Blind und blitzgescheit | Bildung | DW | 08.10.2013
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Bildung

Blind und blitzgescheit

Nur wenige Kinder in Deutschland sind blind. Dennoch steht hier eines der weltweit führenden Bildungszentren für Blinde und Sehbehinderte. Von seinem Know How profitieren deutsche Schüler und Schulen im Ausland.

Dave Janischak ist vollkommen blind - und orientiert sich wie eine Fledermaus. "Ich kann hören, wie die Welt aussieht", sagt der Jugendliche. Dass er die Echo-Ortung wirklich beherrscht, hat er sogar im deutschen Fernsehen bewiesen. Leise schnalzend stand er 2012 in einer Unterhaltungsshow vor verschiedenen Gegenständen: Einer Gießkanne, einem Fahrrad, einem Kerzenständer. Und konnte sie - zur Verblüffung des Publikums - anhand ihres Echos erkennen.

Dave ist Schüler der Carl-Strehl-Schule, die zur Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista) in Marburg gehört. Die 1916 gegründete Einrichtung gehört zu den weltweit führenden Bildungs-, Rehabilitations- und Medienzentren für sehbehinderte und blinde Menschen. Blista-Leiter Claus Duncker ist stolz auf seinen Schützling. Aber er findet den Medienhype um Dave auch ein wenig übertrieben: "Das ist eine Fähigkeit, die mehr blinde Schüler haben, als man denkt." Und er betont: "Eine Baugrube erkennt man damit nicht". Deswegen sei es nach wie vor wichtig, dass blinde und sehbehinderte Kinder mit Blindenstock und anderen Hilfsmitteln umgehen lernen.

Lernen fürs Leben

Häufig geschieht das an einer Förderschule für Blinde, von denen es rund 70 in Deutschland gibt. Die Möglichkeit, an einer solchen Schule das Abitur oder das Fachabitur zu machen, besteht allerdings selten. In dieser Hinsicht ist die Carl-Strehl-Schule der Blista etwas Besonderes: Sie ist das einzige grundständige Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte in Deutschland.

Der Leiter der Blindenstudienanstalt (Blista) in Marburg, Claus Duncker, zeigt die Unterrichtsmaterialien in einem Klassenraum der Blindenschule. (Foto: Stefanie Hoppe)

Hier lässt sich gut Abitur machen: Rektor Claus Duncker in einem typischen Klassenraum der Blista

Von der 5. Klasse bis zum Abitur lernen und leben dort derzeit rund 300 Schüler. Sie kommen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Aber sie büffeln nicht nur für die Hochschulreife. Parallel zur Schulausbildung lernen die blinden und sehbehinderten Jugendlichen dort auch, selbstständig ihr Leben zu meistern - und zwar in verschiedenen betreuten Wohngemeinschaften. Denn den Schülern soll nicht nur beigebracht werden, wie man mit Zirkel und Lineal im Mathe-Unterricht umgeht, sondern auch, wie man den Staubsauger in der Wohnung bedient. "Wir machen sie fit fürs Leben", betont Duncker.

Kooperation mit Blinden-Schulen im Ausland

Dazu gehören auch fundierte Fremdsprachenkenntnisse. Damit die Gymnasiasten ihr Wissen anwenden können, kooperiert die Carl-Strehl-Schule mit mehreren Schulen im Ausland - etwa mit dem Royal National Institute for the Blind (RNIB) im englischen Worchester. Seit Ende der 80er Jahre hat sich ein regelmäßiger Schüleraustausch zwischen den beiden Schulen entwickelt. Jährlich haben bis zu sieben Schüler aus Marburg die Chance, eine Woche lang Land und Leute kennenzulernen.

Ähnlich lange besteht die Zusammenarbeit mit dem Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte in Krakau. Im Vordergrund des Austauschprogramms steht die Begegnung mit polnischen Jugendlichen. Aber auch ein Besuch der Konzentrationslager Auschwitz und Birkenau gehört dazu.

Ausbildung von Blindenpädagogen in Georgien

Eine blinde Schülerin der Blindenstudienanstalt (Blista) in Marburg ertastet einen gelben Gegenstand im Kunstunterricht. (Copyright: Blista Marburg)

Chancen schaffen statt wegsperren: Die Blista zeigt Schülern und Schulen im Ausland, wie's geht

Neben diesen Schüleraustauschprogrammen hat die Deutsche Blindenstudienanstalt Pionierarbeit in Ländern geleistet, in denen es kaum Angebote für Blinde gibt. In Georgien etwa. Behinderte Kinder würden hier aus Scham häufig weggesperrt, erzählt Duncker. "Es gibt kaum Einrichtungen, die blinden Kindern ein selbstständiges Leben ermöglichen."

Das scheint sich nun langsam zu ändern. Auch durch das Engagement der Blista: Sie hat in Georgien Studenten und Lehrer zu Blinden-Rehabilitationslehrern qualifiziert. Auch konnte sie erreichen, dass Blinde und Sehbehinderte bei den Planungen im zuständigen Ministerium, in der Schule und in der Universität stärker berücksichtigt werden. So soll etwa die Lehrerfortbildung reformiert werden.

In Zeiten der Inklusion: Wie weiter?

Währenddessen wird seit einiger Zeit in Deutschland - wie in vielen anderen Ländern auch - die Inklusionsdebatte geführt. Laut UN-Behindertenrechtskonvention soll allen behinderten Menschen eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden. Das bedeutet auch, behinderte und nicht-behinderte Kinder gemeinsam zu unterrichten. Vielfach ist das bereits geschehen.

Ein typisches Schulbuch für Mathematik der Blindenstudienanstalt (Blista) in Marburg. (Foto: Stefanie Hoppe)

Mathe zum Tasten

Rund 14.000 blinde und sehbehinderte Schüler gibt es in Deutschland - fast die Hälfte besucht eine Regelschule – und macht teilweise auch Abitur. Ist da eine Förderschule wie die Carl-Strehl-Schule an der deutschen Blindenstudienanstalt noch zeitgemäß? Ja, findet Blista-Leiter Claus Duncker. Es sei ein Unterschied, ob jemand lernschwach ist oder ob er nichts sieht. Weil Schulbücher immer stärker visuell ausgeprägt seien, hätten blinde Schüler in Regelschulen deutliche Nachteile.

Und wenn die Schülerzahlen eines Tages doch abnehmen sollten? Dann will sich die Blista noch viel mehr auf ihre anderen Arbeitsbereiche konzentrieren, zum Beispiel auf die Rehabilitationseinrichtung für Blinde und Sehbehinderte (RES), die eine breite Palette von Beratungs- und Schulungsangeboten bietet. Claus Duncker: "Wir sind vermehrt tätig im Bereich der Senioren. Denn über 85 Prozent derer, die erblinden, sind über 65 Jahre alt."

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