Brandkatastrophe in Kemerowo - Russland trauert | Welt | DW | 28.03.2018
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Welt

Brandkatastrophe in Kemerowo - Russland trauert

In der russischen Metropole Kemerowo werden jetzt die ersten Opfer der Brandkatastrophe in einem Einkaufszentrum beigesetzt. Viele Menschen sind vom Umgang der Politik mit der Tragödie enttäuscht.

Der Trauerzug besteht aus dreißig Angehörigen. Beerdigt werden Großmutter Maina Iwanowa Baranowa, ihre Tochter Natalja Ustinowa sowie die neunjährige Uljana Ustinowa. Alle drei starben bei dem Brand in dem Einkaufszentrum in Kemerowo. Kein Vertreter der Stadtverwaltung, des Gouverneurs weit und breit. Nur ein orthodoxer Priester versucht, Trost zu spenden, zelebriert mit Weihrauchfässchen und Gesängen die Totenmesse unter freiem Himmel auf dem Zentralfriedhof der Kohle-Stadt. Es ist kalt. Der sibirische Winter ist lang. Aus der Ferne beobachten Erste-Hilfe-Sanitäter die Menschen. Sie eilen nur herbei, wenn einer der Angehörigen unter der Last der Trauer zusammenbricht.

In der Millionenmetropole Kemerowo werden jetzt die ersten Opfer beerdigt. An diesem Vormittag sind es drei Trauergemeinden, insgesamt etwa 100 Bürger. Mit der Presse wollen sie nicht reden. Nicht hier, nicht jetzt.

Russland Brand in Einkaufszentrum in Kemerowo, Sibirien (DW/M. Komodovsky)

Trauer nach dem Brand in Einkaufszentrum in Kemerowo

Der Gouverneur beschimpft die Demonstranten

Ganz anders die Demonstranten im Stadt-Zentrum. Am Abend waren es noch weit über 1000 Einwohner, die in der Kälte ausharrten. Am Tage sind es vielleicht noch 300. Sie machen keinen Hehl aus ihrer Enttäuschung über die Art und Weise, wie die Politik mit dieser Tragödie umgeht. Ein offenbar überforderter 72-jähriger Gouverneur, Aman Tuleev, sucht den Ort des Schreckens erst gar nicht auf. Seit 1997 ist er an der Macht. Jetzt beschimpft er die Demonstranten, schwärzt sie bei Präsident Putin an. Beim düster dreinblickenden Kremlchef entschuldigt er sich, nicht bei den Bürgern. Putin besucht in Kemerowo die Verletzten im Krankenhaus, aber er stellt sich nicht den Demonstranten. Immerhin verspricht er völlige Transparenz, setzt eine Untersuchungskommission ein und gelobt, die Schuldigen zu bestrafen. Viele Bürger nehmen ihm das nicht ab. "Ich habe ihn gewählt, aber er hat uns nicht unterstützt," sagt eine Frau, die aus Angst ihren Namen nicht nennen will.

Ähnlich denken zehntausende Demonstranten in fast allen russischen Städten. In Moskau versammelten sich am Dienstagabend rund 3000 meist junge Leute auf dem Pushkin-Platz. Unter ihnen auch Kremlkritiker Alexej Nawalny. Viele haben rote Rosen oder Nelken in der Hand. Als es dunkel wird zünden viele Kerzen an. Aus den Lichtern entstehen Buchstaben und aus den Buchstaben der Name "Kemerowo". Die Blumen werden weitergereicht und rahmen den Stadtnamen ein. Es herrscht eine festliche Stille. Zwei oder drei Mal versuchen radikale Nawalny-Anhänger Anti-Putin Parolen zu skandieren, versuchen, den Anlass für ihre Zwecke zu missbrauchen; die Menschen kennen die Sprüche noch aus der Zeit des Präsidentschaftswahlkampfs. Doch die Schreihälse werden von den anderen beschimpft: "Keine Politik an einem Tag wie diesem." Und so werden die Krawallmacher zum Schweigen gebracht. Die überwiegende Mehrheit der Anwesenden will einfach nur trauern, der Toten gedenken.

Russland Moskau Gedenken der Opfer von Kemerowo (DW/Miodrag Soric)

Auch in Moskau gedachten Menschen der Opfer von Kemerowo

Werden die Schuldigen zur Verantwortung gezogen?

"Ich bin hier, weil auch ich eine Mutter bin", sagt eine junge Frau. Eine andere ringt mit den Tränen und schluchzt nur: "Es ist so schrecklich, was da passiert ist." Eine andere Frau sagt: "Wir wissen, dass jetzt auch die Menschen in Kemerowo auf die Straße gehen und wir wollen ihnen zeigen, dass wir an sie denken". Ein Mann bezweifelt die offiziellen Angaben über die Zahl der Opfer. In den sozialen Medien geistern wilde Spekulationen über hunderte von Toten, die der Kreml verheimlichen wolle. Bestätigt haben sich diese Gerüchte bislang nicht.

Präsident Putin hat einen nationalen Trauertag ausgerufen. Reporter des staatlich kontrollierten Fernsehens berichten aus allen Teilen des Landes von Menschen, die an einem zentralen Platz Blumen, Kerzen oder Teddy-Bären niederlegen. In allen orthodoxen Kirchen Russlands werden Gedenkgottesdienste abgehalten. Russland trauert. Viele hoffen, dass Putin sein Versprechen wahr macht und die Schuldigen - einschließlich der politischen Prominenz Kemerowos - zur Verantwortung zieht. Viele haben aber auch diese Hoffnung nicht mehr.

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