Brexit-Tagebuch 49: Lasst alle Hoffnung fahren | Europa | DW | 06.11.2018
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Brexit-Tagebücher

Brexit-Tagebuch 49: Lasst alle Hoffnung fahren

Lasst alle Hoffnung fahren, der Brexit und die bösen Geister, Feuer unter Boris Johnsons Hintern, eine Gedenkmünze als Realsatire und Angststörungen bei den Brexiteers.

Die "Times" hatte uns am Wochenende wieder einmal große Hoffnungen gemacht. Eine Einigung beim Brexit stehe unmittelbar vor der Tür, schrieb die Zeitung, denn die EU habe endlich eine akzeptable Lösung für die verflixte irische Grenzfrage angeboten. Es solle einfach das ganze Königreich vorläufig in einer Zollunion mit der EU bleiben. Dann würde man auch nach dem Brexit keine Grenzkontrollen zwischen der Republik Irland und der britischen Region Nordirland brauchen, das Karfreitagsabkommen und damit der Frieden seien gerettet. So war der Plan, plus/minus ein paar technischer Details.

Aber EU-Diplomaten wussten längst, dass dies das allerschwierigste aller Brexit-Probleme ist. Brüssel hatte ursprünglich vorgeschlagen, nur Nordirland an EU-Regeln zu binden, um Kontrollen überflüssig zu machen. Aber das führte zu Wutgeheul bei den Unionisten von der DUP, die Theresa Mays Mehrheit im Parlament garantieren. Sie würden nie eine Abspaltung vom britischen Mutterland akzeptieren, schworen die nordirischen Abgeordneten. Also schluckte die EU die Kröte und bot eine Zollunion für das ganze Königreich an. Was so vernünftig schien, erwies sich nach dem jüngsten Kabinettstreffen in London leider wieder als unmöglich. Theresa May musste erklären, sie wolle keinen "Brexit-Deal um jeden Preis". Denn der ist für ihre Brexiteers zu hoch. 

In London wurde nach dem erneuten Fehlschlag keine weitere Kabinettssitzung angesetzt. Man wartet auf neue Entwicklungen. Das heißt, es kann diese Woche keine Einigung mehr geben. Damit erlischt auch die Chance auf einen EU-Sondergipfel Ende November. Den hatte Theresa May sich gewünscht, damit sie den Deal noch vor der Weihnachtspause durch ihr Parlament hätte peitschen können. Wie Brexit-Unterhändler Michel Barnier immer sagt: "Die Uhr läuft…".  

In Brüssel gehen derweil die geheimen Verhandlungen weiter. Aber sie erinnern immer mehr an Dantes Inferno: "Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren…".

Großbritannien London - Brexit befürworter Arron Banks bei BBC Andrew Marr Show (Reuters/BBC/J. Overs)

Wo Arron Banks Brexit-Spenden herkamen, blieb in diesem Interview offen

Legt die bösen Geister wieder an die Leine

Arron Banks ist einer der bekennenden bösen Buben des Brexit. Und er ist einer dieser obskuren Millionäre mit vielen Offshore-Konten. Banks hatte der Leave.EU-Kampagne allein 8 Millionen Pfund gegeben und wurde zu ihrem größten Einzelspender. Damit aber zog er die Aufmerksamkeit der Medien und der Opposition auf sich. Überall erschienen plötzlich Recherchen zu Banks dubiosen Geldquellen. Die Behörde zur Verbrechensbekämpfung untersucht nun seine Aktivitäten, weil nach britischem Recht nur britisches Geld ein britisches Referendum beeinflussen darf. Und es gibt ernsthafte Zweifel daran, wo Banks Geld herkommt.

Noch interessanter aber sind die Vorwürfe, die Millionen kämen gar nicht von Banks Konten sondern aus russischen Quellen. Die BBC räumte dem Unternehmer jetzt ein Interview zur besten Sendezeit am Sonntagmorgen ein, um diese Fragen zu beantworten. Es habe Treffen mit dem russischen Botschafter und anderen gegeben, sagte Banks da, aber kein russisches Geld. Niemals.

Ganz am Ende aber kam die Killer-Frage: Würden Sie heute wieder für den Brexit stimmen? Und Banks legte los: "Nach der Korruption in der britischen Politik, (…) dem Dreck und dem abscheulichen Verhalten der Regierung, was sie beim Brexit macht und wie sie ihn ausverkauft, glaube ich es wäre wohl besser gewesen, wir wären in der EU geblieben und hätten diese bösen Geister nicht von der Leine gelassen." Dann wären aber seine acht Millionen, wo immer sie herkamen, am Ende nur eine Riesen-Geldverschwendung gewesen. 

Großbrittanien - Edenbridge Bonfire Society Celebreity Guy 2018 - Boris Johnson Puppe wird verbrannt (picture-alliance/PA Wire/G. Fuller)

In mehreren britischen Städten wurde bei der traditionellen Guy Fawkes Nacht eine Boris Johnson Puppe abgefackelt

Feuer unter Boris Hintern

In der Guy Fawkes Nacht am 5. November werden in England traditionell Strohpuppen von Politikern und anderen Übeltätern verbrannt. In Lewes in East Sussex trug man an diesem Abend einen großen Boris Johnson durch die Stadt und die Leute schrien: "Verbrennt ihn, verbrennt ihn." Man sieht, dass er die dunkelsten Instinkte bei den friedlichsten Leuten weckt. Die Boris-Puppe trug übrigens noch den abgeschnitten Kopf von Theresa May in Händen. Diese Anspielung aber scheint inzwischen überholt.

Denn Johnson soll es aufgegeben haben, ihre Nachfolge als Premierminister anzustreben. Er scheint zu erkennen, dass er seine politische Halbwertzeit überschritten hat. Trotzdem hat der große böse Wolf des Brexit noch Leben in sich. Denn wenn immer der ungestüme, glückliche Brexit gefährdet scheint, von dem er träumt, dann richtet er sich auf und brüllt.

Als am Wochenende also die Spekulationen von dem Deal mit der Zollunion wucherten, ließ er gleich seine ganze Wut in der Daily Mail aus. Theresa May müsse diesen "Stinker von einem Brexit-Deal" ablehnen, tobte er. Das sei ein "Weihnachtsgeschenk nach Art der besten Brüsseler Mogelpackung".

Und dann folgte wie immer bei Boris ein Ausflug in die Tiefen der Geschichte. "Zum ersten Mal seit Tausend Jahren müssten wir fremde Gesetze akzeptieren", wir werden ein "Vasallenstaat, eine Kolonie...". Außerdem sei das Ganze eine "nationale Demütigung" und eine "totale Unterwerfung". Und so weiter und so fort. Hat er es nicht eine Nummer kleiner? Wie lange will Boris eigentlich den immer gleichen Zeitungsartikel schreiben? Und zahlt ihm noch jemand Geld dafür?

Twitter Screenshot - hmtreasury zu geplanter Brexit Münze (Twitter/hmtreasury)

Frieden, Wohlstand und Freundschaft mit allen Ländern verspricht die Brexit-Gedenkmünze

Die Brexit-Gedenkmünze

Es ist ein Stück Realsatire. Das Schatzamt ihrer Majestät veröffentlichte den Entwurf für eine spezielle Brexit-Münze, die im nächsten Frühjahr ausgegeben werden soll. Normalerweise gibt es die für königliche Jubiläen und ähnliche Ereignisse. Jetzt scheint auch der Brexit des nationalen Gedenkens würdig zu sein.

Andererseits müssen sich die Beamten im Ministerium ihrer Sache auch nicht ganz sicher gewesen sein. Also suchten sie sich das monetär eher kümmerliche 50 Pence Stück aus, um Großbritanniens Austritt aus der EU zu begehen. Die Inschrift allerdings ist ein genialer Griff: "Frieden, Wohlstand und Freundschaft mit allen Ländern, 29. März, 2019". In der Tat, was sonst könnte der Brexit für uns alle bedeuten.

Pizza in Mikrowelle (Colourbox)

Brexiteers sollen statt Pizza jetzt ihre Handys in die Mikrowelle schieben

Brexit-bezogene Angststörung

Der jüngste Fall von Brexit-bezogener Angststörung soll bei Mitgliedern der konservativen Denkfabrik "European Research Group" aufgetreten sein. Der Titel ist übrigens ein bisschen irreführend, denn da wird nichts anderes erforscht, als wie Großbritannien schnellstmöglich aus der EU rauskommt. Jetzt hat ein Mitglied der ERG seinen Kollegen empfohlen, für ihre Büros im Parlament Mikrowellen-Öfen zu kaufen. Da drin sollten sie dann während heikler Gespräche mit ihren politischen Freunden ihre Handys aufbewahren.

In Spionagekreisen weiß man natürlich, dass eingeschaltete Handys vom Gegner gehackt und abgehört werden können. Angeblich hilft dagegen eine Mikrowelle. Ob die ein- oder ausgeschaltet sein muss, wird nicht näher erläutert. Der frühere Brexit-Minister David Davis soll aus dem gleichen Grund sein Handy übrigens immer in einer Keksdose aufbewahrt haben.  Das war sozusagen die Low-Tech Lösung. Hoffentlich sind genug britische Psychologen auf Paranoia spezialisiert.