Bernankes böse Überraschung | Wirtschaft | DW | 19.09.2013
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Wirtschaft

Bernankes böse Überraschung

Die US-Notenbank hat im letzten Moment Angst vor der eigenen Courage bekommen: Mit dem Einstieg in den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik will sie sich doch noch etwas Zeit lassen.

Damit hat niemand gerecht: Zweimal hatte der US-Notenbankchef Ben Bernanke angekündigt, das Anleihekaufprogramm langsam zu beenden. Dann kam am Mittwoch (18.09.2013) der Rückzieher. "Da es in den Märkten eingepreist gewesen ist, dass diese Rückführung der Anleihekäufe zu diesem Zeitpunkt stattfindet, war es für alle Marktteilnehmer eine sehr überraschende Wende, die sich da gestern Abend abgespielt hat", sagt Johannes Jander, Analyst bei der Helaba Landesbank Hessen-Tühringen, gegenüber der DW.

Andere Analysten sind erschüttert, dass sich die Federal Reserve nicht mal getraut hat, einen symbolischen Schritt zu gehen. Denn mehr als eine symbolische Geste wäre es nicht gewesen, was Bernanke da ursprünglich im Sinn hatte.

Ende 2008 senkte die Fed den Leitzins auf nahe Null, um die Konjunktur anzukurbeln. Da die Erholung der Wirtschaft nur schleppend verlief, begann die Notenbank im September vergangenen Jahres, monatlich für 85 Milliarden Dollar Staatsanleihen aufzukaufen. Nachdem sich Konjunkturdaten merklich gebessert hatten, deutete Bernanke im Mai dieses Jahres an, diese gigantische Summe etwas zu reduzieren. Man nehme bloß den Fuß vom Gaspedal, während das Fahrzeug weiter beschleunige, versuchte der oberste Notenbanker damals die Finanzmärkte zu beruhigen. Doch von dem Erdbeben, das er dadurch auslöste, war er dann selber überrascht.

Gaspedal bis zum Blech durchtreten

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Börsen feiern Fed-Entscheidung

Denn längst war das billige Geld zu einer Art Droge geworden. Allein der mögliche Entzug schreckte die Abhängigen auf: Aktien stürzten ab. Riesige Geldströme flossen von den Schwellenländern in die USA, weil drei Prozent Zinsen für Staatsanleihen den Anlegern wieder attraktiv erschienen. Für die Notenbank war dieser Zinssatz wiederum zu hoch, da sie um die hohe Verschuldung des Staates nur zu gut weiß. Das könnte dazu geführt haben, dass im US-Notenbankrat die Fraktion um Bernankes mögliche Nachfolgerin Janet Yellen für die Fortsetzung der ultralockeren Geldpolitik die Oberhand gewann. Sie will den Fuß nicht nur auf dem Gaspedal lassen, sondern "es bis zum Blech durchtreten".

Sorge bereitet der Notenbank laut Frank Hübner, stellvertretender Chefvolkswirt bei der Bank Sal. Oppenheim, noch ein anderes Risiko: "Dass es auf der fiskalischen Seite in den nächsten vier bis sechs Wochen ordentlich Störfeuer gibt, weil auf der politischen Ebene nicht viel Bewegung ist." Wenn sich der Haushaltsstreit nicht legt und das Schuldenlimit im Herbst erreicht wird, kann die Regierung in Washington ihre Rechnungen nicht mehr begleichen.

Kernfrage ist der Arbeitsmarkt

Die Sparpolitik wirke sich bereits negativ auf die Konjunktur aus, sagte Bernanke. So senkte er die Prognose für das Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr auf 3,1 Prozent von zuvor 3,5 Prozent. Was für europäische Ohren nach viel klingt, ist für die USA wenig, auch vor dem Hintergrund, dass die Wirtschaft in den vorangegangenen Jahren nur mäßig gewachsen ist. Das hat Spuren auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen - ein weiterer Grund für das Zögern der Notenbank, die geldpolitischen Zügel wieder enger zu ziehen. So will sie den Leitzins erst anheben, wenn die Arbeitslosenquote unter 6,5 Prozent fällt. Im Moment liegt sie bei über sieben Prozent. Das habe vor allem strukturelle Gründe, sagt Frank Hübner: "Der Finanzsektor kann nicht mehr so viele Leute aufnehmen wie früher nach einer Finanzkrise. Es sind sehr viele Menschen sehr lange arbeitslos. Das führt dazu, dass sie ihre Fertigkeiten verlieren und sich ihre Beschäftigungschancen vermindern."

Das ist kein Problem, das sich leicht lösen lässt, indem man billiges Geld in Umlauf bringt. "Je länger man das macht und sich auch die Finanzmärkte daran gewöhnen, desto größer sind mittelfristig die Gefahren, dass man sich andere Risiken einhandelt", warnt Hübner im Gespräch mit der DW. Zum Beispiel könnten die Finanzmärkte wieder wackeln. "Früher oder später steigen die Inflationserwartungen und damit natürlich auch die Inflationsraten." Und am Ende steigt laut Helaba-Analyst Jander die Gefahr vor neuen "Blasenbildungen in verschiedenen Bereichen".

Eine Blase an den Aktienbörsen ist bereits nicht mehr zu übersehen: Weltweit klettern die Indizes auf Rekordhöhen, egal wie es um die Realwirtschaft bestellt ist. Der Fed sei Dank.

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