Beate Reifenscheid (ICOM): ″Museen sollten frei agieren können″ - Kein Kultur-Sponsoring um jeden Preis | Kunst | DW | 19.08.2019
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Interview

Beate Reifenscheid (ICOM): "Museen sollten frei agieren können" - Kein Kultur-Sponsoring um jeden Preis

Kunst und Kultur ohne Mäzene und Sponsoren? Trotz öffentlicher Gelder ist das auch in Deutschland kaum denkbar. Beate Reifenscheid von ICOM warnt allerdings vor dem wachsenden negativen Einfluss von Sponsoren.

Die Proteste gegen dubiose Mäzene und Sponsoren in der Kulturszene der USA und Großbritannien haben den Stein ins Rollen gebracht. Allen voran der Protest der Star-Fotografin Nan Goldin gegen den Einfluss der Sackler-Familie, die durch die Herstellung des umstrittenen Schmerzmittels Oxycontin Menschen in die Abhängigkeit getrieben hat. Auch in Deutschland werden Stimmen laut, die vor der Einflussnahme von Sponsoren gerade im Museumsbetrieb warnen. Von besorgniserregenden Fällen erzählt Beate Reifenscheid, Direktorin des Ludwig Museums in Koblenz und Präsidentin des Deutschen Nationalkomitees des Internationalen Museumsrates (ICOM) im DW-Interview.

DW: Sind Museen in Deutschland weniger von Sponsoren abhängig als zum Beispiel in den USA? Hier werden öffentliche Museen ja von Bund, Ländern und Kommunen getragen und finanziell unterstützt.

Beate Reifenscheid: Grundsätzlich ist das so, aber wenn man das gesamte Bruttosozialprodukt anschaut, dann sind wir bei einem Prozent, was für die gesamte Kultur ausgegeben wird. Letztlich bleibt nur ein Bruchteil bei den Museen. Es schwebt ja immer das Damoklesschwert der freiwilligen Leistung über uns: Wieviel freiwillige Leistung möchte eine Kommune einem Museum oder einer kulturellen Einrichtung zukommen lassen? Und diese Leistungen sind drastisch zurückgegangen. Das fing in den 90er Jahren an, dass sich die Öffentliche Hand ein Stück weit zurückgezogen hat und gesagt hat: "Es gibt doch sehr potente Sponsoren."

Gleichzeitig sind die Anforderungen an die Museen höher geworden, was Transporte oder die Forderungen von Leihgebern anbelangt. Das Museum hat also mehr Leistung zu erbringen, gleichzeitig aber weniger Geld. Da muss dann doppelt dafür gesorgt werden, dass Sponsoring in die Kasse einfließt.

Gerade aufgrund der Streichung von Subventionen für den Kulturbetrieb hat ja kürzlich auch die deutsch-japanische Künstlerin und Professorin Hito Steyerl davor gewarnt, dass Sponsoren und Förderer auch in Deutschland dann mehr Einfluss auf Künstler und Museen selbst gewinnen könnten.

Ich sehe das tatsächlich genauso. Ich sehe da durchaus auch eine Gefahr, die steigt und sich aktuell ja in diesem Jahr schon bewahrheitet hat, dass größere Konzerne oder Organisationen anfangen, inhaltlich in die Arbeit des Museums einzugreifen und sie infrage zu stellen. Sie stellen auch Kuratoren und Direktoren infrage, so dass da die kuratorische und vielleicht auch die wissenschaftliche Freiheit untergraben wird. Das ist sehr fragwürdig. Museen sollten frei agieren, forschen und über ihre Inhalte selbst entscheiden können. Von außen sollten da keine kommerziellen oder politischen Interessen in den Vordergrund gerückt werden, aber das passiert.

Wo zum Beispiel?

Erschreckend fand ich die kurzfristige Entlassung eines Kollegen aus Wolfsburg, dessen Stelle auch sehr schnell wieder nachbesetzt wurde. Dieser Kollege plant nächstes Jahr eine Ausstellung zum Thema Erdöl, und da hat sich der Volkswagenkonzern offenbar negativ berührt gefühlt. Die Argumentation wurde nicht nach außen getragen, aber das ist der Grund für die Entlassung gewesen, und das ist natürlich ein Eingriff in die kuratorische Freiheit und die inhaltliche Positionierung eines Museums.  

Dann der Direktor des Jüdischen Museums, der zurückgetreten ist, weil eine Mitarbeiterin einen Beitrag nur geliked hat, was dem Zentralrat der Juden nicht genehm war. Das hat zwar nichts mit kuratorischer Freiheit per se zu tun, aber es macht deutlich, wie nervös, wie sensibel, wie offensiv aber auch auf bestimmte Meinungen überreagiert wird.

Das Ludwig Museum in Koblenz von außen gesehen (Imago Images/T. Frey)

Das Museum Ludwig in Koblenz - initiiert von und benannt nach dem Kunsthistoriker- und Industriellenpaar Peter und Irene Ludwig

Sie sind ja nicht nur Direktorin des Ludwig-Museums in Koblenz, sondern auch Präsidentin des Deutschen Nationalkomitees des Internationalen Museumsrates (ICOM). Inwiefern hat der Museumsrat Einfluss, das zu durchschauen, zu kontrollieren, zu helfen?   

Für uns ist es ein großes Anliegen, Museen den Rücken zu stärken, die sich davon bedroht fühlen. Wir sind Ansprechpartner, wenn solche Fälle drohen oder anstehen. Wir werden auf politischer Ebene immer wieder in den Gremien darauf hinwirken, dass es wichtig ist, diese kuratorische Freiheit - auch die Freiheit der Museen als wissenschaftliche und Bildungs-Institutionen - hochzuhalten und nicht anzutasten. Wir verweisen natürlich auf den ethischen Kodex, der schon lange gesetzt ist bei ICOM. Daraus kann man viel in der Argumentation gegenüber der öffentlichen Hand ziehen.

Es geht ja in der ganzen Diskussion nicht nur um Sponsoren, die übermäßigen Einfluss nehmen, sondern auch um Geldgeber, die per se unmoralisch handeln, wie etwa im Fall der Sackler-Familie, die das umstrittene Schmerzmittel herstellt. Oder Konzerne, die in dubiose Waffengeschäfte verwickelt sind. Da muss man ja auch genauer hinschauen.

Das ist ein wichtiger und guter Prozess, der da von der Künstlerin Nan Goldin losgetreten worden ist. Die Gesellschaft braucht so etwas, eine Schärfung des Bewusstseins, das kann ein Verband allein gar nicht leisten. Man muss gucken, von wem man Geld bekommt, und ich glaube, dass wir sehr leichtfertig und vielleicht auch sehr naiv und gutgläubig an manche Sponsoren herangehen und einen Pharmakonzern dann nicht hinterfragen. Wir sollten auch sehr bewusst hinterfragen, was bei großen Chemiekonzernen passiert, was bereiten die eigentlich auf? Wo zerstören sie ganz massiv unsere Umwelt? Denn wenn wir über Ethik und Moral oder nachhaltige Entwicklung reden, dann müssen wir auch selbst moralischer Gradmesser sein.

Die öffentlichen Museen stecken da allerdings in der Zwickmühle, wenn die Kommunen sie auffordern, woanders Geld zu bekommen. Sie sind ja in der Hand der Kommunen oder des Landes und des Bundes. Die Museen müssen aus dieser Schlinge rauskommen, dass Zuschüsse gestrichen werden, was dann bedeuten würde, entweder schließen oder noch mehr Sponsoring reinholen. Aber man sollte trotzdem prüfen, wer die Leute sind, die Geld gegeben haben und was sie gesellschaftlich verfolgen.

Nehmen Sie das als Organisation, als ICOM, auch in die Hand? Es könnte da ja Listen mit Namen geben.

Das würde ich als Anregung aufgreifen. Aber wir wollen das Ganze auch als Verband noch einmal thematisieren. Es könnte Schulungen oder Tagungen dazu geben, um zu gucken, wie wir damit umgehen wollen. Das Problem wird sich eher potenzieren, als dass es weniger wird.

Das Interview führte Gaby Reucher

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