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Ausländerkriminalität: Ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen?

15. April 2026

Begehen Menschen ohne deutschen Pass mehr Straftaten? Statistiken legen das nahe. Aber Zahlen allein sind irreführend. Eine Expertin erklärt, warum.

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Die auf dem Rücken zusammengeführten Hände einer nicht weiter erkennbaren Person sind mit Handschellen gefesselt. Im Hintergrund steht unscharf zu erkennen ein Polizei-Fahrzeug.
Die Zahl nicht-deutscher Tatverdächtiger ist mehr als doppelt so hoch wie ihr Anteil an der GesamtbevölkerungBild: K. Schmitt/Fotostand/picture alliance

Susann Prätor ist Soziologin, Psychologin und Rechtswissenschaftlerin. Wenn sie über Kriminalität redet und schreibt, fließen diese unterschiedlichen Perspektiven in ihre Analysen ein. Schon deshalb hat die Wissenschaftlerin ein eher distanziertes Verhältnis zur Polizeilichen Kriminalitätsstatistik (PKS), deren aktuelle Ausgabe in Kürze vom Bundeskriminalamt (BKA) veröffentlicht werden soll.

Mehr als ein Drittel der Tatverdächtigen hat keinen deutschen Pass 

Die Anzahl nicht-deutscher Tatverdächtiger bei so unterschiedlichen Delikten wie Diebstahl, Einbruch und Gewaltverbrechen lag zuletzt bei 35,4 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung. In der PKS dominieren jedoch Zahlen, die aus Prätors Sicht oft der sprichwörtliche Vergleich von Äpfeln mit Birnen sind - einfach zu verschieden.

Die Professorin von der Polizeiakademie Niedersachsen verweist bei einem Pressegespräch des in Berlin ansässigen Mediendienstes Integration beispielhaft auf die unterschiedliche Altersstruktur und das Geschlecht. Beides spielt unabhängig von der Herkunft bei Kriminalität eine große Rolle, denn die Zahl der jungen und männlichen Tatverdächtigen ist seit jeher überproportional hoch. Für die Interpretation von Statistiken hält Prätor solche Faktoren für sehr relevant.

Junge Männer sind weltweit besonders kriminell

"Nicht-Deutsche sind im Schnitt deutlich jünger als Deutsche", sagt die Expertin und fügt hinzu: "Junge Männer sind nicht nur in Deutschland, sondern weltweit eine Personengruppe, die sehr häufig durch kriminelles Verhalten in Erscheinung tritt."

Auch das sogenannte Anzeigeverhalten beeinflusst offenbar Kriminalitätsstatistiken. "Es gibt Studien, dass Menschen, die als fremd wahrgenommen werden, mit größerer Wahrscheinlichkeit angezeigt werden", betont Prätor.

Einer Untersuchung des Kriminologischen Instituts Niedersachsen aus dem Jahr 2024 zufolge wurden nicht-deutsche Personen fast dreimal so oft wie Deutsche angezeigt.  

Plädoyer für mehr Dunkelfeld-Studien

Mehr Klarheit über die Hintergründe und Ursachen von Kriminalität verspricht sich die Wissenschaftlerin von sogenannten Dunkelfeld-Studien. Dabei werden möglichst viele Menschen nach dem Zufallsprinzip zu ihren Erfahrungen mit Kriminalität befragt. Auf diese Weise lassen sich zusätzlich Erkenntnisse über nicht angezeigte Straftaten gewinnen. Also Delikte, die in keiner Statistik auftauchen.

Wie hat Migration Deutschland verändert?

Susann Prätor erklärt das Prinzip: "Ich kann nach Migrationshintergrund fragen. Ich kann auch nach Ursachen fragen. Und ich habe nicht das Problem, nur die Kriminalität zu sehen, die offiziell in Erscheinung getreten ist." Der Vorteil solcher Befragungen sowohl von Opfern als auch Tätern liege darin, viel mehr differenzieren zu können.

Wie und wo entsteht Kriminalität?

Bei Jugendlichen gebe es schon gute Dunkelfeld-Studien, sagt Prätor. "Sie zeigen, dass die Lebensbedingungen von Migranten im Vergleich mit Deutschen sehr unterschiedlich sind." Dazu gehören demnach bei manchen elterliche Gewalt, geringere Schuldbildung, kriminelle Freundeskreise und die Betonung von Männlichkeit.

Fremde im eigenen Land

Auch ein tieferer Blick auf die Herkunft tatverdächtiger Personen lässt erahnen, wie komplex die sogenannte Ausländerkriminalität ist. Im Jahr 2024 stammten knapp 13 Prozent aus der Ukraine. Im Verhältnis zum Anteil der in Deutschland lebenden ukrainischen Geflüchteten (35,7 Prozent) ist das eine auffällig kleine Zahl, wenn man sie mit anderen Ländern vergleicht.

Warum stammen so viele Tatverdächtige aus Nordafrika?

Bei Menschen aus Algerien, Marokko, Tunesien und Georgien sind die Proportionen umgekehrt: Jeweils rund drei Prozent der Tatverdächtigen stammen aus diesen Ländern, aber nur weniger als ein Prozent der in Deutschland registrierten Geflüchteten. Sind Nordafrikaner und Georgier also krimineller als Ukrainer oder Deutsche?     

Auch hier hilft ein präziser Blick auf die hinter den Zahlen steckenden Faktoren: Der relativ geringe Anteil von tatverdächtigen Ukrainern könnte an der demografischen Zusammensetzung in Deutschland liegen: 63 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge aus diesem Land sind Frauen.

Bei Asylsuchenden aus den nordafrikanischen Staaten sind hingegen zwischen 74 und 82 Prozent Männer. Und deren Anteil an der Gesamtkriminalität ist unabhängig vom Geburtsland und dem Pass immer deutlich höher als der von Frauen.

Deutsche Welle Marcel Fürstenau Kommentarbild ohne Mikrofon
Marcel Fürstenau Autor und Reporter für Politik & Zeitgeschichte - Schwerpunkt: Deutschland
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