Ausbildung: Alt hilft Jung | Wirtschaft | DW | 08.10.2018
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Seniorexperten

Ausbildung: Alt hilft Jung

Seniorenexperten sollen verhindern, dass Jugendliche ihre Ausbildung abbrechen. Der Bedarf wächst rasant, weil Betriebe auch Jugendliche mit schlechten Schulabschlüssen und Geflüchtete in die Ausbildung aufnehmen.

Was sind Erneuerbare Energien? "Benzin, weil man den Tank immer wieder nachfüllen muss?", überlegt Max Saido (Name geändert). Alles andere als erneuerbar, erklärt Wilhelm Schlegel den drei Azubis der Kölner Firma Lohmar: Der Kraftstoff wird aus Erdöl gemacht und dessen Reserven sind endlich. Schlegel hat ein Diagramm des deutschen Strommixes und einen Artikel in einfacher Sprache über die Kohlekraftwerke und den Hambacher Forst mitgebracht. Dann hilft er Saido, die Skizze eines Kraftwerks an der Tafel zu malen (Artikelbild).

Der pensionierte Bauingenieur betreut die angehenden Anlagemechaniker ehrenamtlich. Er ist einer der rund 13.000 Experten im Pool des Seniorenexperten-Services (SES). Die Bonner Stiftung nutzt das Knowhow der Ruheständler für Einsätze im In- und Ausland.

Der am schnellsten wachsende SES-Bereich ist die Initiative VerA (Verhinderung von Ausbildungsabbruch). Seit ihrem Start vor 12 Jahren hat sie rund 10.000 Jugendliche unterstützt, mehr als 4400 allein im vergangenen Jahr. Arbeitgeber können sich an VerA wenden, aber auch Berufsschulen, Eltern oder Flüchtlingsbetreuer.

Unter Stress fehlen die Worte

Lohmar, ein Handwerksbetrieb für Heizung, Sanitär und Klimatechnik, hat es getan. "Wir haben einen Azubi aus Serbien. Er konnte zwar relativ gut Deutsch, aber wir wollten ihn ein bisschen mehr fördern, damit er vom Anfang an alles versteht und Anschluss in der Berufsschule findet", sagt Patrick Lohmar, zuständig für Personalfragen im Familienunternehmen.

Weitere zwei bis vier der 14 Azubis der Firma setzen sich seitdem freitagnachmittags mit Seniorexperte Schlegel zusammen. Die Jungs kommen freiwillig, es ist ihre Freizeit. "Ich hatte ein paar unschöne Noten auf dem letzten Zeugnis", erzählt Max Saido, jetzt laufe es besser.

Deutschland Firma Lohmar - Seniorenexperte (Matilda Jordanova-Duda)

Seniorexperte Schlegel (3.v.l.) mit Auszubildenden sowie Michael (3.v.r.) und Patrick Lohmar (l.) vom Ausbildungsbetrieb

Saido stammt aus dem westafrikanischen Gambia und hat in Deutschland den Hauptschulabschluss gemacht. Der Serbe Aladin Arifovic hat zwar die Zwischenprüfung schon mit Bravour geschafft, will aber mehr Sicherheit beim Deutschsprechen gewinnen. Fach- und Kundengespräche seien noch schwierig, unter Stress findet er keine Worte. Kevin Husch, obwohl Muttersprachler, kann auch ein wenig Nachhilfe gebrauchen.

Fragen stellen, verschiedene Infoquellen suchen, nach Augenmaß vorgehen: Schlegel will ihnen all das beibringen. Es geht um aktuelle Themen, aber auch um Rechtschreibung oder Rechnen. Kann eine gedämmte Wand fünf Meter dick sein? "Sie lernen, am Ergebnis zu erkennen, ob die Rechnung plausibel ist", sagt Schlegel.

"Manche kapitulieren bei der Prüfung, obwohl sie keine schlechten Fachleute sind", weiß Meister Stefan Lohmar. "Aber sie haben ein Problem damit, Texte zu lesen, zu begreifen und schriftlich eine Antwort zu geben." Sei es, weil ihre Deutschkenntnisse lückenhaft sind, sei es, weil sie das in der Schule nicht gelernt haben.

Weniger Azubis, intensivere Betreuung

Früher waren die Bewerber zahlreich, Firmen konnten sich die Besten herauspicken. Diese Zeiten sind vorbei. Betriebe, Praxen und Verwaltungen konnten zuletzt 48.900 Ausbildungsplätze nicht besetzen: fast dreimal so viel wie im Jahr 2009, zeigt der Datenreport 2018 des Bundesinstituts für Berufsbildung.

Gerade Handwerker und mittelständische Industrieunternehmen finden kaum Nachwuchs. "Wir lehnen schon Aufträge ab, weil wir keine Leute haben. Wir könnten von jetzt auf gleich locker 20 Mitarbeiter einstellen", so Patrick Lohmar.

Umso wichtiger ist, dass die Azubis die anspruchsvolle Ausbildung schaffen, auch wenn eine intensivere Betreuung dafür notwendig ist: "Wir machen mehr als andere Betriebe, natürlich auch aus Eigennutz", sagt Lohmar.

Wilhelm Schlegel freut sich, dass "seine" Lehrlinge Fortschritte machen, weil ihnen der Beruf gefällt und sie auf der Baustelle richtig mit anpacken. Die Arbeit mit jungen Menschen liegt ihm: "Ich habe früher als Ingenieur hin und wieder an Schulen unterrichtet und Führungen durch das Unternehmen gemacht".

Weil er sich im Ruhestand nicht langweilen und seine Kenntnisse einbringen wollte, meldete er sich vor drei Jahren beim SES. Als Seniorenexperte kann er sich seine Schützlinge aussuchen und so viele betreuen, wie es ihm passt. Die Stiftung sucht noch mehr Fachleute aus Handwerk, Technik und Gesundheitswesen, um die Nachfrage zu decken. Fremdsprachenkenntnisse und Erfahrungen im dualen Ausbildungswesen sind dabei hilfreich.

Klassenlehrer und Behördengänge

Rüdiger Packmohr war Gymnasiallehrer für Mathe und Physik. Einige Jahre arbeitete er als Entwicklungshelfer in Afrika. Vor einigen Monaten war er für den SES in einer Schule in Malawi, im nächsten Jahr geht es vielleicht nach Tansania.

Afrika Malawi - Rüdiger Packmohr (privat)

Rüdiger Packmohr beim Unterricht im südostafrikanischen Malawi

Gerade kümmert sich Packmohr um den Azubi Serafou Barry beim Meisterbetrieb Elektro-Rex in nordrhein-westfälischen Overath.

Der 30jährige Flüchtling aus Guinea habe in der Heimat bereits als Elektriker gearbeitet. "Man merkt, dass er Ahnung hat, aber die Fachsprache ist noch ein Problem", sagt der Mentor. Die beiden treffen sich einmal pro Woche in einem leeren Klassenzimmer und gehen die Hausaufgaben durch, die Tests und was sonst noch ansteht.

Zum Meister hat Packmohr einen kurzen Draht. Bei Bedarf würde er auch zu Behördengängen mitgehen, denn ein deutscher Begleiter verleiht dem Anliegen nun mal mehr Nachdruck.

Vor kurzem habe sein Zögling die Berufsschule gewechselt: "Ich habe mit seinem Klassenlehrer gesprochen, damit er weiß, dass sich jemand kümmert, und er sich notfalls an mich wenden kann".

Bis zum Gesellenbrief dauert es knapp drei Jahre: Solange will der Seniorenexperte Barry zur Seite stehen. "Und wenn etwas schief läuft, dann geht es eben in die Verlängerung", sagt Packmohr.

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