China: Investoren zu Rückzug aus dem Fußball gezwungen | Sport | DW | 13.04.2021
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China

China: Investoren zu Rückzug aus dem Fußball gezwungen

China wollte ein großer Player im Welt-Fußball werden. Internationale Stars wurden in die heimische Super League gelockt und Investoren kauften europäische Klubs auf. Damit ist jetzt Schluss.

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Italiens Tabellenführer Inter Mailand hat einen chinesischen Besitzer. Wie lange noch?

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Borussia Dortmund gewinnt die deutsche Meisterschaft und wird dann ein paar Monate später von der DFL aus der Bundesliga verbannt. Scheint undenkbar? Nicht so in China. Dort feierte Jiangsu Suning noch im November den Titel in der Super League, bevor dem Verein aus dem Osten des Landes kürzlich die Lizenz entzogen wurde. Der Fußballverband wollte damit ein Exempel statuieren.

Die Machthaber in Peking haben noch im Jahr 2014 die Agenda ausgegeben, dass sich China bis 2050 als fußballerische Supermacht etablieren sollte. Prompt machten sich einige reiche Investoren auf, um sowohl in China als auch im Ausland in den Fußball zu investieren. "Das Problem ist allerdings, dass der chinesischen Regierung klar wurde, dass es für diese Investments weder eine wirtschaftliche noch sportliche Rendite geben würde", sagt der britische Sportökonom Simon Chadwick, der an der Emlyon Business School lehrt, im Gespräch mit der DW. So sahen beispielsweise europäische und südamerikanische Legionäre wie Marek Hamsík, Carlos Tevez und Hulk in der Chinese Super League vor allem eine Möglichkeit, richtig abzukassieren, ohne sportlich alles geben zu müssen.

Geldgeber auch in Europa aktiv

Mittlerweile hat Peking einen U-Turn vollzogen und die große Entkommerzialisierung eingeleitet. Die Profi-Klubs mussten dabei beispielsweise die Eigentümer aus den Klub-Namen entfernen, weswegen aus Jiangsu Suning kurzerhand Jiangsu FC wurde, was wiederum dem Geldgeber, der Suning Holding Group, überhaupt nicht schmeckte. Der Lizenzentzug des amtierenden Meisters erfolgte wenig später. Fünf weitere Vereine wurden ebenfalls aus den Profiligen ausgeschlossen.

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Aus europäischer Sicht ist die Thematik brisant, da einige der Geldgeber, die sich aus dem chinesischen Klubfußball zurückziehen (müssen), auch in Europa aktiv sind. Der Suning Holding Group mit der milliardenschweren Zhang-Familie gehört beispielsweise Inter Mailand. Die Renhe Group, deren Pekinger Klub ebenfalls seine Lizenz verlor, besitzt die Mehrheitsanteile am englischen Zweitligisten Reading. Dazu kommen weitere Investoren, die sich vorrangig auf Europa konzentrieren wollten, wie etwa Gao Jisheng mit dem FC Southampton, Guo Guangchang bei den Wolverhampton Wanderers und Zhong Naixiong beim FC Sochaux in Frankreich.

"Es gab eine Gruppe, die opportunistisch sein wollte", sagt Chadwick. "Man nehme jemanden wie Tony Xia mit Aston Villa. Im Grunde genommen versuchte er, sich mit der Regierung gut zu stellen, indem er ein in seinen Augen akzeptables Investment in Übersee tätigte." Xia verkaufte 2018 seine Mehrheitsanteile an Aston Villa wieder, nachdem der Aufstieg in die Premier League nicht gelang.

Erste Investoren bereits verschwunden

2017 gab es noch 20 europäische Vereine, die in der Hand von chinesischen Großinvestoren lagen. Heute sind es zehn. Der erste gefallene Dominostein war Wang Jianlin, der seine Anteile an Atletico Madrid wieder veräußerte. Wenig später wurde Ye Jianming, der Gründer von CEFC China Energy, dazu getrieben, Slavia Prag abzugeben. Ye sitzt mittlerweile für seine wirtschaftlichen Aktivitäten in Haft. "Bekanntermaßen verschwand auch Jack Ma für eine Weile. Das ist ein typisches Muster", erklärt Chadwick. "Wenn der Regierung etwas missfällt, schreitet sie ein. Und sehr oft verschwinden Personen dann für eine kurze Zeit. Sie kommen zurück und sagen, sie hätten einen Fehler gemacht und verstünden nun, was sie tun müssten."

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Chinas Präsident Xi Jinping verlangt, dass das Investment in den Fußball vor allem in China Früchte trägt

Chinas Kommunistische Partei (KP) hat eine klare Vorstellung von der wirtschaftlichen Ausgestaltung des Landes. In ihrem neuen Fünf-Jahres-Plan gibt die Führung um Xi Jinping die Devise aus, dass Investitionen nach China zurückkehren sollten und der einheimische Markt im Fokus zu stehen habe.

"Wenn man nachweisen kann, dass ein Investment der Entwicklung des chinesischen Fußballs nutzt, dann wäre es weiterhin erlaubt", sagt China-Expertin Christina Boutrup, die unter anderem die dänische Regierung berät.

Gerüchte um Verkauf von Inter Mailand

Die KP hat allerdings kommuniziert, sie glaube, dass die Europäer die zahlungswilligen Chinesen nur missbraucht hätten, um ihre Fußballklubs zu finanzieren, ohne im Gegenzug selbst etwas zu bieten.

"China versucht nun, die Muskeln spielen zu lassen und die Machtverhältnisse zum Beispiel im Verhältnis mit der Premier League zu verändern", meint Chadwick. "Denn bis jetzt war China für die Premier League vor allem ein Goldesel."

Fußball Italien Steven Zhang Inter Mailand

Auf dem Absprung in Mailand? Inter-Präsident Steven Zhang sucht offenbar einen Käufer für den Klub

Jüngste Gerüchte besagen nun, dass die verbliebenen chinesischen Investoren aus dem europäischen Fußball aussteigen möchten oder müssen. Die italienische Tageszeitung "La Repubblica" etwa berichtete erstmals Mitte Januar davon, dass Suning auf der Suche nach Geldgebern für Inter Mailand Gespräche mit der Londoner Investmentgesellschaft BC Partners führe. Inter-Präsident Steven Zhang, der der Suning Holding Group vorsteht, äußerte sich bis jetzt nicht und ließ auch eine Anfrage der DW unbeantwortet.

Frust bei den einheimischen Fans

Für den europäischen Fußball würde sich die Welt allerdings selbst nach dem Abschied von Suning und anderen weiterdrehen. Düsterer sieht es dagegen im chinesischen Fußball aus, wo viele aktive Fans zusehends frustriert über die Einmischung der Regierung sind. Weil die Fußballkultur noch so jung ist, stören sie sich nicht allzu sehr am Engagement von großen Konzernen. Sie sind mit diesen Klubs aufgewachsen, denen es nun an den Kragen geht.

"Die fünf größten Ultragruppen schlossen sich zusammen, um gegen die Entscheidungen des Fußballverbands zu protestieren", berichtet Joe, ein Fan aus dem Norden Chinas.

Unter anderem in der Provinz Henan zogen Anhänger vors Stadion von Henan Jianye, um ihren Unmut kundzutun. "Die Fans waren aufgebracht. Sie haben ihre Trikots verbrannt. Und die wütendsten Fans sind sogar nach Peking gereist. Sie wollten sich den Präsidenten des Fußballverbands schnappen", sagt Joe.

Den Sprengstoff im eigenen Land hat die Regierung wahrscheinlich unterschätzt. Mittlerweile wurden die Organisatoren der Proteste von den lokalen Polizeibehörden aufgesucht, um sie zu ermahnen, keinen öffentlichen Ärger zu verursachen. Denn ob Milliardär und Klubbesitzer oder einfacher Bürger und Fußballfan - ausnahmslos jeder soll sich dem Willen der chinesischen Staatsführung beugen.

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