Brexit: Zerrissenes Großbritannien | Europa | DW | 31.01.2020
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EU-Ausstieg

Brexit: Zerrissenes Großbritannien

Für manche, wie Emily Hewertson, ist der Brexit ein Grund zum Feiern. Andere, wie Steven Bray, tragen Trauer. Das Land ist polarisiert. Von Charlotte Potts, London.

Wenn in London am Freitagabend die 11-Uhr-Stunde schlägt - in Mitteleuropa ist es dann Mitternacht - wird es nun tatsächlich soweit sein: Großbritannien verlässt als erstes Land der Geschichte die Europäische Union. Ein historischer Moment, den Premierminister Boris Johnson auf besondere Weise zelebrieren lässt: Auf die dunklen Mauern seines Dienstsitzes in der Downing Street wird ein Countdown projiziert, der die Sekunden bis zum Austritt zählt. An den Fahnenmasten rund um das Parlament wird der Union Jack gehisst, die Flagge des Vereinigten Königreichs. Eine Gedenkmünze mit der Aufschrift "Frieden, Wohlstand und Freundschaft mit allen Nationen" kommt  in Umlauf.

Zwei, die diesen historischen Moment im Regierungsviertel erleben wollen, sind Emily Hewertson und Steven Bray. Zwei Briten, die unterschiedlicher nicht sein können - sie steht für den Brexit, er ist dagegen. Das Einzige, was sie eint, ist ihre Leidenschaft für das Thema. Wenn Premier Johnson am Abend des 31. die Nation in einer Fernsehansprache zur Einigkeit und zum Nach-Vorne-Schauen aufruft, stehen Hewertsen und Bray für die Spaltung des Vereinigten Königreichs. Eine Wunde, die auch nach dem Brexit nicht so schnell heilen wird.

Institution in Westminster

Wenige Tage vor dem Brexit protestiert Steven Bray wieder im Regierungsviertel - seit September 2017 ist er hier an jedem Tag, an dem auch das Parlament tagt. Mit seinem blauen Hut mit der Aufschrift "Stop Brexit" und einer überdimensionalen EU-Flagge ist der heute 50-Jährige sofort zu erkennen. Alle paar Minuten kommt ein Tourist, um ein Selfie mit ihm zu machen. Bray ist mit seinem Protest in Westminster zu einer Institution geworden. Als die Briten 2016 über den Brexit abstimmten, lebte er im Süden von Wales und verdiente sein Geld als Münzkundler.

No-Brexit-Man Steve Bray (DW/C. Potts)

No-Brexit-Man Bray: "50 Prozent Hass, 50 Prozent Zuspruch"

Die Entscheidung der Briten die EU zu verlassen, ließ Bray nicht los: "Unsere Politiker haben uns mit dem Brexit betrogen und belogen. Das konnte ich so nicht stehen lassen." Und so zog er im Sommer 2017 einen Schlussstrich unter sein altes Leben, verkaufte Teile seiner Münzsammlung und zog nach London, um seinem Unmut von nun an direkt an die Parlamentarier und Journalisten zu richten.

Seitdem steht Bray - mit Hut, Protestschildern und Flagge, oft unterstützt von anderen pro-europäischen Aktivisten - vor dem britischen Parlament. Egal ob Frost oder Hitzewelle, von montags bis donnerstags protestiert er dort wenigstens acht Stunden am Tag, manchmal auch bis tief in die Nacht, wenn die Parlamentarier mal wieder ewig im Unterhaus über den Brexit debattieren.

"Manche Abgeordneten meiden mich wie die Pest", erzählt Bray, der mittlerweile als "Mr. Stop Brexit" im ganzen Land bekannt ist. "Die Reaktionen sind ganz gemischt. 50 Prozent Hass, 50 Prozent Unterstützung und Zuspruch. Beides spornt mich an." Bray lässt sich auch durch negative Erfahrungen nicht beirren. Zwei Wochen vor dem Brexit wurde er auf offener Straße angegriffen. Junge Männer klauten seinen Hut, stellten ihm ein Bein und schlugen ihm ins Gesicht. "Rechte Faschisten waren das", sagt er und schiebt schnell hinterher, dass diese Menschen nichts mit dem normalen "Leave"-Wähler zu tun hätten, also denen, die für den Brexit gestimmt haben.

"Politik und Prosecco"

Wenige Meter entfernt tippt Emily Hewertson frenetisch auf ihrem Handy herum. "Politik und Prosecco" steht über ihrem Account, auf dem sie jeden Tag Stunden verbringt, um ihren fast 62.000 Followern ihre Meinung mitzuteilen. Wie Bray verdankt sie dem Brexit ihre Bekanntheit. Das war es aber auch mit den Gemeinsamkeiten zwischen den beiden. Denn die 19-Jährige steht auf der anderen Seite des politischen Spektrums.

Vergangenen Mai trat Hewertson als Gast einer BBC-Fernsehrunde auf. Dort äußerte sie sich leidenschaftlich für den Brexit und zeigte sich enttäuscht von ihrer Partei, den Konservativen. Denn die Tories hatten unter Premierministerin Theresa May das Austrittsdatum bereits zweimal verschoben. Sie stimme deshalb bei der Europawahl für die Brexit-Partei, verkündete die junge Konservative in der BBC-Sendung und stieß damit auf ein landesweites Echo.

Brexit-Aktistin Emily Hewertson (DW/C. Potts)

Brexit-Aktistin Hewertson: "Eigene Regeln machen"

Das "Brexit Girl" nannten sie die konservativen Zeitungen und die Zahl der Follower von Hewertsons Social-Media-Accounts explodierte. "Alle denken doch, dass nur alte, weiße Männer für den Brexit sind. Ich bin jung, weiblich und aus vielen Gründen für den Brexit. Und es gibt viele in meiner Generation, die mir da zustimmen würden", sagt sie lautstark und zählt all diese Gründe in Halbsätzen auf: "Souveränität hat oberste Priorität. Eigene Regeln machen. Wieder die Einwanderung kontrollieren. Kein Geld mehr an die EU zahlen. Und nicht zuletzt hat eine Mehrheit für den Brexit gestimmt. So ist das in einer Demokratie."

Brexit-Kluft in der britischen Gesellschaft

Ihre Argumente für den Brexit erinnern an die Slogans, die bereits die Vote-Leave-Kampagne im Zuge des Referendums gebetsmühlenartig herunterrasselte. Hewertson spricht aus Überzeugung. Auf Twitter polarisiert sie mit ihren Posts. Sie hat bereits mehrere Morddrohungen erhalten, erzählt sie. Ein Twitter-Nutzer sagte, er wolle sie auf der Straße überfallen und bei lebendigem Leibe anzünden. Hewertson lacht. Von solchen Nachrichten will sie sich nicht einschüchtern lassen.

Im echten Leben - an ihrer Universität im Herzen Londons, wo sie Politik und Religion studiert, und auch zu Hause in Northhampton, einer Industriestadt in Zentralengland, seien auch die Leute, die politisch ganz anders denken, nett zu ihr: "Es ist wichtig, dass wir wieder lernen, anständig zu debattieren. Ich liebe eine gute Diskussion", sagt sie und strotzt vor Selbstbewusstsein.

Emily Hewertson glaubt, dass die Kluft, die der Brexit in die britische Gesellschaft geschlagen hat, mit dem Austritt Ende Januar nun endlich überwunden werden kann. Nur so könne die Gesellschaft sich auf die Zukunft konzentrieren: "Schließlich komme ich auch mit meinem Vater gut aus und der ist pro-europäisch."

Pro-EU-Aktivist Steven Bray will dem nicht zustimmen: "Dieses Land wird auf lange Zeit gespalten bleiben", sagt er vor dem Parlament in Westminster zu Richard Tice, dem Vorsitzenden der Brexit Party, der für die anti-europäische Partei im EU-Parlament sitzt. Es ist ein freundliches Gespräch zwischen zwei Männern, die sich eigentlich nicht ausstehen können, und doch vielleicht ein Zeichen, dass sich die erhitzte politische Debatte nach dem vollzogenen Brexit zumindest etwas beruhigen wird.

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