″Charlie Hebdo″: Was wurde aus dem Satiremagazin? | Kultur | DW | 02.09.2020
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Gesellschaft

"Charlie Hebdo": Was wurde aus dem Satiremagazin?

2015 stürmten Islamisten die Redaktion von "Charlie Hebdo" in Paris und versuchten, seine Satire verstummen zu lassen - und scheiterten. Das Magazin hat überlebt.

Je suis Charlie, Gedenken fünf Jahre nach dem Anschlag| Je suis Charlie

"Je suis Charlie", Gedenken fünf Jahre nach dem Anschlag

"Wir werden niemals ruhen. Wir werden niemals aufgeben", schreibt der Redaktionsleiter von "Charlie Hebdo", Laurent Sourisseau, in der aktuellen Onlineausgabe des Satiremagazins.

Sourisseau ist Karikaturist, veröffentlicht bissige Zeichnungen unter dem Pseudonym "Riss". Am 7. Januar 2015 sitzt er mit am Tisch in der Redaktion in Paris, als zwei bewaffnete Islamisten diese stürmen und mit Kalaschnikows um sich schießen. Sourisseau wird an der Schulter getroffen und schwer verletzt.

Weitere Kugeln treffen einige der bekanntesten Zeichner Frankreichs: Stéphane Charbonnier, besser bekannt als "Charb", der Herausgeber von "Charlie Hebdo", Jean Cabut alias "Cabu", Bernard Verlhac alias "Tignous", Georges Wolinski und Philippe Honoré sterben; mit ihnen sieben weitere Menschen, die die Brüder Chérif und Saïd Kouachi töten.

Unvergessen: Charb, Cabu, Tignous, Wolinski und Honoré

Sie würden den Propheten rächen, hätten die Brüder nach dem Angriff gerufen. Die Darstellung des Propheten Mohammed ist im Islam streng verboten. Auf Spott oder Beleidigung gegen ihn steht die Todesstrafe. Das französische Magazin hatte 2006 Mohammed-Karikaturen nachgedruckt, die ein Jahr zuvor die dänische Tageszeitung "Jyllands-Posten" veröffentlicht hatte. Weltweit fühlten sich viele Muslime durch die Abdrucke provoziert.

Bei den Anschlägen auf die Redaktion sowie den tödlichen Schüssen auf eine Polizistin und Kunden eines jüdischen Supermarktes vor fünf Jahren waren insgesamt 17 Menschen aus dem Leben gerissen worden. Die Attentäter, zu denen außerdem noch Amedy Coulibaly gehörte, wurden von der Polizei getötet.

Charlie Hebdo titelt in einer Sonderausgabe von September 2020 unter der Überschrift Tout ca, pour ca wieder mit Mohammed-Karikaturen (Bild: Getty Images/AFP)

Sie tun es wieder: "Charlie Hebdo" titelt in einer Sonderausgabe von September 2020 wieder mit Mohammed-Karikaturen

Wie blasphemisch, wie bissig kann ein Satiremagazin sein, wenn dadurch Mitarbeiter in Gefahr geraten und vermeintlich dadurch Menschen sterben mussten? Nun, da 14 möglichen Hintermännern der Anschläge in Frankreich der Prozess gemacht wird, beantwortet "Charlie Hebdo" die Frage so: Das Magazin druckt erneut die Mohammed-Karikaturen in einer Sonderausgabe unter dem Titel "Tout ça pour ça", was auf Deutsch soviel bedeutet wie "All dies, nur dafür" oder "Viel Lärm um nichts" und warf damit den nach dem Anschlag gefassten Entschluss über Bord, den Propheten nicht mehr zu zeichnen.

Die Reaktionen folgten prompt. Man verurteile dies "auf schärfste Weise", erklärte etwa das pakistanische Außenministerium. Durch die erneute Veröffentlichung würden "die Gefühle von Milliarden von Muslimen" absichtlich verletzt. Dies lasse sich nicht mit der Presse- oder Meinungsfreiheit rechtfertigen. In Frankreich rief der Präsident des muslimischen Dachverbands CFCM dazu auf, die Zeichnungen zu "ignorieren".

Laurent Sourisseau, Redaktionsleiter von Charlie Hebdo 2020 (Bild: picture-alliance/Hollandse Hoogte/J. van Gennip)

Will nicht verstummen: Laurent Sourisseau, Redaktionsleiter von "Charlie Hebdo"

"Der Hass, der uns getroffen hat, ist immer noch da", schreibt Redaktionsleiter Sourisseau in seinem Leitartikel zum Prozess. Und hofft, dass "in zehn, 20 Jahren freiere Geister zum Vorschein kommen als die unserer Zeit". Die Sonderausgabe zeigt auch eine Karikatur des islamischen Propheten - einst gezeichnet von Cabu.

"Die Zeitung ist immer noch da", schrieb jüngst Sourisseau. "Wer dachte, das Massaker habe sie demütiger und diskreter gemacht, hat sich getäuscht." Gezeichnet und geschrieben wird das Magazin mittlerweile von einer geheimen Adresse. Die Polizei schützt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rund um die Uhr.

Chefredakteur Gérard Biard beklagt mangelnde Kritikfähigkeit

Der Chefredakteur von "Charlie Hebdo", Gérard Biard, beklagt im Interview mit der DW: "Sobald man einen kritischen Kommentar auf sozialen Netzwerken veröffentlicht, nehmen die Leute das sofort persönlich. Sie beschimpfen und bedrohen uns. Aber Satire und Karikaturen sollen doch stören. Sie sollen zum Denken anregen."

Video ansehen 03:17

Charlie-Hebdo-Prozess: Hoffen auf Antworten

In seiner mittlerweile 50-jährigen Geschichte wollte "Charlie Hebdo" seine Leserinnen und Leser viel zum Nachdenken über die Trennung von Staat und Kirche, Rassismus und soziale Missstände bringen - und zum Lachen.

Das Magazin erschien am 23. November 1970 das erste Mal in Frankreich und benannte sich in Anlehnung an die Comicfigur Charlie Brown aus der US-amerikanischen Comicserie "Peanuts". Als politische und linksliberale Instanz prägte "Charlie Hebdo" das Frankreich der 1990er und 2000er Jahre. Mit seinen Karikaturen produzierte das Magazin auch in späteren Jahren immer wieder Entsetzen und Diskussionen.

Über die Landesgrenzen hinaus war das Magazin wohl den Wenigsten bekannt. Das änderte dann 2011 ein Brandanschlag auf die Redaktionsräume und eine Hackerangriff, den mutmaßlich Islamisten mit der erneuten Veröffentlichung islamkritischer Karikaturen zu begründen versuchten. Bei dem Anschlag wurde niemand verletzt.

Auflagenhoch und viel Solidarität nach dem Anschlag

Die Morde erschütterten 2015 nicht nur Frankreich, sondern versammelten weltweit Menschen unter dem Slogan "Je suis Charlie" und der Forderung nach Presse- und Meinungsfreiheit.

Der kritische Blick von Charb wacht als Plakat über der Demonstration für Meinungs- und Pressefreiheit in Paris am 11. Januar 2015 (Bild: picture-alliance/dpaF. Von Erichsen)

Der kritische Blick von Charb wacht über der Demonstration für Meinungs- und Pressefreiheit in Paris am 11. Januar 2015

Die Auflage der Satirezeitung schnellte in die Höhe. Allein die Ausgabe vom 14. Januar 2015, die einen weinenden Propheten Mohammed auf dem Titel zeigte, verkaufte sich acht Millionen Mal weltweit. Es flossen Spenden von mehr als vier Millionen Euro. Zeitweise gab es sogar eine deutsche Ausgabe, die mangels Lesern aber Ende 2017 wieder eingestellt wurde.

Seitdem ist die Auflage wieder stark rückläufig. Zuletzt prangten Schüler mit Mund-Nasenschutz und auf den Rücken geschnallten Särgen statt Schulranzen auf dem Titel des Magazins: Corona-Pandemie statt islamistischer Gefahr.

Unter Tränen spricht Rénald Luzier bei einer Pressekonferenz am 13. Januar 2015 über die die erste Ausgabe von Charlie Hebdo nach dem tödlichen Anschlag. In der Hand hält er die Ausgabe mit grünem Titelblatt und Mohammed-Karikatur (Bild: Aurelien Meunier/Getty Images)

Unter Tränen spricht Rénald Luzier am 13. Januar 2015 über die die erste Charlie-Hebdo-Ausgabe nach dem Anschlag

Rénald Luzier, besser bekannt als "Luz", hat damals den weinenden Propheten gezeichnet. Er hatte am 7. Januar 2015 Geburtstag, kam zu spät zur Redaktionskonferenz und entging so dem Tod. In seinem Comic "Katharsis" verarbeitete er nur wenige Monate danach den Schmerz.

Andere überlebende Kollegen taten es ihm gleich: So zeichnete Catherine Meurisse, die aufgrund eines verpassten Busses überlebte, die Graphic Novel "Die Leichtigkeit" über ihren Weg zurück ins Leben. Und auch Philippe Lançon, dessen Kiefer von einer Kugel zerstört wurde, schrieb in "Der Fetzen" über die vielen Operationen und die Jahre nach den Morden. 

Wie die Überlebenden das Attentat verarbeiten

Die Graphic Novel Indélébiles von Rénald Luzier alias Luz (Bild: Futuropolis)

"Indélébile", eben unauslöschlich: das Wirken von "Charlie Hebdo"

Von den aktuell rund 30 Redaktionsmitgliedern sind etwa die Hälfte Neuzugänge. Einige der Überlebenden haben sich aus der Arbeit bei "Charlie Hebdo" zurückgezogen. So auch Luz, der seitdem unter Polizeischutz steht und an einem geheimen Ort wohnt.

Doch die Terroristen konnten ihn nicht vom Zeichnen abhalten und seine Stimme nicht verstummen lassen. Im vergangenen Jahr hat er seinen getöteten Kollegen und Freunden ein Denkmal gesetzt. In seiner Graphic Novel "Wir waren Charlie" beschreibt er das Leben und Schaffen in der Redaktion. Die Terroristen sind ihm darin keine einzige Erwähnung wert.

Auf Französisch ist der Band unter dem Titel "Les Indélébiles", die "Die Unauslöschlichen", erschienen. Auch den nun gestarteten Prozess, der bis Ende November angesetzt ist, wird "Charlie Hebdo" mit spitzer Feder verfolgen.

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