″Bild″-Zeitung gegen Drosten: Virologen unter Druck | Deutschland | DW | 28.05.2020
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Wissenschaft und Politik in der Corona-Krise

"Bild"-Zeitung gegen Drosten: Virologen unter Druck

Die "Bild" unterstellt Virologe Drosten bei seinen Corona-Studien eine politische Agenda. Das hat Tradition: Schon bei früheren Seuchen gerieten Ärzte ins Fadenkreuz - wenn sie als Teil der Regierung wahrgenommen wurden.

Deutschland streitet über eine Corona-Studie. Auf der einen Seite steht der bekannteste Virologe des Landes, Christian Drosten. Ihm gegenüber das auflagenstärkste Boulevard-Blatt, die "Bild". Drosten hat zusammen mit einer Forschergruppe die Viruslast im Rachen von Kindern und Erwachsenen untersucht und kam zu dem Schluss, dass sie etwa gleich hoch sein könnte. Die "Bild"-Zeitung wirft daraufhin in einem Artikel Drosten eine versteckte Agenda und unsaubere wissenschaftliche Methoden vor. Drosten wiederum veröffentlichte auf Twitter die "Bild"-Anfrage vorab, die ihm nur eine Stunde Zeit ließ, auf Fragen zu antworten, und spricht von einer "tendenziösen Berichterstattung".

In die Kritik geriet Drosten zunächst, weil er die Anfrage inklusive der Handynummer des Bild-Reporters veröffentlichte. Kurz darauf twitterte er sie erneut, diesmal ohne Handynummer. Seitdem ging es hin und her. Wissenschaftler, die die "Bild"-Zeitung zitierte, distanzierten sich von der Berichterstattung. Der Ökonom Jörg Stoye beispielsweise bezeichnete Drosten im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" als "Gigant der Virologie". Auf Twitter nannte er die "Bild"-Berichterstattung eine "Anti-Drosten-Kampagne".

Allerdings bleiben er und weitere Wissenschaftskollegen, die sich von der "Bild"-Berichterstattung distanzieren, bei ihrer inhaltlichen Kritik an den statistischen Methoden der Drosten-Studie.

Normaler Vorgang in der Wissenschaft

Drosten betont unterdessen, dass es sich bei der Studie um eine Vorveröffentlichung handle. Die Anmerkungen seiner Wissenschaftskollegen seien also ein normaler Vorgang in der Wissenschaft, denn im sogenannten "Peer-Review"- Prozess würden Studien häufig vorab zur Verfügung gestellt, damit sie später nachgebessert werden könnten. Im Podcast Coronavirus-Update des NDR erläutert er das immer wieder.  Entscheiden müsse die Politik.

Wissenschaftler debattieren normalerweise außerhalb öffentlicher Debatten. Dass sie bei neuen Erkenntnissen ihre Einschätzung anpassen, irritierte offenbar einige Politiker. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet beklagte bei der ARD-Talkshow "Anne Will": Einige Virologen hätten "alle paar Tage" ihre Meinungen geändert und widersprächen sich in ihren Aussagen. Das sei für die Politik schwierig.

Im Podcast der Tageszeitung "Frankfurter Allgemeine Zeitung" bot Drosten nun an, ein Gespräch mit der "Bild" zu führen, um seine wissenschaftliche Vorgehensweise zu erklären. "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt twitterte daraufhin, er sei "zu jeder Zeit" dazu bereit.

Kritik und Morddrohungen

Was wie ein harmloser Schlagabtausch zwischen Boulevard und Wissenschaft wirken kann, hat einen ernsteren Hintergrund. Drosten wurde in seiner Rolle als Virologe und Berater der Bundesregierung immer wieder seit Ausbruch des Coronavirus in Deutschland angegriffen und hat nach eigener Aussage auch Morddrohungen erhalten, ebenso wie Epidemiologe und SPD-Politiker Karl Lauterbach. Anfang April erwog Drosten, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

Pressekonferenz zum Thema Coronavirus (Reuters/F. Bensch)

Virologe Christian Drosten (Mi.) mit Gesundheitsminister Jens Spahn (re.) und dem Leiter des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler

Vor allem seine Äußerungen zur Schließung von Kindergärten und Schulen stieß auf Kritik. Ganz zu Beginn der Corona-Krise warnte Drosten vor den Folgen von Kita-Schließungen, unterstützte diese dann aber doch. Das Bundesland Baden-Württemberg beruft sich nun auf eine andere Studie und begründet damit seine baldige Öffnung der Kindergärten - ohne Abstandsregelung.

Die "Bild"-Zeitung wirft Drosten vor, er habe mit seiner Studie zu einer unnötigen Schließung der Schulen und Kindergärten beigetragen. Allerdings veröffentlichten die Virologen ihre Erkenntnissen erst Ende April. Schulen und Kindergärten sind bereits seit Mitte März dicht. Was sich hier aber zeigt: Drosten wird nicht mehr nur als Wissenschaftler gesehen. Durch seine Tätigkeit als Berater der Bundesregierung wird er von einigen als Teil der Politik, als Teil einer Obrigkeit wahrgenommen, die Beschlüsse zur Eindämmung des Coronavirus in Kraft setzt.

Pest und Cholera - gefährliche Epidemien der Geschichte

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es für Ärzte, Apotheker und Wissenschaftler gefährlich werden kann, während einer Seuche mit der Obrigkeit in Verbindung gebracht zu werden. Im 19. Jahrhundert wütete in Europa die Cholera, eine schwere bakterielle Infektionskrankheit. Infizierte starben schnell, unter teils erbärmlichen Zuständen. Allein in Hamburg erlagen nach einem Ausbruch innerhalb eines Jahres mehr als 8600 Menschen der Krankheit. In mehreren Epidemiewellen breitete sich die Krankheit über die ganze Welt aus.

Marseille Cholera Epidemie 1836 Giuseppe Garibaldi (Imago/Leemage)

Cholera-Infizierte im 19. Jahrhundert starben schnell - oft unter erbärmlichen Umständen

Mit der Ausbreitung der Cholera gerieten Ärzte ins Schussfeld. Menschen in ganz Europa beschuldigten sie, gezielt Giftmittel zu verabreichen, um Kranke zu töten. Sie verunglimpften Ärzte in anonymen Briefen. Oft wurden die Ärzte auch als "Panikmacher" bezeichnet, wie der Medizinhistoriker Michael Stolberg in einer Publikation beschreibt. Die Cholera existierte demnach nur als Wunschdenken der Mediziner, die von der Ausbreitung profitierten. In der Folge wurden Krankentransporte wie im italienischen Livorno angegriffen und mancherorts Ärzte getötet.

Ärzte während der Pest waren angesehen

Erstaunlich ist, dass sogenannte Pestdoktoren einige Jahrhunderte früher nicht derselben Verfolgung ausgesetzt waren, sondern - im Gegenteil - eher angesehen waren. Das läge daran, dass diese frühen Ärzte noch nicht als Figuren der Obrigkeit gesehen wurden, sagt der Medizinhistoriker Fritz Dross. Es gab nur wenige zugelassene Pestärzte, die zu den Menschen nach Hause gehen durften.

Die Menschen wehrten sich eher gegen die Pestschauer, die Kranke sofort in ein Pesthaus brachten, wo sie womöglich ohne Angehörige verstarben. "Gefürchtet waren unter Umständen auch Totengräber und Krankenträger", sagt Dross.

Kupferstich - Pesthospital in Wien 1679 (picture-alliance/akg-images)

Das Elend von Seuchen - eindrücklich dargestellt in dem Kupferstich eines Pesthospitals in Wien von 1679

Die Rolle der Ärzte und Apotheker änderte sich im Laufe der Jahrhunderte. Sie übernahmen auch Aufgaben, die sie mit der Obrigkeit in Verbindung brachten. So desinfizierten sie während der Cholera-Epidemie die Luft, was von vielen Menschen als Gift interpretiert wurde, womit Ärzte gezielt die ärmere Bevölkerung töten wollten.

Medizinhistoriker: "Erschreckende Parallele"

Die Verschwörungstheorien über Absichten, die zu Corona-Zeiten Virologen unterstellt würden, seien zwar kein direkter Vergleich, aber "zumindest eine ebenso bemerkenswerte wie erschreckende Parallele", sagt Historiker Stolberg. Sein Kollege Dross ergänzt, dass Ärzte, Apotheker und Wissenschaftler immer dann während einer Seuche ins Fadenkreuz geraten, wenn sie ihre eigentliche Profession verlassen. So hätten die Menschen damals nicht verstanden, wieso Ärzte plötzlich Desinfizierungen der Städte vornähmen.

Heute sei es für manche Menschen schwer nachzuvollziehen, wieso ein Virologe die Bundesregierung berate. "Drosten wird als geheimer Einflüsterer der Bundesregierung wahrgenommen, während die Stimme des Volkes, versinnbildlicht durch die "Bild"-Zeitung, ignoriert werde", sagt Dross.

Die Tatsache, dass sich Erkenntnisse über ein neuartiges Virus ständig wandeln und deshalb auch Wissenschafler in einem stetigen Lernprozess sind, scheint heute wie damals für viele Menschen nur schwer begreiflich zu sein.

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