Bussmann: ″Opferzahlen je nach Interessenlage″ | Globale Zusammenarbeit | DW | 24.10.2013
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Globale Zusammenarbeit

Bussmann: "Opferzahlen je nach Interessenlage"

Bei Studien zu Kriegsopfern liegen die Zahlen oft weit auseinander. Margit Bussmann, Professorin für Internationale Politik an der Universität Greifswald, erklärt die Methoden solcher Statistiken - und die Tücken.

DW: Frau Bussmann, aktuellen Kriegen und Konflikten, beispielsweise im Irak, fallen jährlich zahlreiche Menschen zum Opfer. Schwierig wird es, wenn man deren Anzahl genau bestimmen will. Welche Methoden gibt es, um die Opfer von Kriegen zu erfassen?

Margit Bussmann: Es ist in der Tat nicht einfach, die Opferzahlen genau zu bestimmen. Im Wesentlichen gibt es zwei Möglichkeiten. Zum einen erheben Forschungsgruppen die Zahl der Kriegsopfer anhand von Berichten. Sie stützen sich also auf Presseberichte, Archivmaterial zu getöteten Menschen in Kriegszeiten oder auch auf Berichte von NGOs. Studien, die wir in diesem Bereich kennen, überprüfen mehrere dieser Quellen und gleichen sie miteinander ab. Die andere Möglichkeit ist die Umfrage. Dabei wählen Forscherteams stichprobenartig Haushalte im Kriegsgebiet aus und besuchen diese. Die dort lebenden Familien werden dann gefragt, ob während des Krieges Familienmitglieder gestorben sind. Die Ergebnisse rechnen die Forscher dann auf die gesamte Bevölkerung hoch.

Forscher aus den USA, Kanada und dem Irak haben eine solche Haushaltsbefragung durchgeführt. Laut ihrer kürzlich veröffentlichten Studie sind bis Juli 2011 im Irak-Krieg fast 500.000 Menschen gestorben. Iraq Body Count, eine andere Studie, die sich auf Medienberichte stützt, zählt bis Dezember 2012 lediglich 110.000 Tote. Wie kommt es zu den sehr unterschiedlichen Zahlen?

Man muss sich immer ganz genau anschauen, was eigentlich untersucht wurde. Die weit auseinander liegenden Ergebnisse dieser beiden Studien ergeben sich wahrscheinlich aus unterschiedlichen Vorgehensweisen. Datensammlungen, die auf Nachrichtenberichten basieren, nehmen meistens nur die direkten Toten in den Blick. Das heißt, sie zählen die Opfer, die durch direkte Gewaltanwendung gestorben sind.

Residents carry a coffin during the funeral of an Iraqi soldier in Baghdad April 25, 2013. The soldier was killed on the second day of clashes following the storming of a Sunni Muslim protest camp by Iraqi forces, in Hawija, near Kirkuk, 170 km (100 miles) north of Baghdad. REUTERS/Wissm al-Okili (IRAQ - Tags: CIVIL UNREST POLITICS MILITARY)

Angehörige tragen einen irakischen Soldaten zu Grabe, der in der Nähe von Kirkuk getötet wurde

Dazu gehören beispielsweise Soldaten, die bei Kampfhandlungen ums Leben gekommen sind oder auch Zivilisten, die ins Kreuzfeuer gerieten. Bei der Befragungsmethode werden häufig auch indirekte Opfer erhoben, die zeitverzögert aufgrund von Kriegsfolgen gestorben sind. Hierzu zählen zum Beispiel Opfer von Hungersnöten oder Krankheiten. Allerdings ist es denkbar, dass diese Hungersnöte oder Krankheitswellen auch ohne den Krieg ausgebrochen wären.

Gibt es andere Nachteile dieser Methoden, die sich verzerrend auf die Ergebnisse auswirken können?

Bei den Befragungen ist entscheidend, wie die Haushalte ausgewählt wurden. Im Falle von bisherigen Studien zum Irak war es wohl so, dass man nur an Hauptstraßen gelegene Haushalte befragt hat oder in Gegenden, wo häufiger Kampfhandlungen stattgefunden haben. Das kann die Erhebung verzerren. Aber auch bei den Studien, die sich auf Presseberichte stützen, gibt es Probleme. Die seriösen Datensammlungen sind in der Interpretation ihrer Erhebungen sehr vorsichtig und geben eher konservative Schätzungen heraus. Sie versuchen, ausschließlich bestätigte Berichte heranzuziehen. Berücksichtigen muss man beispielsweise, dass aus entlegenen Gegenden weniger Presseberichte zu finden sind. Denn die Journalisten sitzen eher in den Hauptstädten. Bedenken muss man auch, dass die Kriegsparteien, die häufig von Journalisten als Informationsquelle herangezogen werden, die Opferzahlen je nach Interessenlage über- oder untertreiben. Opferzahlen sind immer eine politische Angelegenheit.

Nach Schätzungen, unter anderem des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, hat sich der Anteil ziviler Opfer in den vergangenen 100 Jahren von fünf auf 90 Prozent erhöht. Wie beurteilen Sie diese Schätzung?

Ja, die Zahl von 90 Prozent steht im Raum. Mehrere Forscher haben sich unabhängig voneinander auf die Suche gemacht, um herauszufinden, wo die Zahl herkommt. Aber anscheinend ist sie nicht belastbar. Ich wüsste auch nicht, warum sich der Anteil der Zivilopfer im Laufe der Zeit so massiv verändert haben kann. Es gab auch im Ersten und Zweiten Weltkrieg sehr viele zivile Opfer. Ich halte es für wahrscheinlicher, dass der Anteil insgesamt gleich geblieben ist. Vermutlich kommt die 90 Prozent-Angabe dadurch zustande, dass man Zahlen miteinander vergleicht, die nicht vergleichbar sind.

Tausende Familien, zahlreiche Politiker sowie ausländische Diplomaten haben am Donnerstag (11.7.2013) der bis zu 8000 Opfer des Massakers in der ostbosnischen Stadt Srebrenica vor 18 Jahren gedacht. In der Gedenkstätte Potocari vor den Toren der Stadt wurden die Särge von 409 Ermordeten zur Bestattung vorbereitet. Unter den Opfern waren 44 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 18 Jahren sowie ein nur wenige Stunden altes Baby. Internationale Gerichte hatten das schwerste Kriegsverbrechen in Europa nach 1945, das von bosnisch-serbischen Verbänden verübt worden war, als Völkermord klassifiziert. Copyright: Klix.ba/Klix.ba ist DW Partner

Die exakte Zahl von Kriegsopfern lässt sich oft nur schwer ermitteln

Die Frage ist immer, welche Opfer sie mit einrechnen. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es eine große Hungersnot. Wurden diese Zahlen eingerechnet oder nicht? Wenn man nur die Toten einbezieht, die im Ersten Weltkrieg durch direkte Kampfhandlungen getötet wurden und diese den indirekten Toten aus jetzigen Kriegen gegenüberstellt, dann sind die Zahlen absolut nicht vergleichbar. Da zeigt sich, wie sehr es darauf ankommt, die Zahlen angemessen zu interpretieren.

Margit Bussmann ist Professorin für Internationale Politik an der Universität Greifswald. Zusammen mit ihrem Kollegen Gerald Schneider von der Universität Konstanz hat sie die Opferzahlen von getöteten und verletzten Zivilisten in rund 20 Bürgerkriegen zusammengetragen.

Das Gespräch führte Carolyn Wißing.

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