Chinesischer Comic-Autor Liu Jing: ″Ich möchte unterhalten und aufklären″ | Bücher | DW | 22.09.2018
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Internationales Literaturfestival Berlin

Chinesischer Comic-Autor Liu Jing: "Ich möchte unterhalten und aufklären"

Seit den 1990er Jahren erfreut Liu Jing Ausländer mit seinen Cartoons über China. In seiner neuen Graphic Novel geht es um die chinesische Geschichte. Im Gespräch mit der DW verrät er, was ihn zum Historiker gemacht hat.

Zwei von insgesamt vier Bänden von Liu Jings neuer Reihe "Chinas Geschichte im Comic" wurden gerade in einer zweisprachigen deutsch-chinesischen Ausgabe veröffentlicht. Liu ist zurzeit auf einer Lese-Tour in Deutschland. Wir trafen ihn auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin.

DW: Herr Liu, was hat Sie auf die Idee gebracht, die 5000 Jahre alte chinesische Geschichte in Form eines Comics zu erzählen?

Liu Jing: Ich hatte diesen Traum schon lange. Aber ich war nicht entschlossen genug, ihn zu verwirklichen. Soweit war es erst, als wir 2009 unseren ersten Sohn bekamen. Ihm wollte ich ein besonderes Geschenk machen, von Vater zu Sohn. Ich überlegte mir, ihm ein Buch zu widmen, und da die "Graphic Novel" schon sehr lang mein Hobby war, beschloss ich, ein Comicbuch zu machen.


DW: Was hat Sie zum Historiker werden lassen?

Liu Jing: Ich bin weitgehend Autodidakt. Ich brauchte lange neun Jahre, um das ganze Material durchzugehen, um es zusammenzustellen. Die chinesische Geschichte ist wirklich lang. Da war viel Material durchzuarbeiten. Ich wollte ein einfaches Buch machen, es sollte nicht so dick sein, eines mit Bildern - um etwas Schwieriges leichter verständlich zu machen. Da ich ein solches Buch über die chinesische Geschichte nicht finden konnte, beschloss ich, selber eines zu machen.

DW: Wer war dominant, der Historiker oder der Illustrator?

Liu Jing: Eigentlich kommt es nur darauf an, eine Geschichte gut zu erzählen, richtig? Es spielt keine Rolle, ob Sie das als Historiker oder Künstler tun. Beide verfolgen dasselbe Ziel: die Geschichte für andere verständlich zu machen. Der Historiker kann die historischen Fakten erzählen, der Künstler kann etwas sehr Abstraktes visualisieren, damit die Leute es besser verstehen können.

DW: Geschichte ist immer auch Interpretation, es ist oft schwer zu entscheiden, was der richtige Weg ist, sie zu erzählen. Wie haben Sie sich entschieden, und auf welche Quellen haben Sie sich verlassen?

Liu Jing: Ja, es gibt immer viele Möglichkeiten, ein und dieselbe Geschichte zu erzählen. Viele verschiedene Seiten. In meinem Buch konzentriere ich mich mehr auf die treibenden Kräfte hinter der Geschichte.

DW: Können Sie mir ein Beispiel nennen?

Liu Jing: Viele Geschichtsbücher konzentrieren sich eher auf die historischen Ereignisse, auf die Herrscherfamilien oder auf dramatische Ereignisse. Aber mein Buch konzentriert sich mehr auf den Rahmen, auf die treibenden Kräfte hinter den historischen Ereignissen. Es gibt drei verschiedene treibende Kräfte: Eine ist die Kultur, eine andere die ökonomische Kraft, und die dritte ist die Kraft der Gesellschaft. Alle drei sind durch die historischen und geographischen Umstände eines Landes bedingt. Anstatt mich auf einen großen Kaiser zu konzentrieren, lege ich den Fokus mehr auf den historischen Hintergrund oder die historischen Umstände dieses Kaisers. Die sozioökonomischen Bedingungen. Auf diese Weise können wir verstehen, warum eine historische Person oder eine Generation bestimmte Entscheidungen getroffen hat. Es geht darum zu verstehen, was hinter diesen Entscheidungen stand.

DW: Was war bei Ihren Zeichnungen für Sie wichtiger - wollten Sie die Tradition der chinesischen "manhua" fortsetzen, die kleinen Bilderbücher, die eine Geschichte Bild für Bild erzählen, oder haben Sie sich mehr von dem japanischen "Manga" inspirieren lassen, bei denen die Grafiken oft ineinander fließen?

Liu Jing: Ich meine, dass mein Stil eine Art traditionelle chinesische "Gongbi Hua"-Technik ist, eine sehr detailreiche Pinselführung. Dieser Stil hat eine Tradition von mehr als tausend Jahren. Mein Stil ist also eine Kombination aus chinesischen "Gongbi" und modernen Techniken. Die chinesische "manhua"-Tradition erzählt tatsächlich Bild für Bild. Als Kind in den 1980er Jahren las ich diese Heftchen sehr gern, und das hat mich bestimmt beeinflusst. Der moderne Comic-Stil macht die Zeichnungen jedoch ausdrucksstärker und dramatischer. Also ist mein Stil eine hybride Form, eine Mischung aus beidem.

DW: Für wen haben Sie Ihre vier Bände erzählt und gezeichnet? Für chinesische oder nicht-chinesische Leser? Für Erwachsene oder Kinder?

Liu Jing: Vor neun Jahren habe ich auf Englisch angefangen. Ich finde, dass die Geschichte Chinas ein größeres Publikum verdient, denn sie ist interessant. Nach meinem Verständnis hat jedes Land seinen eigenen Weg, eine moderne Nation zu werden. Die chinesische Geschichte ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Es mussten über einen langen Zeitraum hinweg verschiedene Faktoren zusammenwirken, um China zu China zu machen. Ich hoffe also, dass durch das Lesen dieses Buches und durch das Verstehen, dass es treibende Kräfte hinter der Geschichte gibt, Leser aus anderen Ländern einmal aus dieser Perspektive ihr eigenes Land betrachten. Nur zum Vergleich!

DW: Also haben Sie es mehr für nicht-chinesische Leser geschrieben?

Liu Jing: Ja, ursprünglich habe ich es auf Englisch geschrieben, ich dachte, es wäre gut für die Welt.

DW: Aber jetzt ist es auch auf Chinesisch veröffentlicht?

Liu Jing: Ende letzten Jahres wurde es in traditionellen chinesischen Schriftzeichen in Hongkong veröffentlicht, und in diesem Jahr in vereinfachtem Chinesisch in der Volksrepublik. Alle vier Bände.

DW: Was waren die größten Schwierigkeiten, Chinas Geschichte als Comic zu erzählen?

Liu Jing: Eine offensichtliche Schwierigkeit ist, dass die Geschichte einfach wirklich lang ist. Es gibt irrsinnig viel Material. Schwierig war es auch, die Geschichte auf eine sinnvolle Art und Weise zu präsentieren, die den Lesern helfen kann, das komplexe Thema besser zu verstehen. Das war eine ziemliche Herausforderung, eine solche Geschichte in nur vier Bände und auf rund 800 Seiten zusammenzufassen. Meine Graphic Novel hat 45.000 Wörter und tausend Bilder. Die größte Herausforderung für mich bestand also darin, eine solche Geschichte zu einem Buch zu verdichten, obwohl ich weder Geschichte, noch Zeichnen, noch Englisch studiert habe.

DW: Welche historische Figur hat Sie am meisten fasziniert?

Liu Jing: In meinem Buch hat fast niemand zwei ganze Seiten bekommen. Die Geschichte der meisten Figuren erzähle ich auf nur einer halben Seite. Nur zwei Personen sind eine Ausnahme: Einer ist Konfuzius, der alte chinesische Philosoph. Er hatte definitiv einen lang anhaltenden Einfluss auf das chinesische Denken. Ihm habe ich zwölf Seiten gewidmet. Und in Band vier gibt es eine moderne Figur, ein amerikanischer Kapitän auf einem chinesischen Schlachtschiff. Er war Teil des ersten chinesisch-japanischen Krieges gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Am Ende hat China diesen Krieg verloren. Das ist ein großartiges Beispiel dafür, wie der Kampf einer Generation, eine moderne Nation zu werden, von historischen Umständen abhängt. Deshalb hat dieser Kapitän sogar zwanzig Seiten bekommen.

DW: Und wer war der größte Bösewicht?

Liu Jing: Bevor ich dieses Buch schrieb, wusste ich, dass es viele historische Bösewichte, schlechte Kaiser oder Rebellen gab. Aber nachdem ich fertig war, begann ich zu verstehen, dass sie keine Bösewichte waren. Der Bösewicht wird zum Bösewicht, weil die Umstände ihn dazu drängen. Ich habe verstanden: Wir denken, wir haben viele Möglichkeiten, aber das stimmt eigentlich nicht. Wir sind durch viele Dinge um uns herum konditioniert. Die Geschichte lehrt uns, dass selbst Führer durch viele logistische Probleme eingeschränkt sind.

DW: Sie haben sich neun Jahre lang intensiv mit chinesischer Geschichte auseinandergesetzt. Haben Sie herausgefunden, was die chinesische Kultur im Kern ausmacht?

Liu Jing: Im Zentrum der chinesischen Kultur steht: Auch wenn es so viele Schwierigkeiten gibt, so viele Opfer und so viele schlimme Dinge geschehen sind, sind am Ende des Tages die Welt und auch die Menschen immer noch gut. Während für die westliche Philosophie oder Religion Menschen mit einer Sünde geboren werden. Im westlichen Denken ist der Ausgangspunkt eines Menschen tatsächlich nicht perfekt, nicht gut. In der chinesischen Philosophie sind die Menschen bei der Geburt gut. Ich denke, das ist ein sehr, sehr grundlegender Unterschied zwischen der chinesischen und der westlichen Philosophie. Und daraus ergibt sich ein wirklich großer Unterschied zwischen den beiden Zivilisationen.

DW: In Ihren vier Bänden erzählen Sie die Geschichte von der halb-mythischen Shang-Dynastie, von etwa 3000 v. Chr., bis zum Ende der Qing-Dynastie 1912. Werden Sie bis zur Gegenwart weiterschreiben?

Ja, ich arbeite an einem fünften Band.

DW: Was wird uns der fünfte Band erzählen?

Liu Jing: Zuerst wollte ich die Geschichte von 1912 bis heute erzählen. Aber dann habe ich beschlossen, sie erst einmal nur bis 1949 zu erzählen. Die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts ist historisch sehr gut aufgearbeitet und weniger umstritten.

Es wäre sicherlich auch schwierig, mit bestimmten historischen Figuren umzugehen, zum Beispiel mit Mao.

Ja, da steht die endgültige Einordnung noch aus.

DW: In Ihrem Buch erklären Sie viel, es gibt viel Text. Sie stellen die Figuren vor, es gibt statistische Grafiken und Tafeln. Das ist ziemlich ungewöhnlich für ein Comicbuch.

Liu Jing: Richtig. Manche Leser sagen, das sei keine Graphic Novel, sondern ein Lehrbuch.

DW: Stört Sie das, oder hatten Sie von vornherein didaktische Ziele?

Liu Jing: Ich hoffe, dass mein Buch einerseits sehr unterhaltsam ist, andererseits den Lesern hilft, die chinesische Geschichte zu verstehen. Es gibt ein paar Diagramme, Tabellen und Karten. Wenn man aber erst einmal bei Band vier ankommt, der vom chinesisch-westlichen Konflikt handelt, wird es sehr dramatisch. Die Geschichte wird dann recht unterhaltsam. Nein, ich protestiere nicht - es stimmt schon, es ist lehrreich.

Einige Schulen in Amerika und in China verwenden mein Buch sogar als Unterrichtsstoff. In diesem Sinn ist mein Buch nicht wirklich eine Graphic Novel, es ist eher Sachliteratur als Comic.

DW: Was sind Ihre nächsten großen Projekte?

Liu Jing: Ganz Verschiedenes. Möglicherweise mache ich nach dem fünften Band tatsächlich noch einen sechsten. Außerdem ist meine Familie dabei, nach Kalifornien umzuziehen - wir wechseln seit Jahren hin und her. Deshalb möchte ich amerikanische Comics noch besser verstehen. Und ich würde gern etwas für Kinder produzieren, kurze Bücher, eher 20 Seiten statt 800. Ich zeichne lieber, als dass ich schreibe. 

Das Gespräch führte Sabine Peschel.

Liu Jing wurde 1971 in Peking, China, geboren. Er studierte Maschinenbau und Internationalen Handel. Im Jahr 1997, direkt nach seinem Abschluss, gründete er gemeinsam mit seiner Frau eine Grafikdesignfirma in Peking, Moli Design. Die BBC, die Ford Foundation und UNICEF zählen zu ihren zahlreichen Kunden. Trotzdem denkt er darüber nach, an die Universität zurückzukehren, um Kunst zu studieren.


Deutsche Ausgabe:
Jing LIU: Chinas Geschichte im Comic, 4 Bände, 2018. Bereits veröffentlicht: Die Fundamente der chinesischen Zivilisation (Bd. 1), Von der Epoche der langen Spaltung bis ins goldene Zeitalter (Bd.2)

Englische Ausgabe:
Jing LIU: Foundations of Chinese Civilization (vol. 1), Division to Unification in Imperial China (vol. 2), Barbarians and the Birth of Chinese Identity (vol. 3), The Making of Modern China (vol. 4), Stone Bridge Press, Berkeley

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