Berliner Schaubühne muss China-Tournee abbrechen | Kunst | DW | 12.09.2018
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Kunstfreiheit in China

Berliner Schaubühne muss China-Tournee abbrechen

Nachdem das Stück "Ein Volksfeind" in der Volksrepublik heftige Debatten beim Publikum ausgelöst hat, muss die Berliner Schaubühne ihre Tournee vorzeitig beenden. Zwei Aufführungen in Nanjing entfallen damit.

Seit sechs Jahren gastiert die Berliner Schaubühne mit Henrik Ibsens Stück "Ein Volksfeind" an Theatern auf der ganzen Welt. Dennoch war es für die Berliner Schauspieler eine Überraschung, dass sie mit diesem kritischen Stück in China auftreten durften. Nun folgt der Überraschung die Ernüchterung: Das Ensemble darf seine China-Tournee nicht zu Ende spielen.

Tobias Veit, Direktor der Schaubühne, bestätigte am Mittwoch (12.09.2018), dass zwei noch ausstehende Vorstellungen in der ostchinesischen Stadt Nanjing nicht stattfinden werden, weil das dortige Theater eine Absage erteilt habe. Als offizielle Begründung wurden demnach "technische Probleme" angegeben. Die Berliner gehen jedoch davon aus, dass Zensur der eigentliche Grund für das vorzeitige Ende der Tournee ist. Das Stück hatte das Publikum zu heftigen Debatten angeregt.

Die Bundesregierung bedauerte die Absage der Aufführungen. Die deutsche Botschaft in China habe dies bei einem Besuch im dortigen Kulturministerium zum Ausdruck gebracht, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes am Mittwoch in Berlin.

Lesen Sie hier unser Interview mit Tobias Veit zum Tournee-Ende.

Kritik am Staat

Schwarz-weiß-Foto des Dramatikers Henrik Ibsen. (picture-alliance/IBL Schweden)

Regt manche bis heute auf - Dramatiker Henrik Ibsen

Erste Einschränkungen für die Schauspieler gab es bereits vergangene Woche nach ihrer ersten Vorführung in Peking. "Ein Volksfeind", 1882 von Henrik Ibsen geschrieben, handelt von Korruption in einer Kleinstadt, in der die Obrigkeit einen Umweltskandal vor seinen Bürgern vertuschen will.

Das Konzept der Aufführungen sieht vor - und das war auch bei der China-Premiere in Peking der Fall - dass sich zum Ende der Inszenierung die Diskussion zu den Zuschauern öffnet. Teile des Publikums haben dabei ganz offen über mangelnde Meinungsfreiheit und Umweltskandale in China gesprochen. Es habe so viel Kritik gegeben, dass nicht mal der Übersetzer im Saal noch hinterher kam. Zudem habe sich die Debatte nach dem Auftritt in den Sozialen Netzwerken fortgesetzt.

Die Pekinger Theaterleitung beschloss daraufhin, die zweite und dritte Aufführung nur noch ohne die Publikumsdiskussion am Ende stattfinden zu lassen. Die beiden Vorstellungen in Nanjing fallen nun komplett aus; sie waren für Donnerstag und Freitag angesetzt.

Zensoren überwachen Medien und Internet

Mehrere Chinesen sitzen vor Computern in einem Internet-Cafe in Peking. (picture-alliance/dpa/How Hwee Young)

Ein Internet-Café in Peking: "ausgewähltes" Programm

Die Situation in China ist so, dass die Medien und das Internet des Landes streng von den Zensoren überwacht werden, um kritische Stimmen zu unterdrücken. Darüber hinaus sind zahlreiche internationale Medien, darunter die "New York Times" und ausländische Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, in der Volksrepublik komplett gesperrt.

Geprüft werden von den staatlichen Behörden auch ausländische Theaterstücke oder Kinofilme bevor sie öffentlich aufgeführt werden. Die Überwacher hätten also wissen können, was die Berliner Schauspieler ihrem Publikum bieten - zumal das Konzept der Schaubühne im Zusammenhang mit dem Stück "Ein Volksfeind" seit seiner Premiere in dieser Form praktiziert wird.

Die Publikumsreaktionen sind für das Ensemble oft ein Spiegel der jeweiligen politischen Situation des Landes und der drängendsten Fragen vor Ort, so Veit. Deshalb sieht der Direktor der Schaubühne die plötzliche Absage in Nanjing mit gemischten Gefühlen.

kk/bb (dpa, KNA, ARD)

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