Canvey Island: Ein Schnittmuster britischer Inselmentalität | Europa | DW | 14.03.2019
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Großbritannien

Canvey Island: Ein Schnittmuster britischer Inselmentalität

Canvey ist eine Insel auf einer Insel. Auf den 18.000 Hektar am Ende der Themse stimmten über 70 Prozent der 40.000 Einwohner für den Brexit. Viele würden es wieder tun, damit Canvey eine Insel auf einer Insel bleibt.

"Es ist nett hier", sagt Robert, der seit drei Jahren auf Canvey Island lebt. "Jeder ist freundlich." An diesem frühen Morgen tummeln sich Spaziergänger mit ihren Hunden an der Promenade direkt am Meer. Hin und wieder halten einige an, wechseln ein paar Worte mit den anderen Hundebesitzern und wünschen sich einen schönen Tag. Man kennt sich.

Drei Straßen führen nach Canvey, eine Autostunde von London entfernt an der Themse-Mündung. Ein Geflecht aus Flüssen und Bächen trennt das Marschland der Insel vom Festland der Grafschaft Essex. Die Insel hält ihre Bewohner zusammen. "Hier gibt es einen sehr starken Gemeinschaftssinn", sagt Joel Friedmann. Er leitet eine kleine jüdisch-orthodoxe Gemeinschaft, die vor zwei Jahren nach Canvey gezogen ist. "Die Menschen fühlen sich einander verbunden."

Gute Grundlage

Die Insel konnte dem Schicksal vieler britischer Küstenorte entkommen, die in Not gerieten, als die Briten begannen, lieber günstige Flüge nach Europa nutzen als Urlaub zu Hause zu machen. Die Arbeitslosigkeit in Canvey ist niedrig, genauso wie die Einwanderung.

Karte Canvey Island DE

Das Zentrum der Stadt ist sauber, wohlhabend, in den Einfahrten stehen Palmen. Die Mauern an der Promenade, die die Stadt vor Überschwemmungen schützen sollen, sind blau gestrichen wie das Meer. Bunte Zeichnungen illustrieren die Geschichte der Insel.

Doch unter der Oberfläche brodelt eine starke Unzufriedenheit. "Andernorts spricht man nicht davon ein 'Leaver' zu sein", sagt Alex, der ein Jugendzentrum leitet. "Hier spricht man nicht darüber, ein 'Remainer' zu sein." Er weiß, wovon er spricht. Er hat der EU seine Stimme gegeben, ist also ein "Remainer". Die "Leaver" favorisieren den Brexit.

Angst vor Einwandern?

Im Jahr vor dem Referendum wurden lediglich 81 Ausländer als neue Einwohner auf der Insel registriert. Insgesamt wohnen auf Canvey Island rund 40.000 Menschen. Diesen Umstand nutzte eine britische Zeitung, um eine Theorie zu veranschaulichen: Viele Leute stimmten für den Brexit, weil sie Angst vor Einwanderung hatten, nicht weil es viele Einwanderer gibt.

Der ständige Fokus auf die Zuwanderung frustriert die Einwohner von Canvey allerdings. "Es geht nicht darum", sagt der Lokalpolitiker Dave Blackwell. "Wir haben keine Einwanderer! Es geht darum, dass uns Europa bestimmte Dinge sagt, Regeln und Vorschriften, denen wir zu folgen haben. Wir wollen aber unsere eigenen Entscheidungen treffen."

Als Nigel Farage, der ehemalige Vorsitzende der britischen Unabhängigkeitspartei UKIP, hier 2015 auftrat, sprach er über den Gedanken, dass britische Politiker die Autonomie Großbritanniens mit der EU-Mitgliedschaft verschenkt hätten. "Sie glaubten nicht, dass wir gut genug sind, um unser Land zu führen. Sie glaubten nicht, dass wir gut genug sind, um unsere eigenen Gesetze zu machen", sagte Farage.

Großbritannien Canvey Island und Brexit (DW/Orlando Gili)

Es gehe beim Brexit um Selbstverwaltung, sagt Lokalpolitik Dave Blackwell, nicht um Migration

Keine Lust auf fremde Bürokraten

Colin lehnt am Türrahmen seines Schmuckgeschäfts in Canvey. Er wartet auf einen Freund, der ihm sein Mittagessen bringt. "Für die Menschen, die ich kenne und die für den Brexit gestimmt haben, steht die Zuwanderung nicht oben auf der Agenda", sagt er. "Ich persönlich mag es nicht, wenn Bürokraten in anderen Ländern uns sagen, was wir tun sollen. Wir können uns daran erinnern, wie es war, als wir uns noch selbst regierten. Wir haben uns immer selbst kontrolliert, wir haben das gut hinbekommen."

Das Verlangen nach mehr Eigenkontrolle geht über die Brexit-Debatte hinaus. Dave Blackwell ist Mitglied des Gemeinderates und leitet die Canvey Island Unabhängigkeitspartei (CIIP). Blackwell fordert, sich von der lokalen Regierung zu lösen, die sowohl für die 40.000 Einwohner der Insel zuständig ist als auch für weitere 40.000 Bürger auf dem Festland.

Blackwells Unabhängigkeitskampagne ist Teil einer europaweiten Gegenreaktion gegen die internationale Gemeinschaft und die "Establishment"-Politik. Ähnliche Bewegungen gibt es in Frankreich und Deutschland.

"Bürger zweiter Klasse"

Die CIIP ist beliebt auf der Insel, 14 Mitglieder sitzen im 41-köpfigen lokalen Parlament. Peter lebt schon seit mehr als 50 Jahren auf Canvey Island und ist überzeugt: "Die Unabhängigkeitspartei kümmert sich um die Insel." Seine Freundin Maureen stimmt zu: "Die Leute vom Festland behandeln uns wie Bürger zweiter Klasse."

Großbritannien Canvey Island und Brexit (DW/Orlando Gili)

Will die Kontrolle zurück: Schmuckhändler Colin

Als die Zentralregierung Kürzungen bei der örtlichen Polizei beschloss, begannen die Bewohner die Insel selbst zu überwachen - und versuchten, Jugendliche davon abzuhalten, Eier an die Häuser zu schmeißen.

Das Selbstbewusstsein der Gemeinschaft, Probleme selbst in die Hand nehmen zu können, spiegelt sich auch in der Brexit-Debatte wider. Bei einem Fußballspiel im Ort sagt Maler und Dekorateur Mark: "Ich habe das Gefühl, Großbritannien wäre außerhalb der EU besser dran. Auf lange Sicht wäre das besser für's Geschäft, wir könnten bessere Handelsabkommen abschließen, wenn wir draußen wären."

Mehr Einfluss, mehr Kontrolle

Auch Politikwissenschaftler Matthew Goodwin von Universität in Kent glaubt, dass es darum geht, ein größeres Mitspracherecht zu haben: "An Orten wie Canvey wird klar, dass die Leute nicht nach einer Alternative zur Demokratie suchen. Sie wollen aber mehr Einfluss haben, mehr Kontrolle über Entscheidungen, die ihren Alltag beeinflussen." Hinter dem typischen "Leave"-Wähler stecke mehr als man zunächst vermute: "Ich glaube, es gibt eine Tendenz, diese Wähler als unglaublich ignorante, scheinheilige Rassisten zu sehen. Aber die Realität ist, dass eine 'Leave'-Stimme wesentlich vielfältiger ist, als uns das Klischee glauben lässt."

Letztendlich ist aber auch Canvey nicht unberührt vom derzeitigen Chaos in Westminster. "Ich denke, viele Leute würden heute dafür stimmen, in der EU zu bleiben, jetzt wo sie die wahren Fakten kennen und wissen, wie schwierig es ist, zu gehen", sagt Lokalpolitiker Blackwell. "Trotzdem: Wenn wir jetzt ein Referendum hätten, würden viele nicht wissen, was sie wählen sollten. Um ehrlich zu sein: Wir befinden uns in einem richtigen Durcheinander. Das Land ist ein Chaos, die Regierung ist ein Chaos."

Großbritannien Canvey Island und Brexit (DW/Orlando Gili)

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