Blackout-Experte: Stromausfall stoppt nicht an deutschen Grenzen | Deutschland | DW | 28.11.2018
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Katastrophenschutz

Blackout-Experte: Stromausfall stoppt nicht an deutschen Grenzen

Fehlende Notfallpläne, massive Versorgungsengpässe: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz warnt vor den Folgen eines flächendeckenden Stromausfalls. Zu Recht, meint Blackout-Experte Thomas Leitert im DW-Interview.

Deutschland - Stromausfall im Münsterland - Umgeknickte Strommasten (picture-alliance/dpa/F. P. Tschauner)

Umgeknickte Strommasten im Winter 2005 legten Teile Deutschlands lahm

Und plötzlich ging nichts mehr: keine Heizung, keine Ampeln, kein öffentlicher Nahverkehr. Als Ende November 2005 rund 80 Strommasten unter der Last von Schneemassen zusammenbrachen, löste das in Teilen Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens ein Chaos aus. Mehr als 250.000 Menschen waren von der Stromversorgung abgeschnitten – teilweise bis zu fünf Tage lang. Der wirtschaftliche Schaden belief sich nach Schätzungen der betroffenen Bundesländer auf mindestens 100 Millionen Euro.

Der größte Stromausfall in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland deckte die Verletzlichkeit der deutschen Stromversorgung und Infrastruktur auf. Seitdem kann man sich nicht sehr viel sicherer fühlen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe mahnt ihn einem internen Positionspapier, das durch Medienberichte bekannt wurde, eine bessere Notfallplanung an. Denn: Ein großräumiger Stromausfall führt nach letzten Berechnungen immer noch zu erheblichen Versorgungsmängeln. Die Auswirkungen wären "katastrophal".

Thomas Leitert, der sich seit Jahren mit dem Thema Stromausfall befasst, überrascht das nicht. Der Unternehmer, der mit der Berliner Feuerwehr, Betreibern kritischer Infrastrukturen wie Wasserwerken sowie verschiedenen Hochschulen und dem Bundesforschungsministerium zusammenarbeitet, fordert seit Jahren, dass sich Deutschland zukunftsfähiger aufstellen muss. Leitert ist Vorstandschef des Berliner Katastrophenschutzunternehmens KomRe AG.

DW: In dem Positionspapier des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz heißt es, die Stromversorgung Deutschlands sei grundsätzlich sicher, dennoch wären die Auswirkungen bei einem Stromausfall katastrophal. Teilen Sie diese Einschätzung?

Deutschland - Stromausfall in Berlin (picture-alliance/dpa/C. Gateau)

Berlin im Dunkeln. Eine in Brand gesetzten Stromtrasse sorgte für einen Stromausfall in mehreren Vierteln

Leitert: Ja, hundertprozentig. Die Auswirkungen wären im Grunde genommen eine nationale Katastrophe. Das hat der Bundestag schon 2010 erkannt, indem er das Büro für Technikfolgenabschätzung beauftragt hat, genau dieses Szenario zu untersuchen. Und die kamen genau zu dem Schluss: Wir wären nicht mehr in der Lage, dieses Szenario in Deutschland zu beherrschen.

Gibt es immer noch keine ausreichenden Notfallpläne in Deutschland?

Im Grunde nicht. Das hat was mit dem Föderalismus in Deutschland zu tun. Für den Katastrophenschutz in Deutschland ist genaugenommen die Kommune zuständig, also die unterste Gebietskörperschaft. Der Landrat beziehungsweise der Gemeinderat ist eigentlich der erste Katastrophenschützer. Und der wäre mit einem flächendeckenden Blackout vollkommen überfordert. Insofern tut er sich auch schwer, für dieses Szenario Vorsorge zu treffen. Letztlich liegt die Verantwortung aber bei ihm, und er müsste sich eigentlich darum kümmern, handlungsfähig zu bleiben.

Nach Angaben der Bundesnetzagentur vom Oktober ist die Anzahl an Versorgungsunterbrechungen im vergangenen Jahr rückläufig gewesen. Allerdings hätten sich Ausfallzeiten im Verteilnetz durch Stürme, Hochwasser oder Schnee gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Sind wir auf die Zunahme extremer Wettereignisse in Folge der Klimaveränderung ausreichend vorbereitet?

Nein, natürlich nicht. Warum? Weil diese Wetterphänomene nicht zu beherrschen und nicht zu prognostizieren sind. Wir sehen es an den Hochwasserfällen. Fast jedes Jahr wird gesagt, das ist jetzt das Jahrhunderthochwasser, und dann kommt zwei, drei Jahre später wieder ein Hochwasser, was den gleichen Titel bekommt.

Wie beurteilen Sie die Risiken durch Cyberangriffe oder terroristische Angriffe auf die Stromversorgung?

Es gibt solche Vorfälle auch hier in Deutschland. Die werden aber nicht in der Öffentlichkeit kommuniziert. Das beste Beispiel gab es vor zwei, drei Jahren in der Ukraine und im Konflikt mit Russland. Dort wurde versucht - von wem auch immer -, die Krim vom Stromnetz zu trennen, indem man einfach eine Übertragungsleitung gesprengt hat. Damit waren die Krim und 1,2 Millionen Menschen zwei Wochen lang stromlos. Die Gegenseite, das waren die Russen, haben sich dann kurz vor Weihnachten gerächt und mit einem Cyberangriff dafür gesorgt, dass in der Ukraine flächendeckend der Strom ausfiel. Ein paar hunderttausend Menschen waren mehrere Tage lang vom Stromnetz getrennt. Es gibt also Vorfälle in Europa, aber die werden nicht offen kommuniziert, um Nachahmer zu verhindern.

Deutschland Stromausfall im Hamburger Flughafen (picture-alliance/dpa/D. Reinhardt)

Geduldsprobe für Reisende: Anfang Juni fiel am Hamburger Flughafen der Strom aus

Ist Deutschland ausreichend aufgestellt, um solche Cyberangriffe abzuwehren?

Ein ganz klares Nein. Wir bemühen uns natürlich durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, entsprechende Vorsorgen zu treffen, laufen aber aus meiner Perspektive der Entwicklung hinterher. Andere Staaten wie die USA, China oder Russland sind deutlich weiter. Wir haben einen hohen Aufholbedarf. Allerdings ist kritische Infrastruktur nur ganz schwer zu schützen. Mit einem sehr geringen Maß an Gewalteinwirkung kann ein extrem großer Schaden erzielt werden, und die Infrastrukturen in Deutschland sind einfach nicht auf Schutz ausgelegt, sondern auf Funktionalität und Weiterentwicklung. 

Käme es zu einem längeren flächendeckenden Stromausfall wie 2005, was müsste man in der Bevölkerung vordringlich beachten? Wie sollte man reagieren?

Thomas Leitert, ein Unternehmer, der mit der Berliner Feuerwehr (Privat)

Thomas Leitert fordert flächendeckende Notfallpläne

Die Bevölkerung muss das befolgen, was das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe heute schon vorschlägt, um selber Vorsorge zu treffen. Die Bevölkerung müsste für mindestens 14 Tage Lebensmittel und Wasservorräte vorhalten, um zumindest am Anfang keine Not zu leiden. Und dann müssten Katastrophenschutz-Organisationen viel mehr in Prävention und Vorsorge investieren. Flächendeckende Notfallpläne müssten erstellt werden. Man muss sich auf so ein Szenario zielgerichtet vorbereiten. Bis jetzt machen das die wenigsten.

Was müsste konkret getan, worin investiert werden?

Wir müssen auf jeden Fall die nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr in Bezug auf den Katastrophenschutz stärken, und wir müssen die kritischen Infrastrukturen härten, dass sie in der Lage sind, die Daseinsvorsorge sicherzustellen. Das fängt an beim Wasser. Das geht weiter über Lebensmittel und Medikamente und natürlich, heutzutage ganz wichtig, die Information. Das Bundesamt schreibt, dass die Kommunikation bei einem Stromausfall erst nach mehreren Stunden zusammenbricht. Aus meiner Erfahrung geht das aber schneller. Sobald der Strom weg ist, haben wir auch kein Festnetz, kein Internet und keinen Mobilfunk mehr. Demzufolge können wir auch nicht mehr kommunizieren, bekommen keine Informationen mehr, und das würde heutzutage das größte Problem sein.

Falls es zu einem massiven Stromausfall in Deutschland kommt, hätte das Auswirkungen auf unsere europäischen Nachbarn?

Auf jeden Fall! Wir sprechen von einem europäischen Stromverbund, und sehr wahrscheinlich wird sich ein solcher Stromausfall nicht an die Grenzen Deutschlands halten. Es kann auch umgekehrt sein, dass beispielsweise bei einem Stromausfall in Frankreich, Österreich oder in Italien auch wir hier einen Blackout bekommen. Wie gesagt, wir sprechen von einem europäischen Energieverbund. Und der führt dazu, dass wir davon betroffen sind, wenn anderswo der Strom ausfällt.

USA Hurricane Sandy l Stromausfall in Manhatten New York (Getty Images/M. Tama)

New York wird immer wieder von Stromausfällen heimgesucht. 2012 legte Hurrikan Sandy den Stromschalter in Manhatten um

Im Zentrum der südkoreanischen Hauptstadt Seoul hat am Samstag ein Brand in einem unterirdischen Kabelkanal massive Ausfälle in der Telekommunikation verursacht und viele Nutzer weitgehend vom Internet abgeschnitten. Betroffen waren mehr als 210.000 Haushalte. Nun wird der Vorfall in südkoreanischen Zeitungen auch als Paradebeispiel für die Risiken in einer digitalen Gesellschaft bezeichnet. Ist das der Preis, den man für den Ausbau von Zukunftstechnologien zahlen muss?

Ich befürchte, ja. Je komplexer eine Gesellschaftsform ist - und Südkorea gehört zu den hochentwickelten, komplexen Gesellschaften - umso anfälliger ist sie in diesem Bereich. Wir hatten Vergleichbares vor einigen Monaten in Berlin erlebt. Radikale Kräfte hatten unter einer Brücke eine Stromtrasse in Brand gesetzt, was in mehreren Stadtteilen zu einem flächendeckenden Stromausfall führte – mit Auswirkungen auf die Kommunikationsinfrastruktur wie Mobilfunk, Festnetz und Internet. Ja, der Preis kann sehr hoch sein, und wenn wir nicht anfangen, an Prävention zu denken, müssen wir den Preis am Ende als Gesellschaft auch bezahlen.

Das Interview führte Ralf Bosen.

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