Biafras langer Schatten | Afrika | DW | 14.01.2020
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Biafra-Krieg

Biafras langer Schatten

Im Biafra-Krieg starben innerhalb von 30 Monaten bis zu drei Millionen Menschen. Die Folgen sind bis heute spürbar. Auch wenn nicht alles so ist, wie es scheint. Das Kriegsende jährt sich am 15. Januar zum 50. Mal.

Nigeria Kriegsmuseum Umuahia (DW/K. Gänsler)

Erinnerung an die Zerstörung: Kriegsmuseum in Umuahia

Uchenna Chikwendu spricht selten über den Biafra-Krieg. Die 67-Jährige lebt in Enugu, Provinzhauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates im Osten Nigerias, einst Teil der selbst ernannten Republik Biafra. Während des Bürgerkriegs, der im Juli 1967 begann und am 15. Januar 1970 endete, war sie ein Teenager. Eines kann sie nicht vergessen: "Wir mussten immerzu laufen. Es gab keine Autos. Wer eins hatte, versteckte es, damit die Armee es nicht konfiszieren konnte." Zu Fuß wurden alle Besorgungen erledigt: "Um drei Uhr morgens sind wir zum Markt gegangen und waren um fünf Uhr da. Wir haben schnell unsere Einkäufe erledigt. Auf dem Rückweg mussten wir darauf achten, in Deckung zu bleiben."

Nigeria Uchenna Chikwendu (DW/K. Gänsler)

Kein bisschen stolz auf Nigeria: Uchenna Chikwendu

Nigeria, ein Land mit mehr als 250 ethnischen Gruppen, war 1960 von Großbritannien unabhängig geworden. Schon damals zählte es mehr als 45 Millionen Einwohner, im Norden vorwiegend Haussa und Fulani, im Südwesten Yoruba und im Südosten Igbo. Schnell kam es zu Zerwürfnissen, einem Kampf um Vormachtstellung und den Zugang zu Ressourcen. Im Jahr 1966 folgten zwei Staatsstreiche: Zuerst putschten Generäle um Johnson Aguiyi-Ironsi, einen Igbo, gegen Premierminister Abubakar Tafawa Balewa aus dem Norden. Sechs Monate später folgte ein Gegenputsch, an dem vorwiegend Generäle aus dem Norden beteiligt waren. Nach schweren ethnischen Ausschreitungen erklärte der Militärgouverneur der Südostregion, Chukwuemeka Odumegwu Ojukwu, am 30. Mai 1967 die Region für unabhängig.

Nigeria bleibt ein gespaltener Staat

Was dann folgte, war ein Krieg, bei dem Schätzungen zufolge zwischen 500.000 und drei Millionen Menschen starben. Die Ursachen, die zu dem Krieg geführt haben, haben sich nach Einschätzung von Eghosa Osaghae, Professor für Vergleichende Politik an der Universität Ibadan, bis heute nicht geändert. "Wie schon damals gibt es den Süden und den Norden. Die geopolitischen Linien sind gleich geblieben", sagt er über die innere Spaltung Nigerias, die zahlreiche Konsequenzen mit sich bringt. So würden sich entlang dieser Linie Identität und Zugehörigkeitsgefühl festmachen lassen. Auch Uchenna Chikwendu kann nicht viel mit dem Konzept Nigeria anfangen: "Als Nigerianerin fühle ich mich gar nicht. Da gibt es nichts, worauf ich stolz sein kann. Ich bin nur froh, Igbo zu sein", sagt sie.

Nigeria Abubakar Yussuf Sambo (DW/K. Gänsler)

Ein Haussa im Süden: Abubakar Yussuf Sambo

Gleichzeitig sind Millionen Menschen im Land nach wie vor höchst mobil. Den Austausch zwischen den verschiedenen Ethnien hat es immer gegeben, er wurde nach dem Krieg schnell wieder aufgenommen. Der Motor dafür ist der Handel. Rund um die Ogui Road in Enugu leben viele Haussa. Ihr Sarki - ihr Vorsteher - ist Abubakar Yussuf Sambo, dessen Familie vor hundert Jahren aus dem nordöstlichen Bundesstaat Adamawa nach Enugu kam. "Nach dem Krieg kamen viele Menschen schnell aus dem Norden zurück, ebenso wie auch die Igbo wieder in den Norden gegangen sind", sagt er. Auch auf persönlicher Ebene habe er nie ethnische Ressentiments erlebt, weil er Haussa sei. "Ich bin hier aufgewachsen, hier zur Schule gegangen. Ich habe mehr Freunde in Enugu als in Adamawa."

Der Kampf um den Zugang zu Ressourcen

Sensibel ist auch die nigerianische Innenpolitik. "Zum Krieg hat unter anderem die Frage nach den Machtverhältnissen im Land geführt. Aktuell hat sich das Kräftemessen noch verstärkt", sagt Professor Eghosa Osaghae. "Der Bürgerkrieg hat weiterhin die Beziehungen innerhalb Nigerias geformt". Sichtbar wird das bei der Vergabe von politischen Ämtern und Spitzenpositionen in den Behörden. Vergangenes Jahr wurde Präsident Muhammadu Buhari vorgeworfen, den Norden zu bevorzugen. Auch achten die großen Parteien, der Kongress aller progressiven Kräfte (APC) und die Demokratische Volkspartei (PDP), bei der Auswahl ihrer Präsidentschaftskandidaten darauf, dass die Bewerber-Duos den Norden und den Süden - und somit Islam und Christentum - repräsentieren.

Nigeria l 50 Jahre nach Ende des Biafra-Kriegs - Markt (Katrin Gänsler)

Enugu: Der Handel blüht

Und dennoch: Eine Einheit hat das nicht gebracht, im Gegenteil. Menschen aus dem einstigen Biafra-Gebiet kritisieren scharf, dass es bis heute keinen Präsidenten gegeben hat, der Igbo war. Viele fühlen sich marginalisiert, was Unabhängigkeitsbefürwortern in die Hände spielt. Vor allem Bewegungen wie die IPOB, die Bewegung "Unabhängiges Volk von Biafra", finden Unterstützer, auch wenn ihre Aktivitäten merklich nachgelassen hat, seit ein Gericht die IPOB im September 2017 zu einer Terrorbewegung erklärte.

Wahrnehmung versus Wirklichkeit

Dabei vermitteln Statistiken einen anderen Eindruck: Im nationalen Entwicklungsindex von 2015, der aktuellsten verfügbaren Ausgabe, liegen die geopolitischen Zonen Südost und Südsüd (eine staatliche Einteilung, die grob dem damaligen Biafra entspricht, Anm. d. Red.) bei Bildung, Geschlechtergleichheit und Armutsbekämpfung weit vorne und stehen weitaus besser da als der Norden. Wahrnehmung und Wirklichkeit würden oft auseinanderklaffen, sagt Politikprofessor Osaghae. "Viele Menschen aus dem Südosten kennen den Norden gar nicht. Ihrer Meinung nach bekommt der Norden den Löwenanteil der Ressourcen." Streitpunkt sei, wie schon vor dem Krieg, hauptsächlich das Öl aus dem Südosten.

In der nigerianischen Außenpolitik hat der Krieg wenig Spuren hinterlassen. Biafra wurde nur von einer Handvoll Staaten, darunter Tansania, Gabun und die Elfenbeinküste, anerkannt. Unterstützung kam zudem aus dem Vatikan. Auch zahlreiche christliche Hilfswerke, darunter Caritas International und das Diakonische Werk, unterstützten die Versorgung der eingeschlossenen hungernden Bevölkerung durch Luftbrücken. "Die amerikanische Regierung hat schon im Januar 1970 versucht, zwischen dem Papst und Nigeria zu vermitteln. Der Antagonismus war nur von kurzer Dauer", sagt Nicholas Omenka, katholischer Priester und Geschichtsprofessor an der Universität des Bundesstaates Abia. Anschließend seien es vor allem der Vatikan und die Kirche gewesen, die beim Wiederaufbau Nigerias geholfen hätten.

Neue Verbündete

Dennoch hat Biafra zu neuen Allianzen geführt. In der Zeit des Kalten Krieges unterstützten Großbritannien wie die Sowjetunion gemeinsam die nigerianische Seite. "Der Bürgerkrieg machte es für Nigeria möglich, Russland und den Ostblock um Waffen zu bitten", so Eghosa Osaghae. Eine Verbindung, die bis heute gehalten habe.

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