Bilanz einen Monat nach dem Krieg | Fokus Europa | DW | 08.09.2008
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Fokus Europa

Bilanz einen Monat nach dem Krieg

Der "Fünf-Tage-Krieg" um die Provinz Südossetien hat den Georgiern eine schwere Niederlage beschert. Mindestens 100 tote Zivilisten, mindestens 170 tote Soldaten und wirtschaftliche Schäden von 2,5 Milliarden US-Dollar.

Mikhail Saakashvili (12.08.2008/AP)

Es war ein Fehler, den Krieg mit Russland vom Zaun zu brechen

Noch immer mag in der georgischen Regierung kaum jemand öffentlich sagen, dass es ein Fehler war, den Krieg mit Südossetien und damit mit Russland vom Zaun zu brechen. Im Gegenteil: Der stellvertretende Verteidigungsminister Georgiens, Batu Kutelia, verkauft den Krieg gar als Erfolg.

Außenpolitisch ein Erfolg

Die georgische Politikerin und Parlamentsabgeordnete Nino Kalandadze

Außenministerin Nino Kalandadze wirkt hilflos

"Unser Angriff auf Südossetien war absolut die richtige Entscheidung", sagt er. "Nur so konnten wir die russische Invasion stoppen. Die Tatsache, dass wir jetzt hier in Tiflis im Verteidigungsministerium sitzen und dass keine russischen Panzer und keine russischen Militärflugzeuge hier sind, ist ein Ergebnis unseres Handelns."

Außenpolitisch hat der Krieg den Georgiern womöglich wirklich einen Erfolg beschert. Es geht um die Nato-Mitgliedschaft. Noch im April, beim Gipfel in Bukarest, hatte die Nato Georgien den "Membership Action Plan" verweigert, die Vorstufe zur Nato-Mitgliedschaft.

Nun hoffen viele, dass die negative Entscheidung von damals so schnell es geht revidiert wird. Auch der Oppositionspolitiker und Konfliktforscher Paata Tsakareischwili. "Russland wäre in jedem Fall einmarschiert – egal, ob Georgien den Membership Action Plan gehabt hätte oder nicht", sagt er.

Mehr als nur den Krieg verloren

Die Europäer in der Nato, so Tsakareischwili weiter, hätten die Situation sehr nüchtern und rational bewertet und Georgien den Membership Action Plan einfach deshalb nicht gegeben, weil Georgien ihn damals nicht verdiente. "Das war eine richtige Entscheidung. Georgien verdient den MAP auch jetzt nicht", findet Tsakareischwili. "Aber er ist eine Möglichkeit, Georgien zu unterstützen. Er wäre eine Art Vorschuss, damit Georgien ein demokratischer Staat wird, der den MAP verdient."

Georgien hat nicht nur den Krieg verloren, sondern auch auf lange Zeit keinen Zugriff auf die Provinzen Südossetien und Abchasien mehr. Das war auch vorher schon so, nach dem Krieg und der Anerkennung der Republiken durch Russland, scheint Georgien seinen Einfluss in den Regionen dauerhaft verloren zu haben.

"Wir müssen von vorne anfangen"

Russische Soldaten (15. August 2008/AP)

Georgiens will die Territorien zurück erlangen

Die Regierung des Landes ist längst in der Defensive. Die stellvertretende Außenministerin Nino Kalandadze wirkt angesichts dieser Situation – wie viele der jungen Regierungsvertreter – hilflos. "Wir werden die Hoffnung nicht aufgeben, dass wir die Gebiete wieder zurück erlangen können", sagt sie. Fest stehe, das dies nicht auf dem militärischen Weg passieren werde.

"Nicht weil wir nicht bereit wären dafür zu kämpfen, sondern weil wir wissen, dass wir da mit einer Macht kämpfen, auch wenn es völlig dem legalen Boden entzogen ist, die wir nicht besiegen können und nicht besiegen werden." Es werde das Ziel Georgiens bleiben, die Territorien zurück zu erlangen.

Am 1. September demonstrierten hunderttausende Georgier bei einer Massendemonstration Einigkeit. Doch nicht alle geben sich der vielleicht psychologisch heilsamen nationalen Euphorie hin. Tinatin Mosiaschwili arbeitet im Bildungsministerium. Ihr machen die nationalistischen Töne in Georgien Angst, und sie mahnt, Georgien müsse auch bei sich selbst nach Fehlern suchen, anstatt immer nur auf die Hilfe von außen zu bauen.

"Wenn ein Mensch hinfällt, dann muss er wieder aufstehen und das, wenn es geht ohne fremde Hilfe", sagt sie. "Wir sind diejenigen, die nun einen Friedensprozess beginnen müssen und wieder mit unseren russischen, ossetischen und abchasischen Nachbarn reden – und mit allen anderen Nachbarn Georgiens. Wir müssen aus diesem Krieg unsere Lehren ziehen und wieder ganz von vorn anfangen."

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