Bildergeschichten: ″Gib dem Herrn eine Hand!″ | Geschichte | DW | 16.09.2013
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Geschichte

Bildergeschichten: "Gib dem Herrn eine Hand!"

Wir stellen jede Woche ein Bild vor und erzählen seine Geschichte. Diesmal gehen wir zurück in das Jahr 1837: Kritische Professoren werden zu Flüchtlingen

Das Denkmal Göttinger Sieben in Hannover (Foto: Ullstein Bild)

Das Denkmal für die "Göttinger Sieben" in Hannover erinnert in Hochachtung an die einstigen Flüchtlinge

Die beiden Herren sind Flüchtlinge: Sie müssen gerade ihr Land verlassen, weil sie ihrem König (im Hintergrund hoch zu Ross) nicht mehr genehm sind. Es ist das Jahr 1837; der Regent heißt Ernst August und regiert das Königreich Hannover, die zwei Männer gehören zu den "Göttinger Sieben". Es sind Professoren der Universität Göttingen. Sie haben öffentlich gegen den König protestiert, der sie daraufhin mit Berufsverbot belegt und drei von ihnen überdies des Landes verwiesen hat: den Historiker und Politiklehrer Friedrich Christoph Dahlmann, den Literaturhistoriker Georg Gottfried Gervinius und den Germanisten Jacob Grimm.

König Ernst August hat wenige Monate zuvor bei seiner Thronbesteigung den Eid auf die Landesverfassung verweigert, den Landtag vertagt und schließlich die Verfassung für ungültig erklärt. Gegen diesen monarchischen Staatsstreich wehren sich die sieben Professoren mit ihrer "Protestation des Gewissens". Sie erklären dem neuen König, dass sie sich weiterhin an ihren Eid auf die alte Verfassung gebunden fühlen – aber nicht an ihn. Entlassung und Vertreibung sind des Königs Antwort. Und er lässt es sich nicht nehmen, ihnen ausgerechnet in Anwesenheit des großen Naturforschers und Universalgelehrten Alexander von Humboldt hinterherzurufen: "Professoren, Huren und Balletttänzerinnen kann man für Geld überall haben." Nun ja.

Die deutschlandweite Empörung über den König ist jedenfalls groß, die Sieben werden zu Märtyrern und Helden des Liberalismus, einige ziehen 1848 in das Parlament der Frankfurter Paulskirche ein. Heute erinnert man sich auch in Hannover mit Hochachtung der Göttinger Sieben – das Foto zeigt das beeindruckende Landesdenkmal, das 1998 vor dem niedersächsischen Landtag entstand.

Der Protest der "Göttinger Sieben" gilt inzwischen nicht nur als Beispiel für mutigen Widerstand gegen staatliches Unrecht, sondern dient zugleich als Vorbild für den Umgang mit politischen Flüchtlingen, an den man sich heute öfter einmal erinnern sollte: In ganz Deutschland erfuhren sie einst Solidarität, finanzielle Unterstützung – und zuweilen regelrechte Hochachtung: Als Jacob Grimm am 16. Dezember 1837 die hannoversche Grenze nach Hessen überschreitet, beobachtet dort eine Großmutter mit ihrem Enkelkind die Szenerie. "Gib dem Herrn eine Hand", fordert sie daraufhin das Kind auf, "er ist ein Flüchtling." Ein Satz, imposanter als manches Denkmal …

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