Brüssel – das neue Berlin für Künstler?
17. August 2015
Rund 40 Personen haben sich in einem Halbkreis um Marnie Slater versammelt, um den Ausführungen zu ihrem Bild zu lauschen. Es ist die letzte Führung durch die Ausstellung "Un-Scene III" im Brüsseler Zentrum für Zeitgenössische Kunst, dem sogenannten Wiels.
Die Ausstellung zeigt Werke von 13 jungen Künstlern, die in Belgien leben oder aus Belgien stammen. Zoë Gray, Co-Kuratorin der Ausstellung, sagt, es fiel ihr schwer, eine Wahl zu treffen. "Es gibt so einen Reichtum und eine Vielfalt an Künstlern in Belgien, dass es schwierig war, die Grenze zu ziehen", sagt sie. Fast alle Künstler, auf die schließlich die Wahl fiel, leben in Brüssel.
Eine Stadt, die niemandem gehört
Marnie aus Neuseeland kam vor drei Jahren hierher. "In Brüssel habe ich das Gefühl, dass noch Dinge möglich sind, die in anderen europäischen Hauptstädten nicht mehr stattfinden können", sagt sie. "Wie zum Beispiel die Nutzung von bislang ungenutztem Raum. Wenn man hier bei sich zu Hause eine Ausstellung macht, dann kommen 200 Leute."
"Brüssel gehört niemandem wirklich, es ist eine total anarchische Stadt", sagt Erika Hock, eine weitere junge Künstlerin, die ihren Wohnsitz nach Brüssel verlegt hat und deren Arbeit in der "Un-Scene III"-Ausstellung zu sehen ist.
Frederic de Goldschmidt, ein französischer Kunstsammler mit Sitz in Brüssel, verwendet nicht den Begriff "anarchisch", aber gibt durchaus zu, dass die Stadt ein wenig "unorganisiert" ist: "Hier geschehen Dinge auf eine zufällige Art und Weise", sagt er. "Es ist nicht alles so durchorganisiert wie in Paris, wo die nationalen und regionalen Kunstzentren Kunst aufkaufen, und wo es Kommittees gibt, die Kunst erwerben, während die Künstler einen bestimmten Geldbetrag vom Wohlfahrtsstaat erhalten. Hier in Brüssel gibt es sowas praktisch gar nicht."
Dieses "Durcheinander" ist ein fruchtbarer Boden für gemeinnützige Kunsträume, die jungen Künstlern eine Chance bieten, ihre Werke auszustellen, oder die Künstler dazu einladen, neue Werke zu kreieren. Es gibt auch eine unabhängige Kunstmesse, die jedes Jahr an einem anderen Ort stattfindet. Dieses Jahr wird das ein leerstehendes Gebäude eines Versicherungsunternehmens sein, das Künstlern erlaubt hat, in dem Gebäude am Kanal zu arbeiten. "In einem Jahr wird das Gebäude niedergerissen," erklärt de Goldschmidt, "aber man beschloss, es Künstlern als Studio zur Verfügung zu stellen, anstatt es einfach leer stehen zu lassen."
Berühmte Galerien und ein internationales Publikum
Es ist jedoch nicht nur die Non-Profit-Szene, die Künstler hierher zieht. Im Lauf der letzten Jahre sind so einige Galerien in Brüssel eröffnet worden. Insbesondere haben renommierte Galerien wie Barbara Gladstone aus New York und Almine Rech aus Paris hier jetzt Niederlassungen. "Das war ein entscheidender Faktor", sagt Frederic de Goldschmidt.
Ein weiterer solcher Faktor, fügt er hinzu, war 2008 die Eröffnung des Zentrums für Zeitgenössische Kunst, das jedes Jahr jungen Künstlern Arbeitsbereiche sowie Trainingsprogramme bietet.
"Das wird zu einem der gefragtesten Programme für Künstler in ihren Dreißigern", sagt de Goldschmidt. "Ich glaube nicht, dass das an der Finanzierung liegt, denn sie bekommen nicht gerade viel Geld, aber das Atelier ist wirklich schön. Und es geht auch um die Kontakte mit anderen Künstlern und die Qualität der Gespräche mit den Tutoren – all das macht das Programm sehr interessant."
Heterogene Szene
Einige der Absolventen des Programms, die aus aller Welt kommen, sind in Brüssel geblieben. "Die Szene ist internationaler geworden", sagt Freek Wambacq, ein Künstler, der in Brüssel geboren wurde und dort bis vor fünf Jahren lebte. Es ist diese Vielfalt, die Künstlerkollegen schätzen. Erika Hock, in Kirgisistan geboren und aufgewachsen, kam im Alter von zehn Jahren nach Düsseldorf und zog dann schließlich nach Brüssel.
"Düsseldorf ist die homogenste Stadt, die ich kenne", sagt sie. "Die Künstler in Düsseldorf leben dort, weil sie vorher dort zur Kunstschule gegangen sind – und danach bewegt sich fast niemand mehr von da weg. In Brüssel ist genau das Gegenteil der Fall. Ich kenne niemanden, der hierher kam, um in die Kunstschule zu gehen. Ich kenne nur Künstler, die hierher kamen, um am Programm teilzunehmen und dann hier blieben - oder weil sie im Zentrum Europas sein wollten."
Hier kann man Kunst machen - und sie auch verkaufen
Ein weiterer Faktor, der Künstler nach Brüssel zieht, ist die Tatsache, dass es dort viele Kunstsammler gibt. Laut de Goldschmidt mehr als in Berlin. "In Berlin", sagt Kuratorin Zoe Gray, "gibt es zwar viele Künstler, die gute Arbeiten machen und gute Einrichtungen, die diese ausstellen, aber es mangelt an finanzieller Unterstützung, um das aufrecht zu erhalten. Die Leute erzählen, dass sie in Berlin zwar sehr billig leben und ihre Werke ausstellen konnten, aber dass man dort einfach nichts verkauft kriegt."
In Brüssel hingegen gibt es nicht nur Kunstsammler, sagt de Goldschmidt, sondern, noch wichtiger, jene, die an einer Vielzahl von Kunstrichtungen interessiert sind. "Der Kunstmarkt auf der Welt insgesamt wird immer standardisierter, da die jungen Sammler das kaufen, was alle anderen ebenfalls kaufen", erklärt de Goldschmidt. "Aber in Belgien gibt es viele verschiedenen Persönlichkeiten, und man sagt, dass die belgischen Sammler mit dem Herzen kaufen." Das gibt jungen, aufstrebenden Künstlern eine größere Chance, dass ihre Werke entdeckt und verkauft werden.
Nur ein kurzer Augenblick?
Laut Zoe Gray kommen in Brüssel alle Zutaten zusammen, die zur Schaffung einer lebendigen Kunstszene benötigt werden. "Hier gibt es gute Einrichtungen wie Wiels, eine dynamische Verkaufsszene und jede Menge junge Künstler, die kommen und gehen, sowie viele Besucher. Man braucht eben alle diese Elemente, um eine dynamische Kunstszene zu erzeugen – und zur Zeit hat man das hier", fasst Gray zusammen.
Manche haben Bedenken geäußert, dass dieser Moment nicht ewig andauern könne, da die Mieten steigen könnten, was Brüssel für Künstler weniger attraktiv machen würde. Aber Sammler Frederic de Goldschmidt glaubt, dass "die Mieten hier immer niedriger bleiben werden als in Paris oder London." Er fügt hinzu, dass die geographische Lage von Brüssel zwischen anderen großen europäischen Kunststädten wie Paris, London, Amsterdam und Köln ideal ist, und es auch bleiben wird.
Die Tatsache, dass die New Yorker Kunstmesse Independent nächstes Jahr ihre erste europäische Zweigstelle in Brüssel aufmachen wird, ist ein weiterer Indikator dafür, dass die Brüsseler Kunstszene wohl nicht so bald ihre Dynamik und Anziehungskraft verlieren wird. All diese Faktoren, sagt er, sind wichtiger als die Frage, ob Brüssel nun zu Recht den Beinamen "das neue Berlin" trägt.
"Dass Brüssel zum neuen Berlin würde - das hat wahrscheinlich begonnen, als einige Künstler von Berlin desillusioniert wurden und nach Brüssel zogen", sagt er. "Einige Leute sprechen schon davon, dass Istanbul das neue Berlin sei." Aber Istanbul, fügt er hinzu, sei nicht wirklich ein Konkurrent für Brüssel aufgrund seiner Lage: "Es mag vielleicht hipper sein, aber es ist nicht so praktisch."