China - großer Sport-Markt mit Fallstricken | Sport | DW | 17.10.2019
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Nach Querelen um einen NBA-Tweet

China - großer Sport-Markt mit Fallstricken

Einige Fußball-Bundesligaklubs sind auf dem chinesischen Markt aktiv - und müssen sich nicht nur die ethisch-moralische Frage immer wieder neu stellen, sondern sich auch an die Verhaltensweisen der Partner gewöhnen.

So richtig verwundern kann Professor Jürgen Mittag die Reaktion der chinesischen Seite nicht. Der Leiter des Instituts für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit der (sport-) politischen Entwicklung im Reich der Mitte. Und was den Houston Rockets aus der US-amerikanischen NBA kürzlich widerfahren ist, ist nach Auffassung Mittags die Folge einer stetig repressiveren Politik von Staatspräsident Xi Jingping. "Der Sport wird politisch instrumentalisiert."

Eine Social-Media-Nachricht, abgesendet auf Twitter von Rockets-Manager Daryl Morey, sorgte für heftige Reaktionen aus dem Reich der Mitte. "Kämpft für Freiheit. Lasst uns hinter Hongkong stehen", schrieb der 47-Jährige - und zog sich damit den Zorn der chinesischen Führung zu, mit folgenschweren Auswirkungen.

Der chinesische Basketballverband beendete kurz darauf die Zusammenarbeit mit dem NBA-Team, eine Bank aus Shanghai und ein Sportartikelhersteller kündigten spontan ihre Sponsoring-Deals. Der Staatssender CCTV erklärte, zunächst einige Vorbereitungsspiele zur NBA-Saison nicht auszustrahlen. Und das auf einem Markt, der für diejenigen, die sich dort platzieren können, viel Geld verspricht.

Insider verweist auf spezielle Vertragsauslegung

Professor Jürgen Mittag (Deutsche Sporthochschule Köln )

Professor Jürgen Mittag von der Sporthochschule Köln

Bekanntlich versucht nicht nur die NBA seit längerem, in China Fuß zu fassen. Auch die Fußball-Bundesliga möchte auf dem dortigen Riesen-Markt neue Geldquellen erschließen - schließlich soll es dort rund 500 Millionen potentielle Fußballfans geben. So ist die Deutsche Fußball Liga seit März 2019 mit einem Büro in Peking vertreten. Borussia Dortmund, Eintracht Frankfurt, Borussia Mönchengladbach, der FC Bayern München, der FC Schalke 04 und der VfL Wolfsburg hatten bereits zuvor Repräsentanzen in China eröffnet. "Das ist sicher lukrativ, aber es ist auch ein Prozess, der von vielen Schwierigkeiten durchdrungen und auch nicht immer nachhaltig ist", sagt Experte Mittag.

Unter den Bundesligaklubs gilt die Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern als alles andere als einfach. Während bei den meisten anderen Partnern unterschriebene Verträge als verbindliche Handlungsgrundlage gelten, sei dies bei den Chinesen noch lange nicht der Fall, heißt es. Nachträglich nähmen die Chinesen jeden einzelnen Vertragspunkt noch einmal unter die Lupe und versuchten, mit Nachverhandlungen das Beste für sich herauszuholen, sagt ein Bundesliga-Insider, der namentlich nicht erwähnt werden will, der DW: "Da wird jedes Detail noch einmal kontrolliert. Sie haben das klare Ziel, wie auch in der Wirtschaft, das vorhandene Know-How zu erlernen, sich weitreichend anzueignen und darauf aufbauend zu verbessern." Auch der Geldfluss nach Deutschland sei ein Problem, weil die Chinesen das Geld am liebsten im eigenen Land halten würden. 

Der Ton ist rauer geworden

Schalkes Marketing-Vorstand Alexander Jobst (picture-alliance)

Schalkes Marketing-Vorstand Alexander Jobst

Auch der FC Schalke 04 hat seit einigen Jahren Erfahrungen mit chinesischen Partnern gemacht. "Die Zusammenarbeit ist oft herausfordernd, auch bedingt durch die kulturellen Unterschiede. Die Chinesen wissen ganz genau, was sie für ihr Geld bekommen wollen", sagt Alexander Jobst der DW. Der Marketing-Vorstand der Gelsenkirchener hat zudem eine Veränderung des Umgangs in den vergangenen Jahren festgestellt. Der Ton sei rauer geworden. "Man muss mit höchster Sensibilität vorgehen. Wir achten in unseren Verträgen sehr genau auf entsprechende Punkte zum Thema Meinungsfreiheit", sagt Jobst, aber: "Die Chinesen sind wirklich knallharte Verhandlungspartner."

So kam es etwa zu großen Unstimmigkeiten zwischen den Schalkern und dem chinesischen Klub Hebei Fortune. Beide Vereine schlossen 2018 einen Kooperationsvertrag über fünf Jahre mit einem Volumen von rund 30 Millionen Euro. Doch plötzlich beendeten die Chinesen die vereinbarten Zahlungen, weil sie mit den von Schalke abgestellten Trainern unzufrieden waren. "Das hängt auch damit zusammen, dass auf der anderen Seite plötzlich ganz andere Personen im Management sitzen, die die Entscheidungen ihrer Vorgänger nochmal hinterfragen", sagt Jobst. "Die verantwortlichen Personen wechseln dort häufig deutlich schneller als hierzulande." 

Dieses Problem haben die Verantwortlichen des Ruhrgebietsklubs allerdings lösen können. Und trotz der Vielzahl an Besonderheiten und Schwierigkeiten im wirtschaftlichen Verhältnis wollen die Schalker die Präsenz auf dem chinesischen Markt beibehalten. Dafür sind die wirtschaftlichen Chancen zu groß, um diese nicht zu nutzen.     

Alle Klubs im Zwiespalt

Ex-Bayer04-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser (picture-alliance/N. Schmidt)

Ex-Bayer 04-Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser

"Man muss bei jedem Geschäft genau abwägen. Man ist natürlich immer auch der ethisch-moralischen Frage verpflichtet. Die kann aber auch schon mal ein wenig in den Hintergrund treten, wenn die Kapitalseite von dem Engagement überzeugt ist", sagt Wolfgang Holzhäuser, ehemaliger Geschäftsführer von Bayer 04 Leverkusen, der einst  für den Werksklub bei einem China-Besuch intensiv über eine Partnerschaft verhandelte. Die Zusammenarbeit kam nicht zustande. Auch weil am Ende Holzhäuser als Geschäftsführer persönlich für den Deal gehaftet hätte und er dem Wohlergehen des Klubs verpflichtet war. In diesem Zwiespalt zwischen Moral und Geschäft befinden sich alle Vereine, die eine Partnerschaft mit Klubs aus dem Reich der Mitte eingehen. 

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