Australiens zögerliche Reaktion auf die Corona-Krise | Lebensart | DW | 01.04.2020
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Lifestyle

Australiens zögerliche Reaktion auf die Corona-Krise

Wegen der Corona-Krise kehrte der Australier Sean Goodwin überstürzt aus Deutschland in seine Heimat zurück. Statt auf social distance traf er dort auf das pralle Leben. Woher kommt die Gelassenheit seiner Landsleute?

Wie viele ausländische Reisende habe auch ich vor kurzem einen Notfallflug nach Hause angetreten. Ich verließ Deutschland inmitten der Corona-Krise, kam in Australien an und fragte mich, ob ich in einer völlig anderen Realität gelandet war. Die belebten Straßen von Sydney kamen mir unheimlich vor - angesichts der leeren Stadtzentren und ernsten Gespräche über Bürgerpflichten und Solidarität, die ich in Deutschland erlebt hatte.

Erst in dieser Woche hat die australische Regierung strikte Regelungen zur Reduzierung sozialer Kontaktebeschlossen. Seit Dienstag (31.03.2020) dürfen Bürgerinnen und Bürger in New South Wales (einschließlich Sydney) ihre Wohnungen nur noch aus wichtigen Gründen verlassen. Die neuseeländische Regierung hingegen hat trotz proportional weniger Corona-Fälle bereits vergangenen Donnerstag (26.03.20209) eine vollständige Ausgangssperre verordnet. 

Belebter Bondi Beach in Sydney (Reuters/L. Elliott)

Der beliebte Bondi-Beach in Sydney im März 2020

Aber nicht nur die Regierung passt sich zögerlich an die Krise an. Noch vor etwa zwei Wochen tummelten sich an Sydneys beliebten Bondi Beach mehr als 500 Menschen und ignorierten völlig das Versammlungs-Verbot. In den vergangenen Tagen musste die Polizei auch mehrmals größere Grillfeste in privaten Gärten auflösen. 

Woher kommt diese Gelassenheit?

Von den jüngsten Buschbränden abgesehen blieben die Australier in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend von internationalen Krisen verschont. Das Land registriert das weltweit langanhaltendste Wirtschaftswachstum seiner Geschichte, das auf reichhaltigen natürlichen Ressourcen und auch strategischen Beziehungen zu China, den USA und Europa basiert.

Wir Australier haben das starke Gefühl, dass unser Inselstaat in gewisser Weise von den Problemen der Welt isoliert ist. Unser Kontinent hat die globale Finanzkrise im Jahr 2008 gut überstanden und eine Rezession vermieden. Und bis auf die Enteignung unserer indigenen Bevölkerung hat es nie einen Krieg auf australischem Boden gegeben.

Alles wird gut… wirklich alles?

Wenn Australier mit einem Dilemma konfrontiert werden, lautet die Devise häufig: "Alles wird gut". Jetzt aber ist nicht klar, ob die demonstrative Gelassenheit gegenüber der weltweiten Corona-Pandemie unser Untergang sein wird oder ob wir einmal mehr Glück haben werden.

Australien | Sean Goodwin - DW Praktikant Sean Goodwin (Alyssa Herr )

Sean Goodwin war Praktikant der DW und ist jetzt in Quarantäne in Australien

Dem pensionierten Professor für australische Geschichte und Autor des Buches "Inventing Australia", Richard White, zufolge, sei Australien schon immer "das glückliche Land" gewesen. "Alles begann damit, dass man den indigenen Eigentümern ihr Land wegnehmen und davon profitieren konnte. Daraus entstand die Idee, dass die Dinge schon gut ausgehen würden."

White erklärt, dass die Reaktion der Regierung auf die Corona-Krise ein Beispiel für diese extrem optimistische Mentalität sei: "Ich vermute, dass die 'alles wird gut'-Karte von der Regierung gespielt wird." Während die Regierung mit Blick auf die Corona-Pandemie Gelassenheit demonstriert, besteht eine weitere Gefahr in der australischen Kultur des "larrikinism" (zu Deutsch: Rowdytum), das die Bevölkerung an den Tag legt, indem sie Konventionen konsequent missachtet.

Rowdys als kulturelle Ikonen

Die postkoloniale australische Kultur hat Figuren ikonisiert, die sich über Gefahr und Autorität hinwegsetzen. Gesetzlose, Rowdys und Abtrünnige wie der berühmte Bushranger Ned Kelly (1855-1880), die Viehzüchter in den Gedichten von Banjo Paterson und der diebische Herumtreiber aus der australischen Volkshymne "Waltzing Matilda" sind verehrte Ikonen, die dieses Ideal verkörpern.

Zudem ist auch der australische Humor ausgesprochen respektlos. Die Comedians Barry Humphries, Paul Hogan und Chris Lilley vertreten beispielhaft die Haltung, dass keine Situation, keine Status- und Autoritätssymbole von der Lächerlichkeit ausgenommen oder zu ernst genommen werden sollten.

Australien Sydney Ausgangsbeschränkung Coronavirus (Getty Images/B. Thorne)

Ausgangsbeschränkungen wurden nur zögerlich angenommen

Kommt Australien nochmal glücklich davon?

Trotz der relativ lässigen Haltung, so scheint es, könnte Australien ein weiteres Mal mit ein paar Kratzern davonkommen, während andere Länder unermesslich leiden. Aufgrund der Nähe zu China und der großen chinesisch-australischen Bevölkerung war das Land eines der ersten, das frühzeitig Fälle des neuartigen Coronavirus entdeckt hat. Die Ausbreitung beschleunigte sich erst im März 2020, als die tägliche Wachstumsrate 30 Prozent erreichte. 

Inzwischen ist sie aber wieder auf nur neun Prozent gesunken. Dieser Rückgang sollte jedoch nicht als Bestätigung für die Wirksamkeit der zögerlichen Distanzierungspolitik des Landes verstanden werden. Nachdem die Regierung alle Australier zur Rückkehr in ihre Heimat aufgefordert hatte, gab es einen Zustrom von importierten Corona-Fällen.

Der hat sich nun verlangsamt, da die meisten Staatsangehörigen zurückgekehrt sind und die Flugverbindungen eingeschränkt wurden. Die Zunahme der im Inland übertragenen Infektionen ist schwer einzuschätzen, insbesondere aufgrund der begrenzt vorhandenen Tests.

Australien Sydney Ausgangsbeschränkung Coronavirus (Getty Images/P. Parks)

Inzwischen ist der Verkehr in Großstädten wie Sydney zum Erliegen gekommen

Straßenverkehr reduziert sich allmählich

Geschichtsprofessor Richard White sagt, es sei schwierig, die gesamte Bevölkerung über einen Kamm zu scheren: "Es gibt Leute, die sich frech über die Regeln hinwegsetzen, und es gibt andere, die wirklich die Schotten dicht machen."

Wenn ich während der verordneten Quarantäne aus dem Fenster meiner Wohnung schaue, stelle ich fest, dass das Verkehrsaufkommen in Sydney zwar nach wie vor hoch ist, aber jeden Tag ein paar weniger Autos unterwegs sind. Schwer zu sagen, ob das reicht. Oder ob die Worte "alles wird gut" in den kommenden Monaten doch mit Bedauern erfüllt sein werden.

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