″Ekrem Bruder, alles wird gut!″ | Europa | DW | 16.05.2019
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Türkei

"Ekrem Bruder, alles wird gut!"

Demokratie oder Diktatur? Für viele Türken entscheidet sich genau das bei der kommenden Neuwahl in Istanbul. Der CHP-Kandidat Imamoglu wurde erfinderisch - ein emotionaler Hashtag versprüht Hoffnung auf einen Wandel.

"Her şey çok güzel olacak" - "Alles wird sehr gut". Den Wahlkampfslogan der größten Oppositionspartei CHP hört man zurzeit überall auf den Straßen Istanbuls. Wo auch immer der Bürgermeister-Kandidat Ekrem Imamoglu in Istanbul erscheint, rufen ihm seine Anhänger die Worte zu. Um ihre Solidarität zu bekunden, haben bereits Hundertausende Nutzer den Slogan per Hashtag auf Twitter verwendet. Videos mit dem Hashtag gehen viral - zuletzt eine Aufnahme, die eine Fankurve während eines Fußballspiels zeigt. Die Fans der Fußballmannschaft Besiktas Istanbul ließen die Worte "Alles wird sehr gut", eingebettet in ihre Fangesänge, durch das Stadion schallen.

15-Jähriger tritt Bewegung los

Der Slogan "Alles wird sehr gut" stammte nicht von irgendeinem einfallsreichen Kampagnen-Manager. Er kam mitten aus dem Volk und hat eine rührende Vorgeschichte:

Der 15-jährige Istanbuler Berkay nimmt kurz nach den Kommunalwahlen am 31. März an einer Veranstaltung Imamoglus teil. Weil ihm die Sicht versperrt wird, er aber dennoch seinen Hoffnungsträger zu Gesicht bekommen möchte, rennt er mit seinen Freunden kilometerweit dem Kampagnenbus hinterher. Als es ihnen gelingt, den Bus einzuholen, geht sofort das Fenster herunter. Der gewählte Bürgermeister bedankt sich herzlich für ihre Unterstützung und wird im Gegenzug frenetisch von den Jugendlichen gefeiert. "Ekrem Bruder, alles wird gut! Ich liebe dich", ruft Berkay seinem Idol zu. "Genauso ist es, junger Mann. Alles wird gut", entgegnet ihm Imamoglu, dem die optimistische Botschaft zu gefallen scheint. 

Imamoglu machte den "jungen Mann" ausfindig, er ist nun in dem aktuellen Wahlwerbespot zu sehen. "Ich sehe Hoffnung und keine leeren Versprechen bei ihm. Wir sehen, wie er sich Mühe gibt. Da ist jemand, der uns versteht und uns eine Stimme gibt", begründet Berkay seine Begeisterung für den Politiker.  

Alles wird sehr gut - eine Durchhalteparole

Der Slogan "Alles wird sehr gut" wurde erst über fünf Wochen nach den Kommunalwahlen einem breiten Publik bekannt. Als der Hohe Wahlrat (YSK) die Kommunalwahlen, aus denen Imamoglu zunächst als knapper Sieger hervorging, annullierte und Neuwahlen für den 23. Juni ansetzte, traf der Spruch einen Nerv. Er wurde zu einer Durchhalteparole unter Oppositionellen, die sich so sehr einen Wandel erhoffen - weg von der konservativen Politik der Regierungspartei AKP, die ein Vierteljahrhundert in der Stadt am Bosporus regierte.

Die meisten Oppositionellen in Istanbul waren bitter enttäuscht, als der Sieg ihres Hoffnungsträgers aberkannt wurde. Dennoch schwang die Stimmung bei Politikern wie auch bei Wählern schnell um in offenen Optimismus. Nichts symbolisierte den Durchhaltewillen so sehr wie Imamoglus erster Auftritt nach der Entscheidung der Wahlkommission.

Er trat vor seine Anhänger, zog Krawatte und Jackett aus, krempelte die Hemdsärmel hoch. "Der Weg ist lang, die Anspannung ist hoch, aber wir haben jugendliche Frische. Wir sind voller Jugend und sehnen uns nach Demokratie und Gerechtigkeit. Wir werden niemals aufgeben", rief er seinen Anhängern zu. Diese reagierten mit tosendem Applaus und feierten ihn wie einen Heilsbringer. Aggressionen oder sogar eine Opferhaltung ließ sich Imamoglu dabei nicht anmerken. 

Türkei, Istanbul: Bürgermeister Ekrem Imamoglu hält Ansprache (Getty Images/AFP/B. Kara)

Bürgermeister-Kandidat Imamoglu gibt sich kämpferisch.

Die Euphorie und Hoffnung verbreiteten sich schnell, auf der Straße und im Internet. Sogar Künstler, die bislang davor zurückschreckten, sich gegen die Regierungspartei AKP zu positionieren, sprangen auf die "Alles-wird-sehr-gut-Welle" auf. Unter dem Hashtag legten prominente türkische Schauspieler und Musiker wie der Popstar Tarkan auf Twitter die Wahl der CHP nahe. Das ist ein Novum. Aus Angst davor, dass Aufträge wegfallen, haben sich Künstler lange Zeit mit Kritik gegen die Regierung von Recep Tayyip Erdogan zurückgehalten. In der Türkei sind die meisten Medienunternehmen, die Aufträge vergeben, von der Regierung abhängig.  

Der Gezi-Geist lebt weiter

Eine ähnliche Mobilmachung oppositioneller Kräfte über den Nachrichtendienst Twitter hat es schon einmal gegeben. "Alles wird sehr gut" erinnert an die Gezi-Proteste im Jahr 2013, als eine landesweite Protestwelle gegen ein geplantes Bauprojekt auf dem Gelände des Gezi-Parks in Istanbul losbrach. Die Proteste eskalierten, als die Polizei gewaltsam gegen die Demonstranten vorging. Trotz der massiven Polizeigewalt fand sich davon nichts in den Medien wieder. Um diese Zensur zu umgehen, erschufen die Demonstranten über die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter eine eigene Öffentlichkeit. Unter dem Hashtag #OccupyGezi haben über eine Millionen Menschen getwittert - oftmals wurden Fälle von Polizeigewalt dokumentiert.

Türkei Proteste am Gezi Park 2013 (picture-alliance/dpa/K. Okten)

Bei den Gezi-Protesten setzten die Demonstranten auf die Hilfe sozialer Netzwerke

Aber die Erdogan-Anhänger überlassen die sozialen Netzwerke nicht allein den Oppositionellen, auch sie passen sich zunehmend dieser "Guerillataktik" an. Mit gegensätzlichen Hashtags steuern sie dagegen, wie ein Beispiel kurz vor den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2018 zeigt. Damals hatten Erdogan-Gegner einen Ausspruch des Präsidenten gekapert - doch die regierungsnahen Twitter-Nutzer waren vorbereitet.

Der türkische Präsident hatte bei einer Ansprache in der Fraktionssitzung der AKP gesagt: "Wenn irgendwann die Menschen in unserem Land 'genug' sagen, dann werden wir beiseite gehen." Für viele Twitter-Nutzer eine Steilvorlage: Unter dem Hashtag #TAMAM (genug) brachten Millionen Türken zum Ausdruck, dass sie in der Tat genug von Recep Tayyip Erdogan haben. 

Doch im Gegenzug solidarisierten sich unter dem Hashtag #DEVAM (weiter so) Tausende Nutzer mit dem Präsidenten. Nicht nur Erdogan-freundliche Twitter-Nutzer haben dazu gelernt, sondern auch die türkische Regierung. Mittlerweile soll sie über eine "Troll-Armee" verfügen. Von über 5000 ist die Rede, die in einem Hochhaus in Istanbul operieren sollen. Ein schlagkräftiges Social-Media-Team, das Kritik an den Präsidenten zerredet, um die Deutungshoheit in den sozialen Netzen schnellstmöglich zurückzugewinnen.

Erdogans Kopie wird nicht abgekauft

Trotz der Twitter-Offensive hatte Erdogan die Öffentlichkeit dann doch auf seiner Seite. Im Jahr 2014 holte er sich bei der Präsidentschaftswahl satte 52 Prozent, 2018 waren es sogar 53 Prozent.

Doch ein "Gegenschlag" in den sozialen Medien scheint dieses Mal nicht aufgegangen zu sein: Als Erdogan im Rahmen seiner Wahlkampagne mit einer historischen Straßenbahn die Hauptstraße des Istanbuler Stadtteils Beyoglu entlangfährt, ruft ihm eine Frau "Her şey çokgüzel olacak" (Alles wird sehr gut) durch das offene Fenster zu. Erdogan reagiert mit den Worten "Her şey daha güzel olacak" (Alles wird noch besser). Seine Anhänger machten ein Hashtag aus seiner Aussage. Doch dieses Mal wurde die Aktion in den sozialen Medien weitestgehend belächelt. Zu offensichtlich erschien sie für viele türkische Twitter-Nutzer als eine "billige Kopie" des oppositionellen Originals.

 

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