Berliner Christopher Street Day kämpft gegen wachsende Intoleranz | Kultur | DW | 28.07.2018
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LGBTI-Community

Berliner Christopher Street Day kämpft gegen wachsende Intoleranz

Nicht nur der Ton ist rauer geworden in Deutschland, auch die Gewalttaten gegen Homo- und Transsexuelle haben zugenommen. Der Christopher Street Day (CSD) hält dagegen und wirbt zum 40. Mal für mehr Toleranz.

Patricia steht mit ihrem Ehemann an einer roten Fußgängerampel mitten in Berlin. Plötzlich spricht sie ein Mann von der Seite an: "Du musst erschossen werden, du solltest nicht leben." Patricia traut ihren Ohren nicht. Sie glaubt, sich verhört zu haben und fragt nach. Doch wieder dieser Satz: Du musst erschossen werden.

Patricia ist eine transsexuelle Frau - als Mann geboren, aber mithilfe eines operativen Eingriffs nun das, was sie innerlich schon immer gewesen ist: eine Frau.

Für sie ist Berlin die Stadt, in der sie am stärksten diskriminiert wurde. Das hat für sie etwas von der Magie Berlins genommen, jener Stadt, die sich immer noch als eine der offensten der Welt feiert, und so tut, als toleriere sie sämtliche Lebensformen.

Erinnern an den Stonewall-Aufstand

Genau hier setzt der 40. Berliner CSD an. Sein Motto "Mein Körper, meine Identität, mein Leben" verweist nicht nur auf die zahlreichen Kämpfe der LGBTI-Community (LGBTI bedeutet Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual/Transgender und Intersexual) für Gleichberechtigung und Akzeptanz, sondern beinhaltet auch die Forderung nach dem Recht auf Selbstbestimmung für Menschen wie Patricia, die aufgrund ihrer Identität Diskriminierung, Ausgrenzung und Anfeindungen erfahren.

Bernd Gaiser sitzt in einer Wohnung vor einem Bücherregal. (picture-alliance/TSP/M. Wolff )

Bernd Gaiser steht bis heute für die Rechte von queeren Menschen ein

Bernd Gaiser, 73 Jahre, ist einer der Gründer des Berliner CSD. Am 10. Jahrestag des New Yorker Stonewall-Aufstands, bei dem sich schwule und transsexuelle Männer 1969 gegen eine gewalttätige Polizeirazzia in ihrer Bar zur Wehr setzten, wollte die damals noch kleine Berliner Community auch in ihrer Heimatstadt ein Zeichen setzen. Der mit dem alljährlichen Christopher Street Day (CSD) gewürdigte Aufstand gilt als Beginn der Schwulenbewegung.

Im Mainstream angekommen?

1979 demonstrierten in Berlin rund 400 Schwule und Lesben. Heute sind es 400.000, auch weil die Parade längst in großen Teilen der Bevölkerung angekommen ist. Von einigen werde Gaiser aber immer wieder gefragt, ob der CSD überhaupt noch nötig sei, nachdem in Deutschland sogar die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt wurde. Doch auch heute noch sei Homosexualität nicht überall in Berlin akzeptiert, sagt er. Und Transsexuelle würden oftmals wie Menschen zweiter Klasse behandelt.

Foto vom Straßenschild der Christopher Street in New York. (imago stock&people)

In den 1970er Jahren das Zentrum der Schwulenbewegung: Die Christopher Street im New Yorker Stadtviertel Greenwich Village

"Vier Jahrzehnte nach dem ersten Berliner CSD müssen Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intersexuelle weiter für ihre Rechte kämpfen", meint auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer, der den diesjährigen CSD eröffnet. Von umfassender Akzeptanz und Gleichstellung könne noch nicht die Rede sein.

Diese Einschätzung wird auch in den elf Forderungen deutlich, die das basisdemokratische CSD-Forum anlässlich des diesjährigen CSD beschlossen hat: Modernisierung des Familien- und Abstammungsrechts, damit gleichgeschlechtliche Eltern bei der Adoption oder der Anerkennung der Elternschaft mit heterosexuellen Paaren gleichgestellt werden; Abschaffung des Transsexuellengesetzes sowie die Selbstbestimmung über das eigene Geschlecht und die Namensgebung. Außerdem wird der Berliner Senat aufgefordert, in Partnerstädten wie Istanbul, Moskau oder Warschau stärker für die Rechte der LGBTI-Communities einzutreten.

Repolitisierung des CSD

An seinem 40. Jahrestag präsentiert sich der Berliner CSD mit seinem Herzstück, der großen Parade, mehr denn je als politische Demonstration. Damit reagieren die ehrenamtlichen Macher auf die oft wiederholte Kritik, der CSD sei mehr Party als politische Veranstaltung. Sicher - die Szene wird sich auch in diesem Jahr bunt bis schrill zeigen. Doch die politischen Forderungen bleiben während des Umzugs mit seinen 70 Trucks und mehr als 45 Fußgruppen präsent - dank regelmäßiger Durchsagen, die das Musik- und Partyprogramm unterbrechen.

Menschenmassen beim CSD Berlin 2017. (Reuters/F. Bensch)

Nicht nur Party, sondern vor allem ein politisches Statement - das soll auch der CSD 2018 sein

Als Bernd Gaiser mit den mehr als 400 Schwulen und Lesben 1979 durch Berlin zog, forderten sie die Abschaffung des Paragrafen 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Heute ist er Geschichte und die Verurteilten erhielten im vergangenen Jahr eine Entschädigung. Das zeige, wie weit man im Kampf für Gleichberechtigung gekommen sei, sagt Jan Noll, Chefredakteur des queeren Berliner Magazins "Siegessäule". 

Auf der anderen Seite beobachtet er - nicht zuletzt durch die rechtspopulistische AfD - eine gefährliche Radikalisierung des öffentlichen Diskurses. Dieses aufgeheizte Klima begünstigt offensichtlich auch die Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung: Im vergangenen Jahr zählte das Anti-Gewalt-Projekt Maneo 324 Gewalttaten mit homo- oder transphobem Hintergrund in Berlin - so viele wie noch nie.  

"Unsere hart erkämpften Rechte haben sich noch nie so fragil angefühlt wie in diesem Jahr", sagt Noll. Es gebe ein gesellschaftspolitisches Rollback. Und das erste, was dann infrage gestellt werde, seien die Minderheitenrechte.

Der Kampf um Gleichberechtigung, Toleranz und Akzeptanz ist auch 2018 noch in vollem Gange.

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