Bratzel: ″E-Mobilität wird an Bedeutung gewinnen″ | Wirtschaft | DW | 03.08.2016
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Wirtschaft

Bratzel: "E-Mobilität wird an Bedeutung gewinnen"

Auch im internationalen Vergleich sind die Marktanteile von Elektro-Fahrzeugen noch verschwindend gering, meint der Automobilexperte Stefan Bratzel im DW-Gespräch. Der Dieselskandal könnte aber neue Impulse bringen.

Deutsche Welle: Sie haben in einer Studie über Elektromobilität im internationalen Vergleich eine Halbjahresbilanz gezogen. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

Stefan Bratzel: Im globalen Vergleich bekommt man ein durchwachsenes Bild. China entwickelt sich immer mehr zum Leitmarkt. Im ersten Halbjahr wurden dort inklusive Bussen und leichten Nutzfahrzeugen rund 170.000 Elektro-Fahrzeuge verkauft. Die USA haben einen leichten Zuwachs zu verzeichnen, aber insgesamt wurden dort nur 66.000 E-Autos verkauft. In Europa gibt es nach wie vor die große Ausnahme Norwegen und danach kommt lange nichts. Für Deutschland ist die Bilanz bislang sehr ernüchternd. Die Verkaufszahlen der reinen Elektro-Fahrzeuge sind bei uns im ersten Halbjahr sogar um sechs Prozent zurückgegangen.

Wie sieht es in Sachen Elektroautos mit den Marktanteilen aus? Wie viele solcher Fahrzeuge gibt es im Vergleich zu denen mit konventionellen Verbrennungsmotoren?

Automobilexperte Stefan Bratzel (Foto: dpa - Report)

Stefan Bratzel

Die Marktanteile sind verschwindend gering. In Deutschland bewegt sich das bei 0,6 Prozent Marktanteil für Elektro-Autos bei den Neuwagen-Zulassungen - das könnte in einer Statistik fast ein Rundungsfehler sein. In China sind wir immerhin schon bei einem Wert von 1,5 Prozent. Das ist zwar auch noch nicht viel, die Steigerungsrate ist aber enorm - eine Verdopplung innerhalb eines Jahres. Wobei China aber auch immer mit Vorsicht zu betrachten ist. Da gibt es Betrügereien, und die Qualität der Fahrzeuge ist teilweise nicht so gut. Ebenso stellt sich Frankreich recht passabel dar, auch mit 1,5 Prozent Elektro-Autos bei den Neuwagen-Zulassungen. Sie sehen, wir haben zwar in manchen Märkten ein gewisses Wachstum der Marktanteile, aber es bewegt sich doch auf einem - sagen wir mal - recht homöopathischen Niveau.

Woran scheitert die flächendeckende Verbreitung von Elektro-Autos bislang?

Ich nenne es die RIP-Problematik: Reichweite, Infrastruktur und Preis. Die Kunden erwarten von einem Auto eine Mindestreichweite von 400 bis 500 Kilometern. Bislang verfügen Elektro-Autos aber lediglich über Reichweiten von 150 bis 180 Kilometern - im Normzyklus. Wenn es aber beispielsweise zu warm ist und die Klimaanlage eingeschaltet wird, dann sind es nur noch 100 Kilometer, das reicht bei weitem nicht aus und muss deutlich erhöht werden.

Was die Infrastruktur zum Laden der E-Autos anbelangt: Wer keine Garage mit Stromanschluss hat, für den kommt das Thema Elektromobilität im Moment gar nicht in Frage. Selbst wer über eine solche Garage verfügt und mal ein bisschen weiter fahren will, braucht auf seinem Weg ein dichtes Netz Schnellladestationen. Da gibt es zwar kleinere Anstrengungen, auch der Bundesregierung, aber die reichen bei weitem nicht aus, um das Problem zu lösen.

Zum Preis: Nach wie vor sind Elektro-Autos deutlich teurer als vergleichbare Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor, auch da muss noch viel passieren.

Man kann sich die RIP-Formel leicht merken. Im englischen steht RIP für "rest in peace", "Ruhe in Frieden", und so ist es eben auch mit der Elektro-Mobilität, wenn diese drei Probleme nicht gelöst werden.

Wir haben über die Kundenbedürfnisse geredet. Wie wichtig sind Elektro-Autos denn für die Hersteller?

Elektro-Autos werden auch für sie immer wichtiger, und ich glaube, diese Erkenntnis setzt sich langsam bei den Herstellern durch. Mit dem Dieselskandal sollte klar sein, dass die CO2-Grenzwerte immer schwieriger zu erreichen sind. Auch weil immer mehr spritschluckende SUVs zugelassen werden, die ja einen höheren Ausstoß an Klimagasen haben als vergleichbare Fahrzeuge. Es wird den Herstellern nicht gelingen, ohne eine Elektrifizierung ihrer Flotte die immer schärfer werdenden Klimagrenzwerte zu erreichen. Deshalb hat ja auch VW kürzlich verkündet, im Jahre 2025 - und das sind nur noch neun Jahre - bereits jedes vierte Auto als reines Elektro-Fahrzeug zu verkaufen. Noch vor ein oder zwei Jahren hat man noch nicht an solche Größenordnungen gedacht, und jetzt arbeitet man daran. Ob die Ziele am Ende erreicht werden, muss sich zeigen, aber der Weg führt zumindest in diese Richtung.

Das sind hochgesteckte Ziele. Wie ist Ihre persönliche Prognose als Fachmann?

Ich glaube, in den nächsten Jahren werden wir nur geringe Zuwächse sehen - wegen der beschriebenen Probleme. Ab 2020 wird das Thema aber eine enorme Dynamik gewinnen. Wir gehen davon aus, dass im Jahr 2025 weltweit zumindest jedes zehnte, möglicherweise auch jedes achte Fahrzeug bereits rein elektrisch fährt, mit steigender Tendenz. Das Thema batterieelektrische Mobilität wird also stark an Bedeutung gewinnen. Langfristig könnte auch noch das Thema Brennstoffzelle relevant werden, aber da gibt es noch viel größere Probleme zu überwinden.

Das Gespräch führte Klaus Ulrich.

Prof. Dr. Stefan Bratzel ist Direktor des Center of Automotive Management (CAM) - ein unabhängiges wissenschaftliches Institut für empirische Automobil- und Mobilitätsforschung an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) in Bergisch Gladbach. Seine Kunden unterstützt das Auto-Institut auf Basis umfangreicher Datenbanken, insbesondere zu fahrzeugtechnischen Innovationen der globalen Automobilindustrie sowie zur Markt- und Finanz-Performance von Automobilherstellern und Automobilzulieferunternehmen.

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