″Brexit Big Band″: Musikalischer Dialog auf Europatournee | Musik | DW | 21.01.2018
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Musik

"Brexit Big Band": Musikalischer Dialog auf Europatournee

Die Verhandlungen um den Brexit, den Austritt Großbritanniens aus der EU, schreiten nur langsam voran. Den Soundtrack dazu gibt es aber längst. Geschrieben hat ihn der Brite Matthew Herbert mit seiner "Brexit Big Band".

Europas größte Trennung der letzten Jahrzehnte ist die Kulisse für Matthew Herberts neuestes Musikprojekt. Scheidungspapiere, unbeholfene gemeinsame Auftritte, das Ringen um die richtigen Worte, Trennungsjahre - all das dient dem englischen Künstler als Inspiration. Selbst aus dem staubigen Artikel 50 des Vertrags von Lissabon, die rechtliche Grundlage für den Brexit, wurde eine Jazz-Nummer. Aber nicht nur die Politik arbeitet Matthew Herbert mit seiner Band auf, auch die Berichterstattung über den Brexit in britischen Zeitungen und die Reaktionen der Öffentlichkeit vertont Herbert auf seiner aktuellen Europatournee.

Musikalischer Dialog

"Die Brexit-Abstimmung war ein Schock für mich, obwohl ich das Ergebnis erwartet hatte", sagt Matthew Herbert im Gespräch mit der DW. Er macht gerade Station in Brüssel, jener Stadt, die oft als "Hauptstadt Europas" bezeichnet wird. "Ich habe mit dem Ergebnis gerechnet, aber ich war trotzdem total überwältigt. Ich musste einfach etwas machen."

Schon kurze Zeit nach der Abstimmung hatte er die "Brexit Big Band" auf die Beine gestellt. "Mir geht es darum, einen Dialog anzustoßen", so der überzeugte Europäer. "Der Brexit ist oft langweilig, uninspiriert und idiotisch. Ich wollte genau das Gegenteil davon schaffen." Bei einem der ersten Konzerte nach dem Referendum hängte sich Herbert eine britische Flagge um die Schultern. "Zuerst hatte ich Angst vor der Reaktion des Publikums. Aber als ich gemerkt habe, dass die meisten Leute darüber lachen, war ich fürchterlich erleichtert."

Brexit BigBand Generalprobe
(DW/D. Pundy)

Matthew Herbert bei der Generalprobe in Brüssel mit dem "Netherlands Brexit Choir" und dem "Brussels Jazz Orchestra"

An den verschiedenen Spielorten der Tournee begleiten ihn lokale Chöre und Orchester. Bis zu hundert Musiker stehen dann mit Herbert auf der Bühne. Beim jüngsten Auftritt in Brüssel im Rahmen des "Brussels Jazz Festival 2018" waren der "Netherlands Brexit Choir" sowie das "Brussels Jazz Orchestra" mit dabei. Die Tournee hat für Herbert auch eine persönliche Komponente: "In den letzten 20, 25 Jahren hatte ich in Europa über 2000 Auftritte. Ich verdanke den Europäern, die zu meinen Konzerten gekommen sind und meine Platten gekauft haben, sehr viel. Es ist großartig, sagen zu können: 'Vielen Dank und meine Premierministerin ist eine Idiotin'."

Der Musiker und Tonkünstler Matthew Herbert begann seine Karriere vor über zwei Jahrzehnten mit dem Produzieren und Remixen von Elektromusik. Zusätzlich komponierte er Soundtracks für Spielfilme und Fernsehproduktionen. In den letzten Jahren machte er von sich hören, weil er so ziemlich alles zu Musik verarbeitet. So mischte Herbert Alltagsgeräusche aus dem Haushalt (Albumtitel: "Around the House") oder Körpergeräusche (Albumtitel: "A nude - the perfect body") seiner Elektromusik unter.

Wespennest Brexit

Die Europatournee mit der "Brexit Big Band" ist nicht das erste Mal, dass Herbert mit seiner Musik ein politisches Zeichen setzt. Er verwendete beispielsweise Aufnahmen aus einer Schweinemast zu einem musikalischen Protest gegen die industrielle Nahrungsproduktion (Albumtitel: "One Pig"). Egal ob als Solokünstler im Stall oder zusammen mit knapp hundert Musikern auf der Bühne, eins vereint alle Projekte des Künstler: "Mir geht es immer ums Zuhören."

Brexit David Cameron Presse London (picture-alliance/dpa/A. Rain)

Herbert kritisiert die Berichterstattung britischer Medien über den Brexit

Ein ausgewogener Dialog steht auch im Mittelpunkt seines aktuellen Projekts. "Die Berichterstattung über den Brexit wird von wenigen Zeitungsmoguln beherrscht", sagt Herbert. "Viele Stimmen bekommen dabei gar kein Gehör." Der Musiker fand einen Weg, ihnen doch Ausdruck zu verleihen. Auf seinem letzten Konzert in London bat er das Publikum, Botschaften an Europa auf Papier zu schreiben und als Papierflugzeuge gefaltet Richtung Bühne zu werfen. Beim Konzert in Brüssel warfen Herbert und seine Bandmitglieder die Papierflieger ins Publikum. Die Geräusche der fliegenden Botschaften sollen auch auf der Brexit-Platte verewigt werden.

In Brüssel hatte jetzt auch sein neuestes Musikstück Premiere. Ein Titel über den "Shitstorm", der in den vergangenen Monaten in den Sozialen Medien über den Künstler hereinbrach. Britische Medien hatten berichtet, Matthew Herbert erhalte für sein Projekt Fördergelder der britischen Schallplattenindustrie. Das stoß bei Brexit-Befürwortern auf teils heftige Kritik. Seither betont Herbert, dass seine Big Band kein Anti-Brexit-Projekt sei. Er habe den Brexit akzeptiert. "Ich fühle mich als Europäer. Ich versuche einen Beitrag zu leisten anstatt das Referendum rückgängig machen zu wollen."

"Brexit ist eine Zeitverschwendung"

Bei jedem Konzert der Tournee werden Aufnahmen für das kommende Album gemacht. Das Erscheinungsdatum steht bereits fest: der 29. März 2019 - jener Tag, an dem Großbritannien voraussichtlich aus der EU austreten wird.

Matthew Herbert Interview (DW/D. Pundy)

Herbert hofft, dass Großbritannien doch in der EU bleibt

"Ich hoffe noch immer, dass der Brexit nie stattfinden wird", sagt Herbert. "Für mich ist das eine absolute Zeitverschwendung." Die letzten Monate hätten gezeigt, dass die britische Regierung inkompetent und ideenlos sei. Sie realisiere gerade, dass Großbritannien nicht einfach so aus der EU austreten könne. Herbert geht davon aus, dass es noch Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern wird, bis der Brexit vollzogen sein wird.

Sollte es doch schneller kommen, hat Herbert für den Stichtag bereits einen Plan: "Wir wollen ein Konzert auf dem Ärmelkanal geben, auf einer Fähre, die zwischen Großbritannien und Frankreich hin- und herfährt. Ich hoffe, das wird mich so weit ablenken, dass ich von all dem so wenig wie möglich mitbekomme.

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