Belgiens IS-Rückkehrer | Europa | DW | 29.01.2018
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Terrorismus

Belgiens IS-Rückkehrer

Mehr als 100 IS-Dschihadisten sind nach Belgien zurückgekehrt. Manche wollen ihre Vergangenheit hinter sich lassen, andere könnten jederzeit wieder zuschlagen. Teri Schultz berichtet.

Belgien Radikalisierung muslimischer Jugendlicher (DW/B. Riegert)

Die belgische Stadt Vilvoorde ist eine Hochburg für IS-Unterstützer

Die Regierungen europäischer Staaten stellen sich mit Bangen auf die Heimkehr von Staatsbürgern ein, die im Nahen und Mittleren Osten für den sogenannten Islamischen Staat gekämpft haben. Während dort der IS immer mehr an Einfluss verliert, gehen viele ihrer Anhänger mit europäischen Pässen wieder in ihre Heimat zurück. Belgien ist das Land in Europa mit dem höchsten Bevölkerungsanteil an Dschihadisten, und die Aussicht, dass sie kampferprobt und ideologisch gestählt wieder in ihren alten Stadtvierteln leben, sorgt allgemein für Nervosität. Frühere Rückkehrer, die wieder ein normales Leben begonnen haben, sprechen aber nicht darüber.

Der Antwerpener Stadtrat Hicham El Mzairh hat versucht, solche Rückkehrer dazu zu bringen, öffentlich über ihre Reintegration zu reden, auch, um mögliche Nachahmer abzuhalten. Doch niemand hat sich bisher gemeldet. El Mzairh findet das zwar enttäuschend, aber auch verständlich. "Viele von ihnen empfinden bei ihrer Rückkehr eine tiefe Scham", sagt Mzairh der Deutschen Welle. "Das wollen sie nicht zeigen, auch nicht ihren Namen preisgeben oder im Fernsehen sagen: 'Okay, ich bin halt hingegangen, das war dumm, aber jetzt bin ich wieder hier.' Sie wollen ein neues Leben anfangen."

Der Druck kommt auch von alten Gesinnungsgenossen. Nachdem der Bruder eines in Belgien geborenen Kämpfers ein Fernsehinterview gegeben hatte, spürten ihn trotz Verschleierung seiner Identität IS-Unterstützer auf und schlugen ihn zusammen, um andere davon abzuhalten, ebenfalls an die Öffentlichkeit zu gehen. 

Rückkehrer und ihr Dschihad-Erlebnis   

Noch vor wenigen Jahren war das Umfeld ein völlig anderes. Die Belgierin Laura Passoni beispielsweise hatte ein Buch über ihre Erlebnisse als Braut eines Islamisten geschrieben. Monatelang war Passoni in den Medien allgegenwärtig, posierte mit ihrem Buch und erzählte freimütig über ihre neun Monate im sogenannten Kalifat. Sie sagte, sie habe erst gemerkt, welch einen Fehler sie gemacht habe, als ihr vierjähriger Sohn nach Hause gekommen sei und ihr gesagt habe, wie man ihm das Köpfen eines Teddybärs beigebracht habe. Die Familie kehrte nach Belgien zurück.

Belgien nach Explosion am Zentralbahnhof in Brüssel (Reuters/F. Lenoir)

Schlagen sie irgendwann wieder zu? In Belgien geht nach wie vor die Angst um

Heute ist Passoni aus der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden. Gelegentlich tritt sie noch in Schulen  oder bei öffentlichen Veranstaltungen auf, aber nur noch zusammen mit dem Mitautor, einem Islamexperten eines neuen Buches, in dem es darum geht, wie man mit radikalisierten Menschen umgeht. Interviews werden vom Verleger des Buches arrangiert. Auf eine Interviewanfrage der Deutschen Welle reagierte dieser mit den Worten, Passoni wolle nichts sagen.

Michael "Younes" Delefortrie, ein weiterer prominenter Rückkehrer, hat ebenfalls ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben und mehrere Fernsehinterviews über seinen Übertritt zum Islam und seine zwei Monate im syrischen Kampfgebiet gegeben. Als Delefortrie 2014 zusammen mit seiner Frau nach Belgien zurückkehrte, wurde er wegen Mitgliedschaft in der verbotenen radikalislamischen Rekrutierungsorganisation Sharia4Belgium festgenommen. Er erhielt eine dreijährige Bewährungsstrafe, bereut aber keineswegs, sich dem IS angeschlossen zu haben. In einem Interview mit Euronews sagte Delefortrie, er bereue einzig und allein seine Rückkehr nach Belgien.

"Sie wollen nicht, dass wir es wissen"

Doch El Mzairh sagt, ihm machten weniger Leute wie Delefortrie Sorgen, die offen ihre Sympathien für den IS bekundeten, als diejenigen, die still im Schatten blieben. "Sie wollen nicht, dass wir wissen, dass sie zurück sind", sagte der Antwerpener Stadtrat. "Um es klar zu sagen, sie zeigen keine Reue. Viel frustrierter sind sie darüber, dass der IS und das Kalifat an Boden verlieren und sie hier festsitzen."

Weil landesweite Initiativen fehlen, sind die örtlichen Verwaltungen weitgehend auf sich gestellt, wie sie mit dem Problem umgehen. Einige Gemeinden sind zu Beispielen dafür geworden, was es heißt, wirklich eine Gemeinschaft zu sein. Dazu zählt Vilvoorde, nördlich von Brüssel, von wo besonders viele radikalisierte junge Leute als IS-Dschihadisten in den Krieg zogen.

Das Vilvoorde-Modell

Vilvoordes Bürgermeister Hans Bonte kannte die meisten von ihnen. Er interessiert sich für jeden einzelnen Rückkehrer. Bonte besucht sie im Gefängnis, um ihnen persönlich die beiden Alternativen klar zumachen, die sie nach dem Ende ihrer Haftzeit haben werden. "Die zwei Botschaften, die ich für jeden von ihnen habe, sind, erstens, dass sie sicher sein können, dass die Stadt Vilvoorde und unsere Polizei sie nach ihrer Freilassung ständig beobachten, zwar nicht repressiv, aber wir haben sie im Auge", sagt Bonte. "Als zweites sage ich jedem: 'Sie sind ein freier Mann. Sie haben Ihre Strafe abgesessen. Wir werden Ihnen jede Unterstützung geben, dass Sie sich wieder in die Gesellschaft eingliedern können'."

Hans Bonte (DW/T. Schultz)

Vilvoordes Bürgermeister Bonte macht jedem Häftling die Alternativen klar

Bontes pragmatisches Vorgehen gilt weithin als beispielhaft. Auf einen Fall ist er besonders stolz - der Betroffene lehnt ein Interview mit der Deutschen Welle ab. Mit der Hilfe der Stadt und durch ihre Toleranz steht der Mann jetzt seit zwei Jahren auf eigenen Füßen. "Wir haben den Arbeitgeber umfassend (über die Vergangenheit des Mannes) informiert, und der Arbeitgeber hat ihm eine Chance gegeben", sagt Bonte. "Das haben wir bei der Wohnungssuche auch so gemacht."

Doch nicht jeder glaubt, dass solch ein Ansatz auf einer breiten Grundlage funktioniert. Pieter Van Ostaeyen, einer der besten Kenner der belgischen Dschihad-Szene, sagt, in den sozialen Medien seien die IS-Unterstützer so zahlreich und lautstark wie eh und je. Wie stark ihr Einfluss ist? "Tja", sagt er, "das wissen wir eigentlich erst, wenn sie das nächste Mal wieder zuschlagen."

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