Der Mann, auf den Boris Johnson hört | Europa | DW | 21.11.2019
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Brexit

Der Mann, auf den Boris Johnson hört

Strippenzieher, Stratege, "Brexit-Architekt": Dominic Cummings, Berater von Premierminister Boris Johnson, gilt als gefährlicher Akteur in der britischen Politik. Den Wahlkampf hat er schon jetzt geprägt. Ein Porträt.

Großbritannien London | Boris Johnson am britischen Parlament (picture-alliance/ZUMAPRESS/London News/G. C. Wright)

Einflüsterer Dominic Cummings (hinten) beobachtet Premier Boris Johnson

Brexit um jeden Preis - das war Boris Johnsons erklärtes Ziel, als er im Juli dieses Jahres die Nachfolge von Theresa May antrat. Johnson wollte den Brexit mit allen Mitteln durchdrücken. Eben auch mit solchen, die bislang im Vereinigten Königreich nicht zum guten politischen Ton gehörten.

Johnson legte sich kategorisch auf den 31. Oktober als Austrittsdatum fest, notfalls auch ohne Abkommen. Er schloss über 20 Mitglieder aus der Fraktion der Tories aus, weil sie seinem harten Brexit-Kurs die Unterstützung versagten. Und er schickte das Parlament in die Zwangspause, weil dieses ihm Mehrheiten versagte.

Skrupelloser Strippenzieher?

Dominic Cummings (Getty Images/AFP/T. Akmen)

Einflüsterer des Ministerpräsidenten: Dominic Cummings

Hinter dieser Hau-Drauf-Strategie, so sagen Beobachter, steckt Dominic Cummings, engster Berater Johnsons in der Downing Street. Ein skrupelloser Strippenzieher, sagen Kritiker, ein taktisches Genie, sagen seine Fans. Johnson hatte den 47-Jährigen nach seinem Amtsantritt zum Chefstrategen ernannt. Seitdem habe Cummings eine "Terrorherrschaft" errichtet, berichten Mitarbeiter der Downing Street. Er entließ vier Beraterinnen aus dem Umfeld des Premiers. Eine ließ er mit Polizeibegleitung aus No. 10 eskortieren.

Cummings, 1971 im nordenglischen Durham geboren, studierte Alte und Zeitgenössische Geschichte an der Kaderschmiede Oxford. Ein Wegbegleiter dort beschreibt den heutigen Berater des Premiers als "viel cleverer als der Premierminister selbst".

Nach dem Studium verbrachte Cummings drei Jahre in Russland, wo er, so wird gemunkelt, erfolglos eine Fluggesellschaft gründete. Zurück in Großbritannien hatte er mehr Erfolg: Mit "Business for Sterling", einer Anti-Euro-Lobbyisten-Gruppe, setzte er sich erfolgreich gegen den Beitritt seines Landes zur Eurozone ein.

"Brexit-Architekt"

Die Kampagne "Vote Leave" zum Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union war es dann, die Cummings als "Mastermind" des Brexit bekannt werden ließ. Er prägte den Slogan "Take back control" - die Briten sollten wieder über ihre eigenen Angelegenheiten bestimmen können, und er streute gezielt Fehlinformationen.

 Boris Johnson's Brexit Battlebus (Getty Images/J. Taylor)

Die Behauptung, ein EU-Austritt würde dem nationalen Gesundheitssystem zugute kommen, erwies sich als Fake News

Das bekannteste Beispiel: Ein "Leave"-Bus, auf dem geschrieben stand, das Land zahle 350 Millionen Pfund (410 Millionen Euro) wöchentlich an die EU. Geld, mit dem man lieber das heimische Gesundheitssystem fördern solle. Diese Behauptung, wie auch viele andere, erwies sich als Lüge.

"Cummings erklärtes Ziel ist es, das Spiel der Politik zu gewinnen", sagt Tim Shipman, Politikredakteur der Sunday Times, der den Berater häufig interviewt hat. "Er polarisiert so sehr wie die britische Würzpaste 'Marmite'. Entweder lieben ihn die Leute oder sie hassen ihn."

Bewunderung von autoritären Systemen

Aus seiner Verachtung für Politiker und Beamte macht Cummings keinen Hehl. Sie sind für ihn Narzissten. Auch für die parlamentarische Demokratie hat Cummings wenig übrig, davon zeugt seine Bewunderung für autoritäre Regime wie China wegen der "effizienten Entscheidungsfindung".

Den Ausstieg des Vereinigten Königsreichs aus der EU sieht Cummings als Neuanfang, der nötig ist, um das System umzukrempeln: folgen soll darauf ein angeblich effizientes, dynamisches Großbritannien. Deshalb auch die Neuwahlen am 12. Dezember, die Johnson mit Cummings strategischer Hilfe herbeigeführt hat: Mit einer möglichen konservativen Mehrheit im Parlament, so die Logik, könne es nach den Wahlen zum Austritt des Landes aus der EU kommen.

Während des Wahlkampfes der Konservativen will sich Cummings, der selber parteilos ist, nun zurückhalten. Er hat den Stab an Isaac Levido übergeben, ein noch wenig bekannter 35-jähriger Australier, der den Liberalen in seiner Heimat zum Aufstieg verholfen hat.

Großbritannien Wahlkampf (AFP/A. Dennis)

Wahlkampf: Premier Johnson wettert auf einer Veranstaltung der Tories gegen seinen Herausforderer Corbyn

Konservative Kurskorrektur

Levido gilt als das komplette Gegenteil von Cummings: sanft, vorsichtig und teamorientiert. Mit ihm an der Spitze setzen die Konservativen im Wahlkampf auf Inklusion statt auf Konfrontation. Möglichst viele Wählergruppen sollen so angesprochen werden, damit die Konservativen ihre Mehrheit zurückgewinnen.

So die offizielle Version von Downing Street. Den Wahlkampf hat Cummings ohnehin schon nachhaltig geprägt: Seine Strategie "people versus parliament", also Bürger gegen das Parlament, die den Brexit bislang verhindert hat, nutzt Johnson bei allen öffentlichen Auftritten.

Auch im Hintergrund wird Cummings als engster Berater des Premierministers weiter die Strippen ziehen. Er wartet, so Beobachter, auf den Moment, in dem Johnson möglicherweise erfolgreich aus den Wahlen hervorgeht und den Brexit vollzieht. Dann würde Dominic Cummings erst recht als der Architekt des Brexits in die Geschichte Großbritanniens eingehen.

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