Aus für John Cryan als Deutsche Bank-Chef? | Wirtschaft | DW | 27.03.2018
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Finanzbranche

Aus für John Cryan als Deutsche Bank-Chef?

Die Aktie auf Talfahrt, die Stimmung bei den Führungskräften im Keller, und nun wird es womöglich eng für Konzernchef John Cryan. Nach einem Medienbericht sucht die Bank Ersatz für den glücklosen Briten.

Bilanz Deutsche Bank (Reuters/R. Orlowski)

Überschaubarer Erfolg: John Cryan, seit Juli 2015 Chef der Deutschen Bank

Die krisengeschüttelte Deutsche Bank sucht einem Bericht der britischen Zeitung "Times" zufolge einen Ersatz für Konzernchef John Cryan. Wegen der anhaltend schlechten Geschäfte bei Deutschlands größtem Geldhaus gebe es eine Auseinandersetzung zwischen dem 57-jährigen Briten und Aufsichtsratschef Paul Achleitner über die Strategie der Bank, berichtete die "Times" am Dienstag auf ihrer Webseite. "Es ist klar, dass das Verhältnis zwischen dem Vorstandschef und dem Aufsichtsratschef zerbrochen ist", zitiert die Zeitung einen Insider. Als möglichen Nachfolger habe die Deutsche Bank Goldman-Sachs-Vize-Chairman Richard Gnodde angesprochen, berichtete die Zeitung. Gnodde habe allerdings wohl abgelehnt. Die Deutsche Bank war zunächst für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

"Unfähigste Firma überhaupt"

Damit erreicht die Krise bei Deutschlands größtem Geldhaus einen neuen Tiefpunkt. Von Aufbruchsstimmung ist im Vorstand der Deutschen Bank schon länger offenbar wenig zu spüren. In der vergangenen Woche schockierte der Finanzvorstand der Bank, James von Moltke, Investoren auf einer Tagung mit dem Hinweis, die Investmentbank werde  im ersten Quartal 450 Millionen Euro weniger an Erträgen erwirtschaften als ein Jahr zuvor. Jetzt wurde bekannt, dass Kim Hammonds, im Vorstand für die IT verantwortlich, ihren Arbeitgeber auf einer Führungskräftetagung "die unfähigste Firma überhaupt" genannt hat, in der sie jemals gearbeitet habe. Diese Äußerung kommentiert die Bank zwar nicht, sie dementiert sie aber auch nicht. Auch Kim Hammonds stritt sie in einem Interview mit dem 'Handelsblatt' vom Montag nicht ab. Sie versuchte jedoch mit einem Hinweis auf die Fortschritte, die man inzwischen bei der IT gemacht habe, die Äußerungen etwas zu entschärfen.

Deutschland Kim Hammonds, Vorstand der Deutschen Bank (imago/photothek/M. Gottschalk)

Redet sich um Kopf und Kragen: Deutsche Bank-Vorstandsmitglied Kim Hammonds

Ein "gescheitertes Institut"?

Die Anleger an den Märkten hat das offenbar noch nicht überzeugt. War der Aktienkurs zwischen Mittwoch und Freitag vergangener Woche schon um elf Prozent abgerutscht, erholte sich das Papier gestern Morgen zwar kurz, sackte dann weiter ab in Richtung elf Euro. Einige Analysten rechnen sogar schon mit einem weiteren Kurssturz. So hat Andrew Coombs, Bankenexperte der Citibank, ein Kursziel von 8,60 Euro ausgegeben. Der Grund für den Pessimismus: Die Einnahmen brechen schneller weg, als die Bank Kosten einsparen kann. Dieter Hein hat nur noch wenig Hoffnung für die Bank, sie sei eine "fallen company", sagt der Analyst von Fairesearch in Anspielung auf die Bezeichnung "fallen" oder "failed state", ein gescheitertes Institut also. Der Wille fehle, die strukturellen Probleme anzugehen und zu diskutieren.

"Die Investoren haben die Nase voll", meint auch Markus Rießelmann, Analyst von Independent Research, der in der vergangenen Woche sein Votum für die Aktie radikal geändert hat von "Kaufen" auf "Verkaufen". Normalerweise passen Analysten ihre Einschätzung eher allmählich an. Der Grund für den Frust: Die Deutsche Bank hat ihr Investmentbanking immer noch nicht im Griff - diesen Schluss jedenfalls ziehen die Anleger aus dem Eingeständnis von Finanzvorstand von Moltke, dass auch im ersten Quartal der Gewinn in dieser Sparte schwächer ausfallen werde. Dabei ist das erste Quartal für diese Sparte das wichtigste. Vor allem im einst so gewinnträchtigen Handel mit Anleihen, Währungen und Rohstoffen aber schwächelt die Bank.

Deutsche Bank Zentrale in Frankfurt (AP)

Abwärts geht es seit längerem schon für die Deutsche Bank

Investmentbanking: Geldmaschine und Geldverbrenner

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Sie ist außerdem nicht mehr unbedingt erste Ansprechpartnerin, wenn es um das Geschäft mit Übernahmen, Fusionen und Börsengängen geht. "Das ist das dritte Jahr in Folge, in dem die Bank im Investmentbanking Rückgänge verzeichnet", moniert Klaus Nieding, Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Seit Jahren mache das Geldhaus schlechte Erfahrungen in diesem Bereich. Offenbar baut das Management nun nur noch auf das Prinzip Hoffnung: Das Umfeld für das Investmentbanking wird allmählich besser, die Zinsen dürften mittelfristig wieder steigen, die Schwankungsanfälligkeit ebenfalls. Das bedeutet, dass an den Finanzmärkten mehr gehandelt wird, und das zahlt sich aus, daran verdient das Institut.

Doch die Deutsche Bank ist in ihrer Strategie gefangen: Sie benötigt das Investmentbanking trotz aller Probleme, weil es immer noch der größte Ertragsbringer im Konzern ist. Unabhängig von den Strafzahlungen nach der Finanzkrise verursacht die Sparte aber weiter hohe Kosten: In den letzten elf Jahren seien fast 36 Milliarden Euro an Boni an die Mitarbeiter, die überwiegende Zahl im Investmentbanking, ausgeschüttet worden, rechnet Analyst Hein vor. Auf der anderen Seite hat das Geldhaus 37,5 Milliarden Euro frisches Kapital aufgenommen. "Das bedeutet also: Die Kapitalerhöhungen der Deutschen Bank sind als Boni an die Mitarbeiter geflossen", sagt Analyst Hein. Der Aufsichtsrat habe da komplett versagt. Auch für das vergangene Jahr hatte die Bank 2,3 Milliarden Euro an Boni ausgeschüttet - für ein Jahr also, in dem unter dem Strich 725 Millionen Euro Verlust angehäuft wurden.

Was würde ein Chef-Wechsel bewirken?

Der Wettbewerb zwinge dazu, damit man die Mitarbeiter halten könne, ist das häufig gehörte Argument. Man könnte aber auch umgekehrt argumentieren, meint Klaus Nieding von der DSW: "Vielleicht wäre es gut, das Personal auszutauschen." Dieter Hein von Fairesearch plädiert seit Jahren dafür, die Bank möge sich vom Investmentbanking verabschieden. Dafür sei es fast zu spät, fürchtet jedoch sein Kollege Rießelmann von Independent Research. Denn das würde die Bank noch weiter zurückwerfen und hohe Kosten verursachen. Auf der nächsten Hauptversammlung werde die Bank sich aber auf heftigen Protest der Aktionäre einstellen müssen, glaubt er. Dabei dürften die Aktionäre wahrscheinlich auch den Rücktritt von Deutsche-Bank-Chef John Cryan fordern.

Doch ob das viel bringen würde, bezweifelt Rießelmann. "Wer sollte es machen? Das würde nur weitere Unruhe in die Bank tragen." Und den beiden stellvertretenden Vorstandschefs, Marcus Schenck und Christian Sewing, die die Investmentbank bzw. die Privat- und Firmenkundenbank leiten, werde die Führung der Bank offenbar noch nicht  zugetraut. Doch die Geduld der Investoren ist zu Ende. Das zeigt sich auch in der längerfristigen Kursentwicklung: Seit Jahresbeginn hat die Aktie der Deutschen Bank knapp dreißig Prozent ihres Werts verloren, weit mehr als andere große Institute in Europa, seit Cryans Amtsantritt vor bald drei Jahren sogar mehr als 60 Prozent. Doch nicht nur Cryans Stuhl wackelt. Auch Aufsichtsratschef Paul Achleitner, der erst im vergangenen Jahr wiedergewählt wurde, müsse sich für die desaströse Entwicklung der vergangenen Jahre verantworten, fordert Analyst Hein.

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