Corona in Russland: Unvollständige oder geschönte Zahlen? | Europa | DW | 19.06.2020
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Europa

Corona in Russland: Unvollständige oder geschönte Zahlen?

Russland verzeichnet mehr als eine halbe Million Corona-Infizierte. Damit liegt das Land weltweit an dritter Stelle. Doch offiziell gibt es weniger als 8000 COVID-19-Tote. Das könnte mit Manipulationen zusammenhängen.

In Anna Klotschkowas Wohnzimmer steht ein Foto ihrer Mutter Galina Olejnik. Als diese an COVID-19 erkrankte, habe sie die Ärzte anflehen müssen, ihre Mutter in eine Klinik zu bringen, berichtet Anna. Doch Galina verstarb in einem Krankenhaus in der Region Jaroslawl am 21. Mai. Sie selbst hatte als Rezeptionistin in einem Gesundheitszentrum in Pereslawl-Salesski gearbeitet. Dort hatte sie sich wohl mit dem Coronavirus angesteckt. Auf der Arbeit gab es keine Schutzausrüstung. "Ich habe meiner Mutter selbst vierlagige Masken mit Gummibändern genäht", sagt Anna.

In Russland muss das Coronavirus als Todesursache von einem Pathologen bestätigt werden. Bei Galina wurde aus diesem Grund eine Autopsie angeordnet. Anna zeigt die Sterbeurkunde und sagt: "Die neue Coronavirus-Infektion gilt als eine der Todesursachen. Am Tag, als meine Mutter starb, gab es hier offiziell nur einen männlichen Corona-Toten. Meine Mutter taucht in der Statistik nicht auf."

Russland | COVID-19-Statistik | Anna Klotschkowa zeigt die Sterbeurkunde ihrer Mutter (DW/K. Gabow)

Anna Klotschkowa zeigt die Sterbeurkunde ihrer Mutter

Den Tod des Mannes bestätigte der Gouverneur der Region Jaroslawl, Dmitrij Mironow, auf seiner Facebook-Seite. Aber die Angaben zu den Corona-Toten in der Region Jaroslawl änderten sich danach eine Woche lang nicht. Die DW bat im Gesundheitsamt der Region um Klärung. Noch liegt keine Antwort vor.

Zweifel an offiziellen Zahlen

Bereits im Mai stellten die "New York Times" und die "Financial Times" die russischen Zahlen infrage und wiesen darauf hin, dass 70 Prozent der COVID-19-Todesfälle in Moskau und St. Petersburg in den offiziellen Statistiken gar nicht enthalten seien. Die russischen Behörden hingegen behaupten, die offiziellen Zahlen seien korrekt. Das Gesundheitsministerium der Russischen Föderation teilte auf Anfrage der DW mit, die Zählmethode basiere auf den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

WHO-Nothilfedirektor Michael Ryan allerdings erklärte, die russische Statistik zur Coronavirus-Sterblichkeit sei "schwer verständlich" und die Diskrepanz zwischen der Anzahl der Erkrankten und der Verstorbenen "ungewöhnlich". Daraufhin sagte die Vertreterin der WHO in Russland, Melita Vujnovic, im Gespräch mit dem russischen Sender "Business FM", Ryan sei kein Statistiker und verfüge über keine Erfahrung auf diesem Gebiet. Er habe lediglich seine eigene Meinung geäußert. "Seitens der WHO gibt es jedenfalls gegenüber Russland keine Beanstandungen", so Vujnovic.

Dennoch werfen die COVID-19-Daten Fragen auf. Beispielsweise gibt es in der Region Archangelsk zwei Listen. Artjom Wachruschew, Vizechef der Regionalregierung, bestätigte der DW, dass es für die Stadt Sewerodwinsk eine separate Statistik gibt. "Ein Teil der Bevölkerung wird von der Föderalen Agentur für Medizin und Biologie (FMBA) betreut. Das sind meist Mitarbeiter von Rüstungsunternehmen. Die FMBA führt ein separates Register für Patienten, und diese werden in den Statistiken für die Region Archangelsk auf der Website 'stopcoronavirus.rf' nicht berücksichtigt", so Wachruschew. Wo die von der FMBA erhobenen Daten einfließen, teilte das Gesundheitsministerium der DW nicht mit.

Russland | COVID-19-Statistik | Boris Owtschinnikow (privat)

Boris Owtschinnikow bezweifelt die offiziellen Zahlen

Zweifel an den offiziellen Zahlen hat auch Boris Owtschinnikow von der russischen Forschungsagentur "Data Insight". Er analysierte die Angaben zum Anstieg der Corona-Infizierten in Russland vom 30. April bis 24. Mai und stellte fest, dass in diesem Zeitraum die Zahlen viermal mit den Ziffern 99 endeten: Am 30. April waren es 7099, am 8. Mai - 10.699, am 12. Mai - 10.899 und am 24. Mai - 8599. "Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass Zahlen in so einem Zeitfenster viermal hintereinander auf 99 enden, ist gering", sagte Owtschinnikow der DW und fügte hinzu: "Offenbar wollten die Behörden eine runde Zahl angeben. Aber sie wissen auch, dass die Menschen das vermutlich verdächtig finden. Bevor sie die Zahlen veröffentlicht haben, haben sie sie auf 99 geändert." Owtschinnikow schließt somit nicht aus, dass die regionalen und föderalen Zahlen manipuliert sind.

Mediziner führen eigene Liste

Ende Mai veröffentlichte das russische Gesundheitsministerium eine Liste mit 101 Namen von Ärzten, die mit SARS-CoV-2 gestorben sind. Doch russische Ärzte führen längst eine eigene Statistik - die "Gedenkliste", auf der inzwischen über 400 Personen stehen. Der Moskauer Anästhesist Aleksej Erlich gehört zu denjenigen, die sie initiiert haben. Er hält die offiziellen Daten ebenfalls für unvollständig: "Das Ministerium hat das medizinische Hilfspersonal von der Liste der Mitarbeiter ausgeschlossen und Pflegerinnen zu Reinigungskräften erklärt. Auf unserer Gedenkliste stehen auch Krankenwagenfahrer, die nicht als medizinisches Personal gelten."

 Arzt Alexei Ehrlich Russland (privat)

Aleksej Erlich erhebt Vorwürfe gegen die Behörden

Erlich geht davon aus, dass der Föderale Dienst für die Aufsicht im Bereich Verbraucherschutz und Schutz des menschlichen Wohlergehens (Rospotrebnadsor) lügt. Die Chefin der Behörde, Anna Popowa, hatte erklärt, dass sich die Sterblichkeitsrate unter Ärzten während der Pandemie im Vergleich zu anderen Zeiträumen praktisch nicht verändert habe. "Viele Ärzte werden nicht getestet. Ich weiß von Krankenhäusern, wo Tests verboten sind, um die Statistik zu schönen. Menschen sterben, tauchen aber in der Corona-Statistik nicht auf", so Erlich, der selber mit dem Coronavirus infiziert war.

Für das russische Gesundheitsministerium gilt die verstorbene Galina Olejnik, die am Empfang eines Gesundheitszentrums in Pereslawl-Salesski tätig war, nicht als medizinisches Personal. Daher bekommen ihre Angehörigen auch keine finanziellen Hilfen. Auf jener Gedenkliste der Ärzte wird sie indes erwähnt. Für ihre Tochter Anna Klotschkowa nur ein schwacher Trost. Sie konnte nicht einmal zur Beerdigung ihrer Mutter kommen, weil sie sich selbst bei ihr mit dem Coronavirus angesteckt hatte und in Quaratäne war. Anna ist überzeugt, dass man auch bei ihr lange keinen Abstrich nehmen wollte, nur um die Statistik zu schönen.

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