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Computer oder Bücher - womit lernen Kinder besser?

Fred Schwaller
17. Februar 2024

Experten streiten darüber, ob Kinder besser digital oder mit gedruckten Materialien lernen. Dabei ist für die Bildung entscheidender, ob Kinder arm oder reich aufwachsen.

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Klassenzimmer mit vielen bunten Postern und Lernmaterialien
Ein vielfältiges Lernumfeld ist für Kinder extrem wichtigBild: Madeleine Kelly/ZUMA Press Wire/picture alliance

Der antike griechische Philosoph Sokrates sagte, dass das Aufschreiben von Dingen die Menschen vergesslich machen würde. Heute, Tausende von Jahren später, sind wir in der glücklichen Lage, über Sokrates' Gedanken zu diskutieren - eben weil sie aufgeschrieben wurden.

Experten sagen oft, dass das geschriebene Wort - etwa in Büchern - am besten ist, und dass Computer sich negativ auf das Lernen auswirken, und zwar fast aus denselben Gründen, aus denen Sokrates gegen das Aufschreiben war: Vergesslichkeit, denn wer alles nachschauen (oder googlen) kann, muss sich nichts mehr merken.

Weil immer mehr Klassenzimmer von gedruckten auf digitale Lehrmittel umsteigen, untersuchen Forschende die Auswirkungen auf das Lernen der Kinder. Das Gebiet ist neu und die Erkenntnisse sind nicht einheitlich - es gibt keinen wissenschaftlichen Konsens darüber, ob Kinder besser mit Büchern oder digitalen Medien lernen.

In einer Studie an Grundschulen in Honduras wurde beispielsweise festgestellt, dass der Ersatz von Schulbüchern durch Laptops letztlich keinen Unterschied in der Lernleistung der Schüler und Schülerinnen ausmachte - weder positiv noch negativ. Es scheint also, dass beide Formen des Lernens - gedruckt und digital - je nach Person und Situation effektiv sein können oder eben nicht.

Frühes Lernen hilft der Gehirnentwicklung

Mit Hilfe der Neurowissenschaft können Pädagogen entscheiden, welche Hilfsmittel in den verschiedenen Entwicklungsstadien eines Kindes eingesetzt werden sollten. Neurowissenschaftler haben gezeigt, dass Lernen und Gedächtnisbildung zu neuen Verbindungen im Gehirn führen. Das Gehirn ist plastisch, also formbar - es wächst und löscht Verbindungen zwischen Neuronen, während wir Erinnerungen bilden, lernen und vergessen. Das gilt für alle Altersgruppen, aber besonders bei Kindern.

Training fürs Gedächtnis

Die Plastizität des Gehirns hängt in hohem Maße von unseren Erfahrungen und unserer Umgebung ab. Studien haben herausgefunden, dass wir umso mehr lernen, je reichhaltiger unser Lernumfeld in der Kindheit ist. Es beeinflusst auch die Art und Weise, wie unser Gehirn neue Dinge für den Rest unseres Lebens lernt.

Das beste Beispiel dafür ist das Sprachenlernen. Kinder lernen im Vergleich zu Erwachsenen sehr viel leichter eine zweite Sprache, weil ihr Gehirn plastischer ist. Darüber hinaus können Erwachsene, die in ihrer Kindheit zwei Sprachen gelernt haben, viel schneller eine dritte Sprache lernen als Erwachsene, die in ihrer Kindheit nur eine Sprache gelernt haben - ihr Gehirn ist auf das Erlernen von Sprachen trainiert worden.

Am anderen Ende des Spektrums verändert der Entzug von Sinneseindrücken in der Kindheit das Gehirn dauerhaft zum Schlechten. Kinder, denen verschiedene Erfahrungen vorenthalten werden - zum Beispiel weniger Berührungen und Interaktionen mit Erwachsenen, weniger Anblicke und Geräusche und wenig Zugang zum Lernen - können kleinere Gehirne entwickeln. Diese Veränderungen lassen sich später im Leben oft nicht mehr rückgängig machen.

Vorteile vielfältiger Lernerfahrungen

Was bedeutet das für die Bildung? Kinder müssen mit so vielen verschiedenen Arten von Lernmitteln wie möglich in Berührung kommen, sowohl mit digitalen als auch mit "altmodisch" gedruckten. Auch mit der Hand schreiben (auf Papier!) hilft beim Lernen. Studien zeigen, dass das Gehirn beim Schreiben aktiv an der Aufzeichnung beteiligt, beim Tippen jedoch weniger aktiv ist.

Aber auch die Nutzung digitaler Lernplattformen kann eine reichhaltigere Erfahrung bedeuten: Eine Fülle von Animationsfilmen, belohnungsbasierte Lern-Apps, virtuelle Klassenzimmer und KI-Tools wie ChatGPT können Schüler auf interaktive Weise zum Lernen motivieren.

Die Forschung hat gezeigt, dass digitale Technologien die Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten, die manuelle Geschicklichkeit und das visuell-räumliche Arbeitsgedächtnis verbessern, wenn sie in einem Lernkontext eingesetzt werden. Die positiven Ergebnisse beeinflussen alle Bereiche des Lernens eines Kindes, einschließlich Sprache, Lese- und Schreibfähigkeit, Mathematik, Naturwissenschaften, Allgemeinwissen, kreatives Denken - die Liste ist endlos.

Großer Bildschirm in Klassenzimmer in der Ukraine mit Lehrerinnen und Schülerinnen
Immer mehr Klassenzimmer, wie hier in der Ukraine, sind digital ausgestattetBild: Madeleine Kelly/ZUMAPRESS.com/dpa/picture alliance

PCs: Auswirkungen auf körperliche und geistige Gesundheit

Die digitalen Technologien sind allerdings nicht ausschließlich unbedenklich. Einige Studien zeigen, dass sich Computer negativ auf die Aufmerksamkeit auswirken können. Untersuchungen stellten außerdem fest, dass Kinder Computer passiv nutzen, anstatt sie als aktives Lernwerkzeug zu verwenden, das das Gehirn anregt. Ob diese negativen Auswirkungen kurzfristig oder dauerhaft sind, ist noch nicht klar.

Einige Studien deuten auch darauf hin, dass eine übermäßige Computernutzung die körperliche und geistige Gesundheit beeinträchtigt. Das könnte aber eher mit dem langen Sitzen zu tun haben als mit den Computern selbst. Deshalb ist es für die Entwicklung von Kindern und auch für ihre schulischen Leistungen wichtig, draußen zu spielen und aktiv zu sein.

Das eigentliche Problem bei der Bildung ist Armut

Bei der Bildung eines Kindes spielen viele Faktoren eine Rolle. Das häusliche Umfeld ist ebenso wichtig wie die Materialien und Technologien, die sie zum Lernen verwenden. Eines der größten Probleme im Bildungsbereich ist die Armut und der damit einhergehende schlechte Zugang zu Büchern und Computern.

Dieses Problem wurde vor allem während der COVID-19-Pandemie deutlich, weil Kinder aus benachteiligten Verhältnissen in Zeiten, in denen die Schulen geschlossen waren, zu Hause die nötigen Lernmitteln und Unterstützung fehlten. Dies zeigte beispielsweise eine im Vereinigten Königreich durchgeführte Untersuchung, die ergab, dass ein Drittel der Schüler in benachteiligten Regionen während der Pandemie keinen angemessenen Zugang zu häuslichen Lernmitteln hatte.

Studien zufolge führte das zu einer Verschlechterung der schulischen Leistungen dieser Kinder. Dieses Ergebnis ist vor allem auf die ungleichen Bildungschancen zurückzuführen. Ein Trend, der weltweit zu beobachten ist.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert.