Bestrickendes | Sprachbar | DW | 13.12.2017
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Sprachbar

Bestrickendes

Kratzige Strickpullis, quälende Handarbeitsstunden in der Schule – oder diese Affäre, in die man verstrickt ist: „stricken“ hat nicht immer etwas Bestrickendes an sich. Das sehen wahre Strickfans natürlich anders.

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Bestrickendes

Begonnen hat alles damit, dass da einer saß und sein Netz ausbesserte. Jede und jeder denkt jetzt bestimmt an einen Fischer. Mag sein. Es könnte aber auch ein Jäger oder Fallensteller, ja sogar ein Wilderer gewesen sein. Ihre Netze dienten und dienen dazu, dass sich die Beute darin verfängt. Das heißt, eigentlich werden die Tiere oder das Tier erst dann zur Beute, wenn sie sich im Netz hilflos „verstrickt“ haben.

Eine Falle stricken?

Ein Fischer flickt ein Netz (Colourbox/Bramsiepe)

Zerrissene Fäden wieder zusammenfügen, damit kein Fisch durchschlüpft

Was aber hat denn nun „stricken“ mit dem Ausbessern von Netzen zu tun? Gehen wir zum Fischer und schauen ihm  bei der Arbeit zu – es könnte auch ein Fallensteller sein: Dieses Netz hat Löcher.

Also fügt er mit großem Geschick die zerrissenen Fäden wieder zusammen, macht hier ein Knötchen, zieht dort eine Schlinge etwas fester, damit sie auch schön hält, und dann ist das Netz auch schon fertig ausgebessert, fertig „gestrickt“.

Tatsächlich war die ursprüngliche Bedeutung von „stricken“ diese: „Netze ausbessern“. Fast genauso alt ist es, einen Strick herzustellen. Mit Stricken und Schnüren lassen sich die unterschiedlichsten Dinge herstellen. Grobe und ganz feinmaschige Netze, aus denen es kein Entkommen gibt.

Verstrickungen

Und wer jetzt schon Bildhaftes vor Augen hat, zum Beispiel das Strickmuster einer Intrige oder die eng geschlungenen Maschen eines Netzwerkes von Beziehungen und dunklen Kanälen, der ist den Worten „Verstrickung“ und „verstrickt“ eindeutig auf der Spur. Sie sind eine Spielart von Beziehungsgefüge, auf das man sich einlässt, um mit mehr Geld herauszukommen, als man reingegangen ist. Aber das ist natürlich ganz unzulässig vereinfacht.

Verstricken kann man sich auch, wenn man versucht, einen Pullover oder Schal zu stricken. Einmal falsch die Maschen gezählt und schon kann man die Strickreihe wieder von vorne beginnen. Ganz schlimm ist es, wenn man komplett von vorne beginnen muss, mit dem Maschenanschlag.

Klappernde Stricknadeln und Strickmaschinen

Eine Frau sitzt an einer Strickmaschine mit einem Strickteil in gelb und violett (picture-alliance/dpa/B. Pedersen)

Feiner Strick mit der Strickmaschine

Womit wir bei der allseits bekannten Form von „stricken“ sind: jener Tätigkeit, die seit dem 12. Jahrhundert weitgehend nur von Frauen ausgeübt wird und allerlei Gestricktes hervorbringt.

Womit nicht gesagt wird, dass nicht auch der eine oder andere Mann zu Stricknadeln oder einem Nadelspiel greift, um etwa seine Wollsocken selbst zu stricken.

Vielleicht weiß er  sogar, wie er eine Strickmaschine zu bedienen hat. Die erfand übrigens im Jahr 1866 der Amerikaner J.W. Lamb. Selbstgestrickte Sachen wie Socken, Pullover, Topflappen, ja Kleider und selbst Krawatten entstanden in heimischer Produktion. Dabei hatten die wenigsten Strickerinnen eine Strickmaschine.

Selbstgestricktes als gesellschaftspolitisches Zeichen

Nein, da klapperten die Stricknadeln, wurden Fersen an Strümpfe angestrickt, neue Strickmuster ausprobiert, und der Ehrgeiz vieler Frauen bestand darin, möglichst Feinmaschiges hervorzubringen.

Ein Mann, um dessen Kopf in Regenbogenfarben etwas Gestricktes gewickelt ist, in dem Stricknadeln stecken. Er selbst strickt etwas Flauschiges für sein Motorrad (picture-alliance/PYMCA/Photoshot/Gonzales Photo/M. Fisker)

Bunt, schrill, individuell

Seine Blütezeit hatte das Stricken in den 1960er und 1970er Jahren. Nicht nur die Hippies wollten sich mit Selbstgestricktem von der industriell gefertigten, langweiligen Massenmode absetzen. Bunt, schrill, individuell lautete das Motto.

Chic mit Strick

Irgendwann setzte auch die Modebranche auf „Strick“ –  so der Fachbegriff. Geworben wurde mit dem Slogan „Chic mit Strick“. Häusliche Strickerzeugnisse, abwertend als „Selbstgestricktes“ bezeichnet, konnten da nicht mithalten. „Strickbeutel“, „Strickstrumpf“  und „Strickzeug“ waren Begriffe mit einem eher biederen Klang.

Schwer verständlich, denn der Strickbeutel hieß auch „Pompadour“, benannt nach der einst in der Mode den Ton angebenden Marquise Madame de Pompadour. Man nannte den Beutel sogar „Ridikül“, dem französischen „réticule“ nachgebildet. „Réticule“ aber heißt so viel wie „kleines Netz“. Wenn man genau hinschaut, ist Gestricktes durchaus mit einem Netz zu vergleichen. Es ist jedoch viel feinmaschiger als – sagen wir – ein Einkaufsnetz.

Wenn sich das Netz zuzieht

Gestricktes ist ein für Laien geheimnisvoll in sich verschlungenes Gewebe, verstrickt eben. So wie eine kompliziert aufgebaute Organisation, ein Netzwerk, in dem alles miteinander verknüpft ist. Leicht verliert man darin die Orientierung, kommt nicht mehr raus, hängt mit drin, ist verstrickt in eine Sache, hat sich von anderen bestricken, bezaubern lassen. Dann muss man alles erklären, verstrickt sich in Widersprüche. Jetzt zieht sich das Netz zusammen. Sich jetzt einen Strick nehmen? Besser nicht. Für das, was man in der Firma bislang verdient hat, muss eine alte Frau lange stricken. Am besten von vorne anfangen, mit einem neuen Strickmuster.

 

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