Beim Klimawandel werden Akademiker zu Aktivisten | Global Ideas | DW | 19.11.2013
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Global Ideas

Beim Klimawandel werden Akademiker zu Aktivisten

Während Staatschefs in Warschau über das Klima diskutieren, formulieren führende Akademiker aus aller Welt in Berlin einen klaren Appell: Die europäische Politik muss den Klimawandel entschlossener bekämpfen.

Residents don masks as they walk past damaged houses in the aftermath of super typhoon Haiyan in downtown Tacloban November 14, 2013. Philippine President Benigno Aquino was under growing pressure on Thursday to speed up the distribution of food, water and medicine to desperate survivors of a powerful typhoon and to get paralysed local governments functioning. REUTERS/Bobby Yip (PHILIPPINES - Tags: DISASTER ENVIRONMENT) // eingestellt von se

Der Klimawandel verschärft bestehende Ungleichheit und Armut, sagen die Experten. An den Folgen leiden die Schwächsten - wie im November 2013 beim verheerenden Wirbelsturm Haiyan auf den Philippinen

Mit dem Brandenburger Tor, der US-Botschaft, Luxushotel und teuren Restaurants in unmittelbarer Nachbarschaft scheint die Berliner Akademie der Künste kaum der geeignete Ort für ein Treffen von Aktivisten zu sein, die die kapitalistische Weltordnung ins Visier nehmen. Aber genau das taten einige der weltweit führenden Klima-Experten in der ehrwürdigen Institution. Die Berliner Hertie School of Governance und die London School of Economics (LSE) hatten Wissenschaftler, Ökonomen, aber auch Politiker zum Dahrendorf-Symposium eingeladen, um die Rolle Europas im Kampf gegen den globalen Klimawandel zu debattieren – während 500 Kilometer weiter östlich, im polnischen Warschau, die Regierungen der Welt auf dem UN-Klimagipfel zusammen gekommen sind.

Benannt zu Ehren des langjährigen LSE-Rektors, des deutsch-britischen Soziologen und liberalen Politikers Lord Ralf Dahrendorf, war zu erwarten, dass die europäische Politik auf der Konferenz kritisch beleuchtet würde. Doch dabei blieb es nicht. Stattdessen rief ein führender UN-Klima-Ökonom dazu auf, sich Karl Marx noch einmal genauer anzuschauen. Der Co-Präsident der interdisziplinären Nachhaltigkeits-Ideenfabrik Club of Rome geißelte die "falsche Religion der erneuerbaren Energien". Ein Institutsleiter der LSE sprach von der Notwendigkeit, "mächtige politische und wirtschaftliche Interessen herauszufordern”. Und eine Jura-Professorin forderte, den globalen Kapitalismus zu überdenken, insbesondere seinen rechtlichen Rahmen, "der Unternehmen besser stellt als Menschen”.

Neuer Ton in der Klimadebatte

Kein Zweifel – der Ton der Klimadebatte hat sich verändert. Die Forderungen, die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft einst von der Straße gewohnt waren, hat die Flure von Universitäten und Think Tanks erreicht. Mehr denn je. Es scheint auch eine unvermeidliche Folge davon, dass die Klimadebatte den Fängen eines engen Technik- und Umweltdiskurses entkommen ist, der sich auf steigende Temperaturen, grüne Technologien oder gefährdete Arten beschränkt. Inzwischen ist es auch eine Debatte über Probleme, die näher am Leben der Menschen sind: die Gefährdung lokaler Existenzgrundlagen, das Auseinanderdriften von Gesellschaften, wirtschaftliche Ungleichheit oder mangelnder Zugang zu bezahlbarer Energie.









Mary Robinson, UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, mit Raymond Tshibanda, Außenminister, bei einer Pressekonferenz in Kinshasa am 29.4.2013 Copyright: DW via Andrea Schmidt, DW Kisuaheli

Mary Robinson im April 2013 auf einer Pressekonferenz in Kinshasa

Und es sind nicht mehr nur Wissenschaftler und Ökonomen, die die wichtigsten Teilnehmer der Debatte sind. Die breitere Diskussion bedeutet auch, dass mehr Menschen gehört werden – wie etwa im Climate Justice Dialogue, den die ehemalige irische Präsidentin Mary Robinson mit ihrer Stiftung ins Leben gerufen hat. "Im Dialog gab es Vertreter indigener Gruppen, Vertreter von Slumbewohnern, sowie ehemalige Staatsoberhäupter. Was sie alle gemeinsam haben: Leidenschaft, ein Gefühl der Dringlichkeit und für Gerechtigkeit ", sagte Robinson gegenüber Global Ideas.

In dieser breiten Konversation müssten Akademiker auch zu Aktivisten werden, in dem Sinne, dass sie ihre Arbeit und Erkenntnisse direkt in die öffentliche Debatte und gesellschaftliches Handeln einbringen, sagt der führende Soziologe und LSE-Rektor Craig Calhoun.

"Die Leute sehen, dass konventionelle Politik keine Antworten mehr liefert – besonders in den wichtigsten Bereichen: Politische Institutionen und Unternehmen bieten keine sinnvollen Lösungen", sagt Calhoun gegenüber Global Ideas. "Umweltfreundlich produzierte Kleidung oder mehr Radwege in den Städten – es sind Dinge, die Menschen schnell als das erkennen, was sie sind: oberflächliche Lösungen, die der Größe des Problems nicht angemessen sind."

Nicht nur über neue Energiequellen, sondern auch über Energiepreise debattieren









Forum Globale Fragen am 16. Mai 2012 in Berlin im Auswärtigen Amt (Vorbereitung zu Rio+20): Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker, deutscher Ressourcen-Ökonom in Diensten des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP); Copyright: Auswärtiges Amt/ Jürgen Gebhardt***ACHTUNG: Das Bild darf ausschließlich im Rahmen einer Berichterstattung (über Forum Globale Fragen am 16. Mai 2012 in Berlin im Auswärtigen Amt) genutzt werden***

Ernst Ulrich von Weizsäcker

Doch um diese breitere Debatte in konkrete Ergebnisse umzumünzen braucht es beides: das Rütteln an alten Gewissheiten und konkrete Vorschläge, wie es besser geht. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Biologe und Co-Vorsitzender des Club of Rome, legte die Axt an eine der Kern-Überzeugungen der Klimapolitik: je mehr erneuerbare Energien, desto besser. Unser Vertrauen in erneuerbare Energien sei ein "Irrglaube", erklärte er. Denn während der Einsatz erneuerbarer Energien Öl, Gas und Kohle ablöst, bleibt ein weiterer wichtiger Punkt unangetastet: der Energiepreis selbst.

"In Japan förderte der steile Anstieg der Energiepreise in den 1970er Jahren die technologischen Entwicklungen bei der effizienteren Nutzung von Energie. Ein Jahrzehnt später war das Land auf dem Weg zu einer der innovativsten Nationen der Welt. In China zeichnet sich gegenwärtig eine ähnliche Situation ab", sagte von Weizsäcker. Die Botschaft war klar: Man erhöhe den Energiepreis und schaffe beides – weniger klimaschädliche Emissionen und technischen und wirtschaftlichen Fortschritt.

Eine breite Klimadebatte ist gut, allerdings ist dann immer noch nicht sofort ersichtlich, wie Menschen und Gemeinschaften vor Ort davon konkret profitieren. Ein Ansatz könnte sein, sich darauf zu konzentrieren, wie der Klimawandel ihnen schadet – nämlich durch die Verschärfung bestehender Probleme wie Armut und Ungleichheit, merkt Mary Robinson an. Den Klimawandel viel stärker als eine Frage der Gerechtigkeit zu diskutieren, sei ein wichtiger Schritt. Denn dann gebe es ein sehr wirksames Werkzeug, um konkrete und verbindliche Ergebnisse auszuhandeln: Gesetze.

Politiker müssen hinhören

Den Klimawandel als ein Problem der Klimagerechtigkeit neu zu diskutieren, ist nur eine von mehreren Empfehlungen, mit denen sich die Teilnehmer des Dahrendorf-Symposiums an die Politik wenden. Zusammen genommen sind sie ein umfassender Aufruf an die europäischen Regierungen, sich endlich auf eine gemeinsame Position zu verständigen: bei den internationalen Klimaverhandlungen, in der europäischen Energiepolitik und bei den Klimazielen der EU.

Aber werden die Politiker zuhören? Letztlich schon, glaubt Craig Calhoun und verweist auf die Geschichte. "Es muss eine Verbindung geben zwischen diesen intellektuellen und politischen Debatten und Bürgerbewegungen. Wir haben das in der Vergangenheit gesehen, etwa bei der Arbeiter- und der Frauenbewegung.”

Zum Ende der Tagung, und mit dem Panorama-Blick aus dem Haus der Akademie über das Brandenburger Tor, einem Symbol für den historischen Wandel schlechthin, hätte dieser intellektuelle Ruf zu den Waffen nicht deutlicher ausfallen können.