Chinesische Forscher klonen erstmals Affen | Aktuell Welt | DW | 24.01.2018
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Wissenschaft

Chinesische Forscher klonen erstmals Affen

Forscher in Shanghai haben erstmals Affen geklont. Ethiker verweisen auf komplexe moralische Fragen – und auch die beteiligten Wissenschaftler selbst fordern eine internationale Diskussion über ethische Grenzen.

Rund 22 Jahre nach der Geburt des Klonschafs Dolly haben chinesische Forscher erstmals mit derselben Methode Affen geklont. Die beiden Javaneraffen kamen im Institut für Neurowissenschaften der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Shanghai zur Welt, wie die Wissenschaftler mitteilten. Die beiden Äffchen wurden Hua Hua und Zhong Zhong genannt und sind mittlerweile sechs und acht Wochen alt.

Sie wurden mit der Methode geklont, mit der 1996 auch das Klonschaf Dolly erzeugt worden war, berichtet das Team im Fachmagazin "Cell". Dabei wird aus der Eizelle eines weiblichen Tiers der Zellkern mit dem Erbgut entnommen und durch Erbgut eines Spendertiers ersetzt. Der entstehende Klon ist mit dem Spendertier genetisch identisch. So lassen sich theoretisch viele genetisch gleiche Tiere erzeugen. 

Die Forscher Muming Poo, Sun Qiang und Liu Zhen (v. l.) bei der Vorstellung der Ergebnisse (picture-alliance/Photoshot/Zhang Yuwei)

Die Forscher Mu-ming Poo, Sun Qiang und Liu Zhen (v. l.) bei der Vorstellung der Ergebnisse

Obwohl die bei Dolly verwendete Technik bei mehr als 20 Tierarten wie Kühen, Schweinen und Hunden gelang, waren Forscher mit dieser Methode bislang an Affen gescheitert. Zwar war schon 1999 ein Labor-Affe auf die Welt gekommen, der dieselben genetischen Informationen besaß wie ein Artgenosse. Das Klontier war jedoch aus der einfachen Teilung der befruchteten Eizelle im Labor hervorgegangen - ähnlich wie bei eineiigen Zwillingen. 

Das Team um Qiang Sun von der staatlichen Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Shanghai wandte nun ein erweitertes Dolly-Verfahren für die Javaneraffen (Macaca fascicularis) an. So bereiteten die Forscher die DNA-Erbgutstränge auf die anschließende Übertragung in die Eizelle vor. Nach der Injektion des Erbmaterials in die Eizelle gaben sie zudem spezielle Hilfsstoffe für die weitere Entwicklung hinzu. 

Wie die Forscher schreiben, waren viele Versuche nötig: Von knapp 200 aus dem Erbgut erwachsener Affen gewonnenen Embryonen kam es bei 42 Leihmuttertieren, denen die Forscher die Zellen einsetzten, zu zwei Lebendgeburten, doch starben diese Affenbabys wenige Stunden später. Mehr Erfolg hatten die Forscher bei gut 100 Embryonen, die auf dem Erbgut von Affen-Föten beruhten. In dieser Gruppe kam es bei 21 Leihmüttern zu sechs Schwangerschaften. Zwei Jungtiere kamen lebendig zur Welt. 

Befürchtungen, dass nach den Affen bald Menschen geklont werden könnten, weisen die chinesischen Forscher zurück. Ihr Ziel ist es nach eigenen Angaben, genetisch identische Affen für Tierversuche zu erzeugen - um so die Zahl der Versuchsaffen reduzieren zu können und weniger Affen in der Wildnis einfangen zu müssen.

Experimente an Affen werden vor allem bei der Erforschung von Hirnerkrankungen wie Parkinson, von Krebs, Immun- und Stoffwechselkrankheiten genutzt. Allein Arzneimittelfirmen in den USA importierten jedes Jahr 30.000 bis 40.000 Versuchsaffen, sagte der an der neuen Studie beteiligte Neurologe Mu-ming Poo. Weil sie genetisch völlig unterschiedlich seien, würden viele Affen gebraucht, um aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen. Klonaffen könnten die Zahl der Versuchsaffen daher "deutlich reduzieren".

"Wichtiger Schritt"

Die Erfolgsrate der Klonversuche sei zwar noch nicht "wahnsinnig berauschend", doch seien die neuen Ergebnisse ein "wichtiger Schritt", sagt Eckhard Wolf vom Genzentrum der Ludwig-Maximilians-Universität München. Für die Erforschung neuer Therapien etwa gegen einige neurologische Krankheiten sei die Klon-Technik vielversprechend. Womöglich könne auch durch die Vereinheitlichung der Krankheitsbilder die Zahl der Versuchstiere verringert werden.  

Das Klonschaf und sein Vater: Dolly mit dem Embryologen Ian Wilmut (picture-alliance/empics/A. Milligan)

Das Klonschaf und sein Vater: Dolly mit dem Embryologen Ian Wilmut

Auch Daniel Besser, Geschäftsführer des Deutschen Stammzellnetzwerks, sieht die Ergebnisse der chinesischen Kollegen als bedeutende Weiterentwicklung an. Aufgrund von Fälschungsskandalen bei früheren Klon-Versuchen rät er jedoch zur Vorsicht. "Erst wenn sich die Ergebnisse in verschiedenen Laboren der Welt bestätigen lassen, ist klar, dass sie stimmig sind." Seiner Einschätzung nach könnten Experimente an geklonten Javaneraffen in Einzelfällen ethisch gerechtfertigt sein - nicht jedoch bei Menschenaffen. 

"Strikte ethische Standards"

"Wir sind uns bewusst, dass zukünftige Forschung an nicht-menschlichen Primaten überall auf der Welt davon abhängt, dass Wissenschaftler strikte ethische Standards einhalten", erklärte der beteiligte Neurologe Poo. Er betont, dass sein Team sich an internationale Richtlinien gehalten habe. Gleichzeitig ruft er die wissenschaftliche Gemeinschaft auf, die ethischen Grenzen von Klon-Versuchen an Affen international zu diskutieren. 

Für den Theologen Peter Dabrock von der Uni Erlangen, der auch Vorsitzender des Deutschen Ethikrats ist, stellen sich durch die neuen Klon-Erfolge "massive" ethische Fragen. Es sei zum Beispiel offen, wie gesund die beiden überlebenden Affenjungen tatsächlich sind - geklonte Tiere leiden in der ersten Generation oftmals an Erkrankungen. 

Zhong Zhong, nicht zu verwechseln mit Hua Hua (nicht im Bild) (Reuters/Chinese Academy of Sciences)

Zhong Zhong, nicht zu verwechseln mit Hua Hua (nicht im Bild)

Die Namen der Affen Zhong Zhong und Hua Hua haben eine ganz besondere Bedeutung, wie das Journal "Cell" in einer Mitteilung berichtete. Zhonghua heiße so viel wie "chinesische Nation". Dieses Spiel mit dem Nationalstolz deute an, dass es bei den Versuchen nicht nur um Forschungsfortschritt ging, sondern "vor allem um Prestige und andere nicht-hochrangige Ziele", kritisiert Dabrock. "So etwas sollte nicht auf Kosten solch sensibler Wesen gehen und ist ethisch problematisch." 

Der Theologe befürchtet, dass die Klonversuche zu erheblichen Protesten von Tierschützern führen könnten. Dabei seien Tierversuche manchmal "schmerzlicherweise unumgänglich". Er habe den Eindruck, dass in China "eine umfängliche Strategie gefahren wird, die genetischen Grundlagen menschlichen Lebens zu bearbeiten", erklärt der Ethiker. "Wie damit umzugehen ist, ist aber nicht nur eine Aufgabe für chinesische Regulationen, sondern eine Menschheitsfrage."

Der Bundesverband Menschen für Tierrechte befürchtet aufgrund der Ergebnisse "eine Welle" von neuen Affenversuchen. "Denn damit ist es einfacher geworden, standardisierte genetisch veränderte Tiermodelle zu züchten und für die biomedizinische Grundlagenforschung zu missbrauchen", sagt Referentin Carolin Spicher. 

stu/sam (afp, dpa)