Offiziell. Während viele Osteuropäerinnen Europas größtes Bordell, das Pascha in Köln, Hals über Kopf Richtung Heimat verlassen, arbeiten andere Prostituierte weiter - online, illegal und oft schutzlos.

Deutschland Köln | Rechte von Prostituierten | Stephanie Klee (picture-alliance/dpa/H. Galuschka)

"Viele Prostituierten haben ihr Vertrauen in die Politik verloren" - Stephanie Klee

Denn das älteste Gewerbe der Welt lässt sich nun einmal nicht einfach so verbieten. Als Klee sich vor einigen Wochen mit ihren Mitstreiterinnen im Bordell trifft, um zu überlegen, wie gekaufter Sex mit Corona aussehen könnte, klingelt das Telefon unaufhörlich, ständig wird an der Tür geklopft. "Die Männer haben immer wieder versucht, den Kontakt zu halten, und sei es nur, um ein bisschen zu plaudern", erinnert sich Klee.

Der Branche droht das Schicksal vieler Bars und Restaurants, nicht nur das Pascha steht vor der Insolvenz. "Viele Betriebe werden die Zeit nicht überstehen, weil die Schulden zu hoch sind und mit Sicherheit auch nicht alle Kunden zurückkommen", befürchtet Stephanie Klee. Bordelle sind das eine, doch wie soll der gekaufte Sex der Zukunft aussehen, mit Corona, Abstand und Maskenpflicht? "Wir werden kreativer sein und uns an Sexualpraktiken erinnern müssen, die wir vorher ein wenig verdrängt oder vergessen haben. Weniger mechanisch", sagt Klee mit einem Schmunzeln.

Verbote der Prostitution zwecklos

Anne Rossenbach, Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Köln (privat)

"In Deutschland fehlt es immer noch an gesellschaftlicher Akzeptanz für die Prostitution" - Anne Rossenbach

Man kann für die Prostitution kämpfen wie Stephanie Klee, die vor knapp 20 Jahren erfolgreich ihren Lohn einklagte und damit der Sexarbeit den Weg zur gewerblichen Anerkennung bahnte. Man kann Prostitution verurteilen und versuchen sie zu verbieten - wie Menschenrechtsorganisationen und Politiker, welche die sexuelle Ausbeutung und die Vergewaltigungen anprangern. Oder man sieht die Prostitution pragmatisch wie Anne Rossenbach: "Verbote helfen uns nicht, das hat Corona gezeigt. Prostitution geht weiter. Und jetzt können die Prostituierten wieder ihr eigenes Geld erwirtschaften und zurück in die Legalität."

Rossenbach arbeitet an der Basis, beim Sozialdienst katholischer Frauen in Köln, und hat seit Jahresanfang wegen Corona mehr Prostituierte beraten als normalerweise das ganze Jahr über. Sie hat Handys mit Guthaben aufgeladen, um Anrufe nach Rumänien zu ermöglichen, hat Lebensmittelpakete besorgt und beim Ausfüllen von Hartz IV-Anträgen geholfen. "Aufsuchende Arbeit" nennt Rossenbach das: "Wo fehlt etwas? Was können wir tun? Was brauchen Laura, Josephine und Jennifer und vielleicht auch Klaus?"

Stolz verweist die Referentin für Öffentlichkeitsarbeit auf das Erfolgsprojekt im Kölner Norden, das schon von mehreren Städten kopiert wurde: ein legaler Straßenstrich, mit Toiletten, Duschen und Essensautomaten, seit 20 Jahren getragen von allen Ratsparteien, mit Präsenz der Stadt und des Sozialdienstes. "Im Beratungscontainer ist das Gesundheitsamt - und wir von im Sozialdienst sind 365 Tage im Jahr dort für die Frauen da. In den ganzen Jahren ist es fast nie zu einem gewaltsamen Übergriff gekommen."

Köln | Straßenstrich in Köln-Niehl: Prostitutionsverbot aufgehoben (DW/O. Pieper)

Keine Fotos, Zugang erst ab 18 Jahren, immer mit Kondom - der legale Straßenstrich in Köln-Niehl

Gezielte Ausstiegerprogramme mit Perspektive

Auch weil das Sicherheitskonzept greift: In den "Verrichtungsboxen" kann der Fahrer seine Tür nicht öffnen, die Frauen auf der Beifahrerseite schon. Kommt es tatsächlich zu Gewalt, können sie einen Alarm auslösen. "Köln hat auch einige Qualitäten", erklärt Rossenbach lakonisch, "das Wichtigste ist aber tatsächlich, dass es flächendeckend Hilfsorganisationen gibt, die über sexuelle Krankheiten aufklären und den Menschen auch helfen, wenn sie aus der Prostitution herauswollen."

Deutschland habe da jahrelang die falschen Angebote gemacht und alle Prostituierten direkt in die Pflege stecken wollen. Anne Rossenbach schaut sich lieber die Lebensläufe an: Ist da vielleicht ein abgebrochenes Studium oder eine Ausbildung, die wieder aufgenommen werden könnten? Prostituierte steigen nur aus, wenn sie eine Perspektive sehen. "Rahab+" heißt das Aussteigerprogramm, welches der Sozialdienst katholischer Frauen seit neuestem anbietet.

1999 hat die ausgebildete Politikwissenschaftlerin damals noch im Bundestag das Prostitutionsgesetz mit auf den Weg gebracht, um die rechtliche und soziale Situation der Prostituierten zu verbessern. Fragt man Anne Rossenbach zwei Jahrzehnte später, wie sie daran anknüpfen würde, antwortet sie: "Man müsste die Armut in Rumänien und Bulgarien bekämpfen, um einen Teil der Prostitution auszutrocknen. Und hier in Deutschland die Gesundheitsämter so mit Personal ausstatten, dass die sich nicht nur um Schulaufsicht und Infektionsketten, sondern auch ausreichend um die Prostituierten kümmern."

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