Brexit-Tagebuch 39: Airbus kurz vor dem Abflug | Europa | DW | 25.06.2018
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Brexit-Tagebuch

Brexit-Tagebuch 39: Airbus kurz vor dem Abflug

Airbus macht sich fertig zum Abflug, Boris kämpft gegen den "Klopapier-Brexit", die Tory-Rebellen sind eigentlich Kätzchen und dann gibt es noch die wundersame Wiederentdecktung des John Podsnap.

Es ist das bisher größte Unternehmen, das der britischen Regierung wegen des Brexit droht. Airbus hat Fabriken in Frankreich, Spanien, Deutschland und Großbritannien und ist eine europäische Erfolgsgeschichte. Der Luftfahrtkonzern hat in seinen britischen Werken 14.000 Beschäftigte, sorgt für 110.000 Arbeitsplätze in der Zulieferindustrie und zahlt 1,7 Milliarden Pfund Steuern im Jahr. Und die Manager von Airbus verlieren die Geduld.

"Weil es an Klarheit fehlt, müssen wir jetzt vom schlimmsten Fall ausgehen", sagte Top Manager Tim Williams vorige Woche der Zeitung "The Times". "Es dämmert uns, dass wir jetzt wirklich anfangen müssen". Er meint damit, das Unternehmen vor den Folgen eines harten Brexit zu schützen. Und er hat schon angefangen, Bauteile auf Lager zu nehmen, falls die Lieferkette zum Kontinent unterbrochen werden sollte. Außerdem hat Airbus inzwischen weitere Investitionen in Großbritanniens Fabriken gestoppt und droht damit, das Land ganz zu verlassen, sollte es kein ordentliches Abkommen mit der EU geben.

Wenn Theresa May ihre moderaten Ideen über eine Angleichung an Zollunion und Binnenmarktregeln nicht durchsetzen kann, fürchtet Airbus zusätzliche Kosten von bis zu einer Milliarde pro Jahr. Die Ironie dabei ist, dass zum Beispiel in der Stadt Stevenage nördlich von London, wo in einer großen Fabrik Airbus-Flügel gebaut werden, 59% der Einwohner für den Brexit gestimmt haben. Irgendwie haben sie das Problem nicht gesehen. Jetzt geht in Stevenage die Angst um.

Mini Cooper S (picture-alliance/dpa)

Autobauer BMW erwartet wegen des Brexit Probleme in britischen Mini-Fabriken

Noch mehr schlechte Nachrichten kamen gleich darauf von BMW. Der Autobauer hat immerhin 8000 britische Beschäftigte und verlangt jetzt ebenfalls Klarheit über den Brexit - bis Ende des Sommers. Wenn es einen harten Brexit geben oder das Land die Zollunion völlig verlassen würde, müsste BMW Teile einlagern, um Verzögerungen an der Grenze zu umgehen. Damit aber würde das Unternehmen weniger wettbewerbsfähig.

Keiner will hier Druck auf Theresa May ausüben. Sie will ihr Kabinett jetzt dazu bringen, Anfang Juli endlich die Grundsatzentscheidung über die künftige Haltung der Briten zu Zollunion und Binnenmarkt zu treffen. Aber man sollte sich nicht zu viel erhoffen.

Großbritannien Boris Johnson in London (Reuters/H. McKay)

Boris Johnson schert sich wenig um die Würde eines Außenministers

Boris und das "f…Wort"

Es war ausgerechnet der belgische Botschafter, der Boris Johnson zu einem völlig undiplomatischen Ausfall provozierte. Die Geburtstagsfeier für die Queen ist normalerweise ein alkoholisches und fröhliches Ereignis. Als Rudolf Huygelen aber den Außenminister nach den Bedürfnissen britischer Unternehmen nach dem Brexit fragte, soll Boris gespuckt haben: "F… die Unternehmen".

Der Ober-Brexiteer ist wütend, denn Airbus und BMW versauen ihm mit ihren Warnungen seinen schönen Brexit. Was ein Fest für "Wir-holen-die-Kontrolle-zurück-egal-was-es-kostet" werden sollte, entwickelt sich zu einem Angst besetzen Untergangs-Szenario. Boris Johnson hasst die Unternehmenschefs von Herzen für ihren Mangel an Patriotismus. Obwohl sie auf ihren Fahnen nicht den Union Jack führen sondern das "Aktionärsvermögen". Trotzdem erwartet Boris, dass alle die Ärmel aufkrempeln und das Beste aus dem "vollen britischen Brexit" machen. Für uns das Frühstück bitte ohne Würstchen.

Boris Sprache ist bekanntermaßen manchmal näher am Pub als am Außenministerium, aber sie ist immer farbig. Er fürchtet das Königreich werde in einer Art Wartezimmer der EU hängen bleiben, wenn Theresa May nicht endlich dem Willen der harten Brexiteers folgt. Sie solle jedenfalls keinem "Klorollen-Brexit" zustimmen sagt Boris, der "weich ist, nachgiebig und scheinbar unendlich lang". Die Gedanken des Außenministers gehen wirklich sonderbare Wege.

Südafrika Kruger National Park Löwe (picture-alliance/Godong)

Die Tory-Rebellen im britischen Parlament sind keine Löwen, sondern nur Kätzchen

Die wahre Natur der Rebellen

Welch trauriges Schauspiel im Unterhaus! Die sogenannten Brexit-Rebellen bei den Tories hatten höchste Erwartungen geweckt. Sie seien angeblich bereit, Theresa May eine Niederlage im Parlament zu verpassen wegen der Frage, ob die Abgeordneten einen harten Brexit verhindern könnten oder nicht. Über die entsprechende Gesetzesvorlage war vor zwei Wochen schon einmal abgestimmt worden. Damals ließ sich Rebellenführer Dominic Grieve von vagen Versprechen der Premierministerin einlullen. Schon am Tag danach konnte sie sich an nichts erinnern. Also brachte das Oberhaus die Vorlage erneut auf den Tisch.

Jetzt würde es wirklich zum Schwur kommen, versprachen die Rebellen. Die Spannung stieg, Hochschwangere und Schwerkranke wurden in Rollstühlen ins Parlament geschafft. Es ging um jede Stimme. Und dann stand Grieve auf und erklärte, es sei alles ein irgendwie ein Irrtum. Man habe ihm glaubhaft versichert, das Unterhaus könne am Ende den Brexit aus eigener Kraft aussetzen, wenn die Regierung im Winter kein Abkommen vorlegen könnte. Dabei wurde nur eine Kleinigkeit vergessen: 27 EU-Länder müssten dem erst zustimmen. Außerdem: Wäre es nicht ein bisschen spät den Brexit-Zug noch anzuhalten? 

Mays Konservative scheinen einfach nicht zur Rebellion geboren. Sie sind keine Löwen, sondern Kätzchen. Oder vielleicht sogar bloß Kaninchen, weich, anschmiegsam und nicht sehr schlau. Ein Abgeordneter der Labor Party erinnerte an einen alten englischen Kinderreim: "Der große alte Duke of York, der hatte 10.000 Mann. Er führte sie auf den Hügel hinauf führte sie gleich wieder runter dann". Ein historisches Manöver, zur Nachahmung eigentlich nicht empfohlen. 

Dänemark Brexit-Chefunterhändler der EU Michel Barnier auf Fischkutter (Getty Images/AFP/H. Bagger)

Michel Barnier hat Langeweile und geht daher andauernd auf Reisen

Barniers Reisen

Weil es in Brüssel seit Monaten keine richtigen Brexit-Verhandlungen gibt, hat Michel Barnier viel freie Zeit. Also reist er ein bisschen herum. Vor kurzem war er in Irland und hat sich die unsichtbare Grenze angeguckt. Vorige Woche machte er einen Sprung rüber in die Niederlande, um die Vorbereitungen für einen harten Brexit zu begutachten. Normalerweise ist der EU-Unterhändler ein eher trockener Typ. Aber bei dieser Visite zeigte er auf Twitter seine ironische Ader:

"Der niederländische Zoll bereitet sich auf den Brexit vor. Ich habe mich gefreut, neue Zollbeamte zu treffen und mit Lebensmittelkontrolleuren über die unheilvollen Folgen des Brexit zu sprechen". 

Die Niederlande stellen einige hundert neue Zöllner ein, um für Grenzkontrollen nach dem Brexit unter anderem im riesigen Hafen Rotterdam gewappnet zu sein. Gute Vorbereitung ist alles.

Zeichnung zu Charles Dickens Oliver Twist (picture-alliance/Mary Evans Picture Library)

Charles Dickens war ein scharfer Beobachter menschlicher Charaktere

Entdecken Sie Podsnap

Das Wirtschaftsmagazin "The Economist" hat für uns Podsnap wieder entdeckt. Er ist eine Figur im letzten Roman von Charles Dickens, der ansonsten wenig bekannt auf den Regalen von Englischprofessoren verstaubt. Durch den Brexit aber wird John Podsnap jetzt wieder zum Leben erweckt. Er ist ein Mann, der vehement daran glaubt, dass England das Beste aller möglichen Länder und der Rest der Welt nur ein Fehler ist. "Er verkörpert insulare Selbstgefälligkeit und die Weigerung, unangenehmen Tatsachen ins Gesicht zu schauen", erklärt das "Oxford Wörterbuch der englischen Sprache" seinen Charakter und den feinen Begriff "Podsnappery".

Das Phänomen soll es übrigens auch auf der europäischen Seite des Verhandlungstisches geben. Aber darüber reden wir ein anderes Mal.