Börsenstart geglückt, Zukunft ungewiss | Wirtschaft | DW | 07.11.2013
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Wirtschaft

Börsenstart geglückt, Zukunft ungewiss

Jubel bei Twitter: Die Aktien legten bei der Erstnotierung kräftig zu. Jetzt aber warten die Probleme: rote Zahlen, wenig neue Nutzer. Der Aktie könnte eine Berg- und Talfahrt bevorstehen.

Seit diesem Donnerstag (07.11.2013) ist der Kurznachrichtendienst Twitter an der Wallstreet notiert. Ein Börsentart wie aus dem Bilderbuch: Der erste Kurs lag bei 45,10 Dollar und bescherte den Erstzeichnern der Aktie damit einen kräftigen Gewinn: Verkauft worden sind die 70 Millionen Aktien zu einem Preis von je 26 Dollar. Das heißt allerdings auch: Die Erwartungen an Twitter sind hoch. Ob das Unternehmen da mithalten und entsprechende Gewinne in Aussicht stellen kann, ist mehr als fraglich.

Facebook an der Börse. (Foto: Sven Hoppe/dpa)

Erst Hype, dann Flop, dann top: die Facebook-Aktie

Schon Mitte September zwitscherte Twitter den Börsengang - 140 Zeichen, die einschlugen. Das von Dick Costolo geführte Unternehmen hat derzeit monatlich rund 230 Millionen aktive Nutzer, die allerdings nicht täglich zugreifen. Zum Vergleich: Über eine Milliarde Menschen haben Facebook-Profile, und die meisten rufen ihr Konto jeden Tag auf. Anders als Facebook schreibt Twitter derzeit rote Zahlen - was die Firma mit den hohen technischen Investitionen rechtfertigt, die sich in den kommenden Jahren amortisieren sollen.

Gesättigter Markt für Twitter?

Journalist und Blogger Holger Schmidt. (Foto: privat.)

"Ich würde keine Twitter-Aktien kaufen", meint Blogger Schmidt

"Generell ist dieser Börsengang sehr gut, da hier erneut eine Technologiefirma zu einem wirklichen Unternehmen wird", sagt Frank Horn von der digitalen Strategieberatung Kpunktnull im DW-Interview.

"Ich würde keine Twitter-Aktien kaufen", widerspricht ihm Blogger und Wirtschaftsjournalist Holger Schmidt. Denn meist erleben die Kurse von Internet-Firmen nach der Erstemission eine regelrechte Berg- und Talfahrt - und die von Twitter könnte besonders rasant ausfallen, glaubt Schmidt: "Twitter hat ein Wachstumsproblem. Viele der Kernnutzer - also die, die an Informationen interessiert sind - sind dort längst aktiv."

Der Markt sei nahezu gesättigt, "es kommen nicht mehr so viele Nutzer nach, wie Twitter sich das wünscht", und wenn, dann eher passive, "die höchstens mal bei einer Fernsehsendung mittwittern". Zudem drohe internationale Konkurrenz von sogenannten Messaging- und Chat-Netzwerken: Whatsapp (350 Millionen Nutzer monatlich) im westlichen Raum oder Lion (280 Millionen) in den asiatischen Ländern sind jetzt schon populärer als Nachrichtendienste wie Twitter.

Linked-In - Sensationserfolg mit Sogwirkung

Einziges Plus: das Timing. Internetfirmen liegen im (Börsen)-Trend: "Seit über einem Jahr steigen Internetaktien", so Schmidt, "Facebook, Google, Amazon, Linked-In liegen alle auf Allzeithoch. Insofern hat Twitter den Zeitpunkt sehr gut ausgesucht."

Vor zwei Jahren war das weltgrößte Karrierenetzwerk Linked-In an die Börse gegangen, und die Aktien gingen sofort weg wie warme Brötchen. Bis heute hat sich ihr Wert verfünffacht. Die auf Empfehlungen für Restaurants, Geschäfte und ähnliche Einrichtungen spezialisierte Webseite Yelp verzeichnet seit 2012 ähnliche Zuwächse: Am ersten Tag lag die Aktie bei 15 Dollar, heute bei 70 Dollar. Das Internetradio Pandora gab Aktien mit einem Wert von 16 Dollar aus - die heute immerhin 26 Dollar wert sind.

Ahnungslose Investoren verderben die Kurse

Oft genug geht die Rechnung allerdings daneben: "Bei emotionalen Börsengängen wie bei Internetgeschichten spielen viele ahnungslose Investoren mit", so Dirk Müller im Gespräch mit der DW. Und das mache die Kurse selten stabiler, sagt der Autor des Buches "Cashkurs".

Ein Negativ-Beispiel ist Groupon: Die Aktie der Schnäppchen-Webseite, die 2011 mit 20 Dollar an den Start ging, ist heute nur noch die Hälfte wert. Auch der Onlinespiele-Anbieter Zynga verbrannte sich die Finger: Am Ausgabetag lag der Aktienwert bei zehn Euro, heute bei rund einem Drittel.

Facebook - erst Flop, dann Stabilisierung

Handydisply mit Twitter-Vogel vor Börsenkursen. (Foto: Marius Becker/dpa)

Börsengang mit Vorab-Prüfung der Anleger-Interessen: der Nachrichtendienst Twitter

Mit einem Volumen von 16 Milliarden Dollar vollzog Facebook 2012 den größten Börsengang der Internetgeschichte. Anfangs war eine Spanne von 28 bis 35 Dollar pro Aktie im Gespräch, dann wurde der Ausgabepreis kurzfristig auf 38 Dollar erhöht. Dann machte sich Ernüchterung breit, und der Aktienkurs fiel in den Keller.

"Facebook war damals mit knapp 100 Milliarden bewertet und wollte 16 Milliarden einsammeln. Twitter liegt jetzt bei rund 14 Milliarden, will aber auch nur zwei Milliarden einsammeln", meint Blogger Schmidt. "Der Größenunterschied ist gerechtfertigt, weil das Unternehmen kleiner ist, weniger Umsatz macht und auch noch keine schwarzen Zahlen schreibt."

Erst über ein Jahr später hatte sich die Facebook-Aktie erholt und erreichte einen Höchststand von 45 Dollar - womit der Börsenwert von Facebook bei 109 Milliarden Dollar lag, also über dem Ursprungswert bei Emission (104 Milliarden Dollar). "Trotzdem geistert immer noch durch die Presse, das sei eine Katastrophe gewesen", so Strategieberater Horn. "Das muss man allerdings differenzieren: Am ersten Handelstag gab es technische Schwierigkeiten, das war eine Katastrophe für die Technologiebörse Nasdaq. Eine Katastrophe war es auch für die Anleger, die zum Einstiegspreis gekauft und dann sofort weiterverkauft haben. Für Facebook war der Börsengang aus heutiger Sicht ein Gewinn."

Um zumindest ein ähnliches technisches Desaster zu vermeiden, hat Twitter für seinen Börsengang auch nicht den Nasdaq gewählt, sondern die Wallstreet. Eine Rechnung, die offenbar erstmal aufgegangen ist - mit dem gelungenen Einstieg könnte Twitter unter die Top-10 der weltweit wichtigsten Internetkonzerne vorrücken.

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