Boeings MAX-Desaster: Es wird immer schlimmer | Wirtschaft | DW | 23.10.2019
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Luftfahrt

Boeings MAX-Desaster: Es wird immer schlimmer

Für den US-Flugzeughersteller kommt es ein Jahr nach dem ersten 737MAX-Absturz gerade knüppeldick. Jetzt ist auch noch der Gewinn um die Hälfte eingebrochen. Kann ein neues Top-Management die Wende bringen?

So viele schlechte Nachrichten auf einmal wie in diesen Tagen hat selbst ein Weltkonzern wie Boeing selten zu verdauen. Dort herrscht derzeit die größte Krise in der 103jährigen Geschichte des Unternehmens. Am Mittwoch wurden die Zahlen für das dritte Quartal vorgelegt - der Gewinn ist um die Hälfte eingebrochen. Die Zivilflugzeugsparte allein verzeichnete einen Verlust von 40 Millionen US-Dollar, während sie im Vergleichsquartal 2018 noch zwei Milliarden Dollar Gewinn gemacht hatte.

Die Ergebnisse lagen sogar noch unter den bereits sehr gedämpften Erwartungen der Wall Street. Dort herrscht die berechtigte Befürchtung, dass die Krise dem Unternehmen noch weit größeren wirtschaftlichen Schaden zufügen könnte als die jetzt bereits aufgelaufenen Kosten von 9,2 Milliarden US-Dollar. In Branchenkreisen geht man von einem möglicherweise erheblichen Stellenabbau aus, die Boeing-Aktie stürzte am vergangenen Freitag um sieben Prozent ab und erholte sich zwischendurch nur wenig. Aber irgendetwas Positives konnten die Analysten den neuesten Zahlen offenbar doch abgewinnen: Mit plus drei Prozent waren Boeing-Papiere der Top-Performer im Dow-Jones-Index.    

Klare Hinweise auf Absturzursache

Ebenfalls am Mittwoch erhielten Familien von Hinterbliebenen des ersten 737MAX-Absturzes beim Billigflieger Lion Air vor fast einem Jahr in Indonesien vorab eine Präsentation des offiziellen Untersuchungsberichts zugeschickt, der am Freitag erscheint. Darin zeigen die Ermittler klare Mängel und Fehlfunktionen im Flugtrimmungssystem MCAS auf, das bei dem Absturz und mutmaßlich auch beim zweiten 737MAX-Unfall im März dieses Jahres in Äthiopien eine entscheidende Rolle spielten. In der heutigen Ergebnismitteilung für das dritte Quartal erklärt der Hersteller, man gehe davon aus, dass die erneute Zertifizierung für die Wiederzulassung der 737MAX Ende des Jahres beginne. Eigentlich sollte da bereits der Linienbetrieb wieder aufgenommen sein, so noch vor kurzem die Hoffnung.

USA Wirtschaft l Boeing - Vorstandschef Muilenburg verliert seinen Posten (Getty Images/D. Angerer)

Boeing-Chef Dennis Muilenburg: Der richtige Mann, um Boeing aus der Krise zu bringen?

Von der Wiederaufnahme des weltweiten Flugbetriebs geht vor Anfang 2020 derzeit aber niemand aus. In rund einem Jahr allerdings, so gab Boeing bekannt, würde die heutige monatliche Produktionsrate von 42 Flugzeugen auf 57 Stück der 737MAX gesteigert. Vorausgesetzt die Kunden halten bestehende Orders aufrecht und die Passagiere weltweit trauen sich wieder an Bord.

700 geparkte Flugzeuge

Sollte das Unglücksflugzeug allerdings länger am Boden bleiben müssen, läge die Drohung einer Produktionsunterbrechung über dem Boeing-Werk in Renton bei Seattle. Das wäre eine extreme Maßnahme, die die gesamten Lieferketten auf Jahre hinaus aus der Bahn werfen würde. Derzeit stehen weltweit 387 zuvor ausgelieferte 737MAX am Boden und dazu etwa nochmal die gleiche Anzahl, die seit dem Grounding weiter produziert wurden und in den USA seitdem geparkt sind - weit über 700 Flugzeuge insgesamt.

Am Dienstag gab es zudem das erste hochrangige personelle Opfer: der Chef der wichtigen Zivilflugzeugsparte, Kevin McAllister, wurde mit sofortiger Wirkung entlassen und durch einen Boeing-Veteranen ersetzt, den bisherigen Chef der Abteilung Global Services, Stan Deal. Doch das ist möglicherweise noch nicht das Ende der Personalrochade - Ende kommender Woche wird der bisherige Konzernlenker Dennis Muilenburg, der erst vor wenigen Tagen seine Rolle als Verwaltungsratsvorsitzender verlor, in seiner verbliebenen Funktion als Boeing-Vorstandschef erstmals vor einem Ausschuss des US-Kongresses aussagen.

Und noch mehr Baustellen

Es könnte eng werden für Muilenburg, denn in den Reihen der Senatoren und Abgeordneten hat sich erheblicher Groll auf Boeings Umgang mit der Krise aufgestaut. Viele, auch innerhalb von Boeing, sprechen sich für einen personellen Neuanfang aus, denn die 737MAX-Krise hat sich für Boeing neben dem kommerziellen Schaden auch zu einem gigantischen PR-Desaster entwickelt.

Daran vor allem wird dem Konzernchef mit seinen hölzernen, wenig empathischen und von Vorgaben der Anwälte getriebenen seltenen öffentlichen Stellungnahmen eine erhebliche Mitschuld angelastet. Und die Liste der aktuellen Probleme bei Boeing wird beinahe täglich länger und geht weit über die 737MAX hinaus. Es gibt so viele andere Baustellen - etwa Risse an wichtigen Bauteilen der weiterhin fliegenden 737NG-Baureihe und erhebliche Verzögerungen beim neuen Langstreckenflugzeug 777X, unter anderem für die Lufthansa.

Erste Großkunden wie Emirates drohen bereits mit Stornierungen von Aufträgen. Heute gab Boeing bekannt dass der eigentlich schon im Frühjahr dieses Jahres geplante Erstflug sich auf Anfang 2020 verschiebt und die Erstauslieferung an Kunden auf Anfang 2021. Gleichzeitig machen Boeing nachlassende Orderbestände für ihren Bestseller 787 zu schaffen, die Produktionsrate soll ab Ende 2020 von 14 auf zwölf pro Monat sinken.  

USA Renton Boeing-Werk Arbeiten an 737 Max (picture-alliance/AP Photo/T.S. Warren)

Montagelinie der 737MAX im Werk Renton bei Seattle

"Es spielt bei mir verrückt im Simulator"

Erheblichen Unmut bei der Luftfahrtbehörde FAA und im Kongress in Washington hatten zuletzt öffentlich gewordene Dokumente verursacht, die zu belegen scheinen, dass bereits seit 2016 intern Sicherheitsprobleme mit dem sogenannten MCAS-Flugkontrollsystem bekannt waren. Der interne E-Mail-Austausch zwischen zwei führenden Boeing-Testpiloten wurde zwar bereits im Februar dieses Jahres, also vor dem zweiten 737MAX-Absturz in Äthiopien im März, dem US-Justizministerium vorgelegt, aber erst am vergangenen Donnerstag dem auch für die US-Luftfahrtbehörde FAA zuständigen Verkehrsministerium übermittelt, das die Anhörung von Boeing-Chef Muilenburg vor dem Kongressausschuss vorbereitet. Die beiden Piloten lassen sich in ihrer Konversation unter anderem darüber aus, dass das MCAS-System während ihrer Simulator-Flüge aggressiv und unerwartet reagiere. "Es spielt bei mir verrückt im Simulator", schreibt der damalige technische 737-Chefpilot Mark Forkner an seinen Kollegen.

Die Wirkung der Dokumente in den USA war verheerend. Die FAA verlangte eine "sofortige Erklärung" von Boeing, der wichtigste 737MAX-Kunde Southwest Airlines äußerte massive Kritik: "Boeing täuschte Piloten und Behörden über die Sicherheit der 737MAX. Es ist klar, dass das fahrlässige und betrügerische Verhalten des Unternehmens das fliegende Publikum Risiken ausgesetzt hat", sagte der Präsident der Pilotenvereinigung der Gesellschaft, Jon Weaks. Der Vorsitzende des zuständigen Verkehrskomitees im Repräsentantenhaus, Peter de Fazio, wetterte: "Hier geht es um das Versagen der Sicherheitskultur bei Boeing, wo Angestellte unter unangemessenen Druck gesetzt werden, um Terminpläne einzuhalten, um die Profitabilität sicherzustellen, aber auf Kosten der Sicherheit."

Boeing versucht sich unterdessen mit einer Verteidigungsstrategie, die darauf abzielt, das 2016 von den Testpiloten beschriebene erratische MCAS-Verhalten als reines Problem im Simulator einzuordnen und nicht als Problem eines echten Flugzeugs.

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