Berliner Sonnenallee: Hip, aber kriminell? | Politik & Gesellschaft | DW | 05.03.2019
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Gesellschaft

Berliner Sonnenallee: Hip, aber kriminell?

Die Sonnenallee im Berliner Stadtteil Neukölln boomt - gleichzeitig haben TV-Serien und aufgeregte Medienberichte über Clan-Kriminalität ihr zu fragwürdiger Prominenz verholfen. Zu Recht?

Sonnenallee: Die lebhafte vierspurige Straße im Stadtteil Neukölln mit ihrem hohen Anteil an Einwanderern und Ausländern ist umgangssprachlich als "arabische Straße" bekannt. Arabischsprachige Schilder und Flaggen aus dem Nahen Osten sind überall an Kiosken, Shisha-Lounges, Wettbüros und Falafel-Restaurants zu sehen.

Vor allem durch eine Flut von Berichten in den deutschen Medien über kriminelle arabische Clans wurde der zweifelhafte Ruf des Bezirks in letzter Zeit verstärkt. Berichte, die zu äußerst beliebten Krimiserien wie zum Beispiel "4 Blocks" inspiriert haben, einer Mischung aus "Der Pate" und "Die Sopranos" (die Hauptfigur wird sogar Tony genannt) vor der lebendigen Kulisse der angeblich gefährlichen Straßen von Neukölln.

Das ist die Sonnenallee in der Fiktion und in den Medien. Die Bewohner sagen: Die Realität ist eine ganz andere.

Reale und imaginäre Bedrohungen

"Bitte löschen Sie diese Serien aus Ihrem Kopf", sagt Hanadi Mourad, eine Einwanderin aus dem Libanon, die seit Jahrzehnten in Neukölln lebt und sich für die Information muslimischer Frauen über Bildungs- und Karrieremöglichkeiten in Berlin einsetzt.

Deutschland Straßenszenen an der Sonnenallee in Berlin (DW/J. Chase)

Nur eins von vielen arabischen Geschäften auf der Sonnenallee: eine syrische Bäckerei

Entgegen der weit verbreiteten Ansicht, dass syrische Clans die Sonnenallee dominieren, ist die arabische Gemeinschaft recht vielfältig. Sie umfasst viele Libanesen und Palästinenser, die in den 1970er- und 1980er-Jahren kamen. Darüber hinaus hat etwa ein Viertel der Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit einen türkischen Hintergrund, nur 13 Prozent kommen aus arabischen Ländern.

Und viele Langzeitbewohner machen sich weniger Sorgen um die von diesen Gruppen ausgehende Kriminalität als um eine weitere "ausländische Bedrohung" - Investoren von außerhalb Berlins, die sich Immobilien schnappen und die Lebenshaltungskosten in die Höhe treiben.

Zwischen vegan und halal

Mourad war früher Reiseleiterin. Sie führte wohlhabende süddeutsche Touristen aus München und Stuttgart durch das "exotische", von Arbeitern geprägte und multikulturelle Neukölln. "Jetzt leben sie alle hier", scherzt sie.

Die globale Finanzkrise des Jahres 2008 löste einen Run auf billige Berliner Immobilien aus - durch Investoren aus Deutschland, Europa und dem Rest der Welt. Neukölln war ein besonders attraktives Ziel. Die Folge: Die Mietpreise pro Quadratmeter haben sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Die Neuköllner Mieter müssen nun durchschnittlich 37 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für ihre Wohnung ausgeben. Schlimmstenfalls geht mehr als die Hälfte des Monatsgehalts für die Miete drauf.

Aber der Geldfluss hat auch Vorteile. Den Prenzlauer Berg und Kreuzberg hat Neukölln als Top-Destination für urbane Hipster und Startup-Unternehmer in der deutschen Hauptstadt auch überholt.

Diese Tatsache ist den arabischen und türkischen Geschäftsleuten nicht entgangen, von denen einige jetzt versuchen, die neue, wohlhabendere Klientel anzusprechen. Die heutige Sonnenallee existiert, wie Cordula Heckmann, Direktorin des Rütli-Campus in der Straße es ausdrückt, "zwischen vegan und halal".

Falsch verstandene Toleranz?

Ungeachtet der Gentrifizierung ist es unbestreitbar, dass die Atmosphäre auf der Sonnenallee deutlich schroffer und für Außenstehende potenziell einschüchternder ist als in den nobleren Berliner Stadtteilen. Gruppen junger Männer versammeln sich an Straßenecken und reden laut miteinander, und der Verkehr ist konstant und aggressiv, unterbrochen von Polizei- und Krankenwagensirenen und Autos, die hupen, während sie um in zweiter Reihe parkende Fahrzeuge herumfahren.

Deutschland Sonnenallee in Berlin (DW/J. Chase)

Aktivistin Hanadi Mourad

Auch ist die Straße kein Vorbild für Integration. Arabische und nicht-arabische Einwohner und Besucher der Sonnenallee bestätigen, dass die Interaktion zwischen den beiden Gruppen minimal ist. In gewisser Weise gibt es hier tatsächlich Parallelgesellschaften. Für Karsten Woldeit, den innenpolitischen Sprecher der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland (AfD) in Berlin, ist eine Ursache der Kriminalität die "unzureichende Integrationsbereitschaft unter Menschen aus bestimmten Kulturkreisen".

"Seit Jahren haben wir das Problem im Namen einer falsch verstandenen Toleranz nicht angegangen, und das kommt jetzt wieder, um uns bitter zu verfolgen", sagt Woldeit.

Nicht viel bekannt über Clans

Ist dieser Teil von Neukölln wirklich eine Art "No-Go-Gebiet", das von einer Art kriminellen arabischen Clans regiert wird, wie sie in "4 Blocks" dargestellt werden? Die Polizeistatistiken deuten darauf hin, dass dies nicht der Fall ist. Die Behörden haben eine bereinigte Kriminalitätsrate von rund 22.000 Vorfällen pro 100.000 Einwohner berechnet. Das mag für Berlin auf höchstem Niveau sein, aber es ist niedriger als andere Gebiete wie der Alexanderplatz im Osten Berlins oder das Regierungsviertel, beide ohne ähnlich große arabische Bevölkerung.

Die Behörden sagen, dass nicht genug über angeblich kriminelle Clanstrukturen bekannt ist, um sie zu verallgemeinern.

"Ich kann den Argumenten der AfD definitiv nicht folgen", sagt Peter Diebel, der Direktor des Polizeireviers 54, zu dem auch die Sonnenallee gehört. "Ich weiß nicht, wer hauptsächlich mit dieser Art von Verbrechen zu tun hat."

Die Forscher sind sich einig, dass die Clankriminalität derzeit eher eine Hypothese als eine Tatsache ist. Der Kriminologe Robert Pelzer von der Technischen Universität Berlin sagt, dass das Thema von den Medien "stark verzerrt" werde.

"Die Wahrnehmungen der Menschen werden durch die Berichterstattung über Kriminalität ohne empirische Grundlage geprägt", sagte Pelzer der DW. "Die Behörden beginnen erst, sich ein Bild von der Situation zu machen."

Video ansehen 02:22

Spaziergang über Berlins "arabische Straße"

"Raum für Entwicklung"

Eine Person, die selbst Erfahrungen mit Kriminalität gemacht hat, ist die Modedesignerin Lea Strunk, die vor fast sieben Jahren einen Co-Working-Raum für Kreative in der Sonnenallee gründete. In den ersten Tagen nach der Eröffnung versuchten arabische Jugendliche im Teenageralter oder sogar noch jünger zweimal, sie auszurauben.

Aber die Designerin blieb unbeeindruckt und hält die Vorfälle eher für kindliche Verrücktheiten. Sie sagt, ihr Geschäft sei inzwischen in der Nachbarschaft akzeptiert. Sie lobt Neukölln und nennt es ein "Experimentierlabor" für Jungunternehmer.

"Es gibt hier noch Raum für Entwicklung", sagt Strunk. "Hier gibt es nicht so viel Druck, finanziell und in anderer Hinsicht, wie in anderen Teilen der Stadt."

Menschen wie Strunk passen nicht gut zu Boulevardzeitungesberichten über Gewalt auf der Sonnenallee und Krimiserien wie "4 Blocks". Aber sie sind sehr wohl Teil der Entwicklung eines Teils von Berlin, der oft oberflächlich als Brennpunkt einer vermeintlich von Minderheiten getriebenen Kriminalität dargestellt wird.

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