Auf dem Prüfstand: Die Ausbildung zur Primaballerina | Kultur | DW | 28.06.2020
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Ballett in Deutschland

Auf dem Prüfstand: Die Ausbildung zur Primaballerina

Nach Skandalen an zwei Eliteschulen erzählen Profitänzer und -tänzerinnen, was sich an einer zeitgemäßen Ballett-Ausbildung ändern sollte.

Symbolbild - Beine von Balletttänzerinnen auf Spitzenschuhen (picture-alliance/dpa/R. Holschneider)

Training, Proben, Aufführungen: Zu lange Ausbildungstage lautete einer der Vorwürfe

Zwei Scheiben Knäckebrot, ein Paar hartgekochte Eier und Naturjoghurt - so sieht das Frühstück von Ballettschülern in der Jugend-Fantasyserie "Find me in Paris" (2018) aus. Jeff Chase, gespielt von Castle Rock, ist Eleve an der Pariser Oper und kommentiert das Mahl mit einer Portion Ironie. Es sei "nicht langweilig", aber auch "nicht ausgefallen" – ein "Klassiker" eben. Mit Szenen wie dieser zeigt die vom öffentlich-rechtlichen Sender ZDF koproduzierte Serie, was außer dem eigentlichen Training dazu gehört, um einmal den Traum eines Meistertänzers oder einer Primaballerina leben zu können. Es sind Entbehrungen in verschiedenen Bereichen des Lebens, die Ernährung ist nur eine davon. 

Heftige Vorwürfe gegen zwei renommierte Ballettschulen

Zwei Elite-Ausbildungsstätten – die Staatliche Ballettschule Berlin und Schule für Artistik (SBB) sowie die Ballettakademie der Wiener Staatsoper – haben jüngst mit Skandalen auf sich aufmerksam gemacht. Über eine möglicherweise strukturell begünstigte Kindeswohlgefährdung an den vorübergehend geschlossenen Schulen in Berlin und Wien hat auch die DW berichtet. An beiden Orten wurden Sonderkommissionen zur Prüfung eingesetzt. In Wien hat die Gruppe gemeinsam mit den vorgesehenen Direktionen bereits ein neues strategisches Gesamtkonzept erarbeitet, das sie am 29. Juni 2020 vorlegte.

In Berlin liegt erst ein Zwischenbericht der Expertenrunde vor, der allerdings die Vorwürfe gegen die Staatliche Ballettschule Berlin und Schule für Artistik (SBB) bestätigt. Zur Runde gehört eine unabhängige Clearingstelle, die im Frühjahr unter Federführung einer Psychologin und eines Bildungsexperten über 100 Gespräche mit Eltern, Schülern und Lehrern der Schule geführt hat. Konkret heißt es im Zwischenfazit: An der SBB habe ein "Klima der Angst" geherrscht, es habe physische wie psychische Gewaltausübung gegeben, emotionale Vernachlässigung und Vernachlässigung der Fürsorge- und Aufsichtspflicht, wie die  "Redaktion rbb24 Recherche" die Experten zitiert. Auch sexuelle Übergriffe werden erwähnt. Vergewaltigungen habe es indes nicht gegeben.

Absolventinnen der Stuttgarter Eliteschule im Gespräch mit der DW

Wie zwei Absolventinnen der renommierten Stuttgarter John Cranko Schule für klassischen Tanz ihre Zeit dort empfunden haben, erzählten Sie uns im Gespräch.

Mona-Patricia Hartmann führt eine auf einem Spitzenschuh stehende Ballettpose aus, genannt Arabesque (Mick Mazzei)

Nach der Schule direkt übernommen: Mona-Patricia Hartmann schaffte es ins Stuttgarter Ballett

Die eine ist Mona-Patricia Hartmann. Insgesamt sagt sie, habe sie auf der John Cranko Schule "sehr, sehr gute Erfahrungen gemacht". Bereits als Kind besuchte sie die Ballettklassen und, obwohl ihre Heimatstadt nur etwas über eine Autostunde von Stuttgart entfernt liegt, auch das angeschlossene Internat. Während einige ihrer Mitschülerinnen nach und nach andere Ziele verfolgten und dem Ballett den Rücken kehrten, bestand Hartmann Prüfung um Prüfung, absolvierte nebenbei auf einer Privatschule ihr Abitur und wurde direkt übernommen vom Stuttgarter Ballett. Ein Kindheitstraum war wahr geworden. Dabei sagt sie offen, dass der Besuch eines regulären Gymnasiums nicht mit ihrer Tanzausbildung kompatibel gewesen wäre.

Strenge, Tradition und Disziplin: Das muss man aushalten können

"Natürlich ist es ein Hochleistungssport, da muss man gewisse Leistungen erbringen, anders funktioniert das einfach nicht. Aber diese Härte wird benötigt, um überhaupt diese Reife zu bekommen", sagt Hartmann, die zur Zeit noch ein Studium absolviert, das nichts mit Tanzen zu tun hat. Wer das Ziel habe, Tänzer zu werden, der könne nicht "wie bei einer Hobbyschule" machen, "was er will" und beispielsweise "einfach mal nicht zu einem Training" kommen. Die zweite Absolventin, Tabitha Dombroski, ist nicht weniger diszipliniert. Mit ihren 20 Jahren hat sie bereits oft bewiesen, dass sie Ziele, die sie sich selbst gesteckt hat, erreichen kann. Beispielsweise hat sie sich schon einen Namen als Choreografin gemacht. Die Erlebnisse der Stuttgarter Zeit beschreibt sie zwar ähnlich, doch kam sie als Neuseeländerin auch bereits mit anderen schulischen Erfahrungen nach Deutschland.

Ballett | Choreografin Tabitha Dombroski nimmt im schwarzen Trikot eine tänzerische Pose ein (Karl Klaey )

Nicht nur klassisches Ballett: Tabitha Dombroski mag auch die zeitgenössische Variante

Dombroski tanzt, seit sie drei Jahre alt ist. Erst für die zweijährige Ausbildung zur staatlich geprüften Balletttänzerin an der Stuttgarter Schule verließ sie das australische Wellington. Dort hatte sie sich zunächst parallel zum regulären Schulbesuch, die letzten zwei Jahre in Vollzeit dem Ballett verschrieben. Die Stuttgarter Schule war eine von mehreren Schulen, an der sie vortanzte - ihrer Meinung nach "eine der besten Ballettschulen der Welt". Wie sie erklärt, werde dort nach der russischen Methode trainiert. Das sei gewesen, was sie gesucht habe.

Die Bestandteile der klassischen Ballettausbildung

"Russisches Training bedeutet, es geht zuallererst um die Technik", erklärt Dombroski. "Das war sehr hart. Die einfachsten Bewegungen müssen jedes Mal perfekt sein. Und die Lehrer sind sehr streng mit dir. Sie lassen dir nichts durchgehen." Sie machten das jedoch nicht in böser Absicht, sondern weil sie sich um ihre Tänzer sorgten: "Wirklich, sie versetzen dich an deine Grenze. Abends verlässt du die Schule vollkommen erledigt und müde." Im DW-Interview hat sie erzählt, wie so ein Tag für sie konkret aussah. Zu lang, wie einer der Vorwürfe gegen die Berliner Schule lautete, seien sie nicht gewesen - obwohl sie noch nachts choreografierte.

Die russische Methode basiert auf dem Lehrsystem nach Agrippina J. Waganowa und ist Grundlage der Ausbildung an den Staatlichen Schulen in Deutschland. Ballett nach Waganowa zu lehren und zu lernen, meint Bewegungen in höchstem Maße musikalisch auszuführen, den eigenen Körper zu beherrschen und die Stunden nach einem wiederkehrenden Schema zu gestalten: auf die Übungen an der Stange folgen die in der Mitte des Saales, nach einer langsamen Einheit (adagio), folgt der zügige Part (allegro) und gegebenenfalls zuletzt jener auf Spitzenschuhen.

Vom Ideal des perfekten Körpers wegkommen

Das Training stelle nicht nur sicher, dass "du sehr fit bist", sondern auch, dass du "aussiehst wie eine Ballerina", erklärt Dombroski. Mag sein, dass es von Waganowa nicht intendiert war, als sie die wichtigen Bestandteile des klassischen Tanzes in ihren Lehrbüchern definierte, doch gehört gerade zum Bild der klassischen Ballerina, ein perfekt proportionierter, schlanker Körper. Hebefiguren im Pas de Deux (Tanz zu Zweit), so die gelegentliche Erklärung, wären so einfacher für die männlichen Tänzer. An den in der Kritik stehenden Schulen von Berlin und Wien sollen Bemerkungen über das Körpergewicht dazu geführt haben, dass Schülerinnen und Schüler Essstörungen entwickelt haben - bis hin zu Magersucht und Bulimie.

Gerard Charles, künstlerischer Direktor der Royal Academy of Dance (RAD), sieht genau in diesem typischen "Body Image" das Problem. "Wir unterrichten nicht, wie man seinen Körper formt, wir unterrichten Tanz", sagt er gegenüber der DW. Würde man viele der weltbesten Tänzer analysieren, wären nur wenige dabei, deren Körper der Idealform entsprächen. "Aber es sind großartige Künstler und das ist das wichtige."

Royal Academy of Dance: Verbindlicher Verhaltenskodex für Lehrer

Gerard Charles im Ballettsaal mit Schülern der Royal Academy of Dance (RAD) (Perluigi B Abbondanza)

Gerard Charles: Der künstlerische Direktor fordert ethische Verhaltensweisen von Ballettlehrern

Der Hauptsitz der RAD liegt mit ihrer bekannten Ausbildungsstätte zwar in London, doch nach dem organisationseigenen Lehrplan unterrichten Personen in mehr als 75 Ländern. 1920 kamen verschiedene länderspezifische Einflüsse, auch der russische, in der inzwischen weiterentwickelten RAD-Methode zusammen. In Deutschland gibt es 273 "RAD Registrierte Lehrer und Lehrerinnen". Es sind Lehrer, die vor allem an privaten, teils eigenen Ballettschulen arbeiten. Als Mitglieder können sie Aus- und Fortbildungen besuchen und als "RAD Registrierte Lehrer" Schüler zu Examen anmelden. Außerdem verschreiben sie sich dem "Code of Professional Practice for Teachers" der RAD.

Danach unterrichtet heute auch Soraya Bruno, die lange Jahre in der Kompanie des Berliner Staatsballetts war, für das sie eine Abteilung mitgegründet hat, die sich um medizinisch-psychologische Belange der Tänzer kümmert. Sie glaubt, es sei an der Zeit, traditionelle Lehrmethoden im Ballett zu hinterfragen und die Bedürfnisse der Schüler stärker in den Blick zu nehmen. Wie Charles findet auch sie, dass die Anforderungen an Tänzer heute größer seien denn je.

Was könnte die Ausbildung an Staatlichen Ballettschulen verbessern?

Mit dem RAD-Kodex soll der höchste Standard in der weltweiten Tanzerziehung gesetzt werden. Darin beschrieben ist, was von den Lehrern erwartet wird und wie ein internes Beschwerdeverfahren bei Nichteinhaltung aussieht. Beispielsweise sollen die Lehrer die Schüler motivieren, inspirieren und zugleich herausfordern. Gerard Charles erklärt, es sei so viel hilfreicher, die Schüler zu loben, wenn sie es verdient hätten, anstatt destruktive Kommentare zu äußern. Das hört sich anders an als das, was teilweise über die Vorgehensweisen in Berlin und Wien zu lesen war. Tabitha Dombroski glaubt, ein Verhaltenskodex wäre auch für die Staatlichen Schulen eine gute Sache. 

Eine Tänzerin vom weißrussischen Bolschoi Ballett führt in der Rolle des schwarzen Schwans in Schwanensee einen Spagatsprung aus (picture-alliance/dpa/C. Lademann)

Die Rolle des schwarzen Schwans im Ballett Schwanensee gilt als eine der herausforderndsten überhaupt

Wichtig sei, so RAD-Direktor Charles, dass die Schüler eine mentale Stärke entwickelten, um sich aktiv in ihren Lernprozess einbringen zu können: "Wir möchten keine Leute haben, die nur Regeln befolgen." Dombroski brachte diese Stärke bereits mit. Ihr sei klar gewesen, dass sie ein Gespür dafür benötigen würde, wann etwas zu viel für sie sei, wann sie Pausen brauche. Auch helfen ihr Yoga und Achtsamkeitsübungen, tänzerische Herausforderungen zu meistern. Vor allem jüngere Schüler brächten die notwendige Stärke jedoch oftmals nicht mit, wenn sie unbegleitet an eine der deutschen Eliteschulen kämen. Aus Neuseeland kannte sie Instanzen, die die Gesundheit der Schüler überblicken. In Stuttgart habe eine solche Einrichtung gefehlt.

Im Skandal um die Wiener Akademie war genau das einer der Kritikpunkte. Dass eine medizinisch-therapeutische Versorgung gegeben ist, soll jetzt von einem Kinderschutzbeauftragten beaufsichtigt werden, wenn es dort unter neuer Leitung weitergeht. Und in Berlin? Dass die "hochspezialisierte Schule" erhalten bleiben soll, ist Anliegen der zuständigen Senatsverwaltung. Derzeit werden Konzepte erarbeitet, wie das gelingen kann - denn eines steht fest: Das Kindeswohl muss besser geschützt werden.

Dies ist eine aktualisierte Version des Artikels. 

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