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Aus der Wolke quillt der Segen

14. Juli 2016

Im Urlaub einfach mal den Wolken nachschauen – dass dabei Vorsicht geboten ist, daran erinnert Pater Gerhard Eberts MSF von der katholischen Kirche. In der Bibel sind sie göttliche Boten für Segen und Fluch.

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Über den WolkenBild: Pater Eberts

„Was ich mir für den Urlaub wünsche?“ Mein Gegenüber, ein Student, lacht. „Einfach mal nichts tun! Die Vorlesungen und den Prüfungsstress vergessen. Auf der Wiese liegen und den Wolken nachschauen.“ Dieser Wunsch ist sicher nicht typisch für Studentinnen und Studenten. Viele träumen von Fernreisen oder vom Abenteuerurlaub. Aber den Wolken nachschauen? Warum nicht? Wolken sind der Stoff, aus dem die Träume sind.

Bis heute unvergessen ist das Lied des Sängers Reinhard Mey, seit 1974 ein Hit:
„Über den Wolken
muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man,
blieben darunter verborgen und dann
würde, was uns groß und wichtig erscheint,
plötzlich nichtig und klein.“1

Es lebt sich schön im Wolkenkuckucksheim. So wie sie vorbeiziehen, die Wolken, verspielt wie unschuldige Schäflein. In immer neuen, fantasievollen Formationen. Doch Vorsicht! Wolken können sich auftürmen zu schwarzen Ungeheuern, aus denen Blitze zucken, und bald überfluten endlose Wassergüsse das Land. Ein anderes Mal hängen Wolken wie eine schmutzige Decke über der Erde und über den Menschen, so dass kaum Luft zum Atmen bleibt.

Zu schön im Wolkenkuckucksheim

Vom Flugzeug aus gesehen, „über den Wolken“, sieht die Wolkendecke aus wie ein weicher Teppich. Einmal sah ich vom wolkenlosen Himmel unter mir die Landschaft und die Dörfer, klein wie Spielzeug. Alles lag im hellen Sonnenlicht. Nur über einem einzigen Ort hing eine Wolke. Nur dieser Ort lag im Dunklen. Die Menschen dort, so stellte ich mir vor, werden meinen, überall sei der Himmel bewölkt und überall sei der Tag grau und hässlich. Doch schon der erste Sonnenstrahl würde sie eines Besseren belehren.

Immer wieder gibt es Menschen, deren Himmel bewölkt und verhangen ist durch Ängste, Sorgen oder Leid. Unter der Wolkendecke des Schicksals vermögen sie nicht mehr, an das Licht zu glauben. Und doch leuchtet es. Selbst wenn Wolken die Strahlen des Lichts verdecken, werden sie doch von der Sonne erwärmt.

So wundert es nicht, dass die Wolken als göttliche Boten gedeutet werden, die Segen oder Fluch bringen. Auf seiner 40-jährigen Wüstenwanderung hatte das Volk Israel eine Erfahrung mit Gott gemacht, für die es keine Worte fand. So mussten die Erfahrungen mit der Natur herhalten, um das Unsagbare in Worte zu kleiden. Das Symbol der Wolke war so eine Hilfe. Wie eine Wolkensäule, so sagte Israel, hatte Gott sein Volk begleitet. Auf dem von Wolken umhüllten Berg Sinai schloss Gott mit Mose den Bund und gab seinem Volk die Gebote. Die Wolke wurde zum Zeichen für die Nähe und Unfassbarkeit Gottes. Psalmen wie Psalm 36 bringen das zum Ausdruck: „Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist, deine Treue, so weit die Wolken ziehn“ (Ps 36,6).

Das Neue Testament, also die Geschichte, die von Jesus erzählt, greift die Bildersprache der hebräischen Bibel auf. Bei der Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor ist aus der Wolke die Stimme des Vaters zu hören: „Das ist mein geliebter Sohn“ (Mt 17,5). Bei der Himmelfahrt wird Jesus vor den Augen der Apostel emporgehoben, und „eine Wolke entzog ihn ihren Blicken“ (Apg 1,9). Mit der Wolke ist hier nicht die physikalische Erscheinung gemeint, sondern die Welt Gottes, die grundverschieden ist von der Welt der Menschen. In der Heiligen Schrift heißt es: Wenn am Ende der Zeiten sich die Sonne verfinstern wird und die Sterne vom Himmel fallen, wird man den Menschensohn kommen sehen auf den Wolken mit großer Macht und Herrlichkeit (Mt 24,29 f.).

Und unter welcher Wolke verläuft mein Leben?

Das ist die Symbolsprache der Bibel. Sie beeinflusst auch die Kunst. Das frühe Mittelalter hat aus Scheu, Gott darzustellen, den Schöpfer symbolisiert durch eine Hand, die durch eine Wolke dringt. Der sinnenfrohe Barock lässt die Heiligen fröhlich auf leuchtenden Wolkenbänken sitzen. Doch die Wolke ist ein vielschichtiges Symbol. In ihrer Unbeständigkeit und Wechselhaftigkeit ist sie ein Bild des vergänglichen, sterblichen Lebens. Wenn sie über dürrem Land den ersehnten Regen ankündigt, wird sie zum Zeichen des göttlichen Segens.Und wenn Wolken sich drohend zusammenballen zum Gewitter, werden sie zum Symbol des Gerichtes.

So schaue ich den Wolken nach und frage mich, unter welcher Wolke mein Leben verläuft. Ist es umwölkt und schwer zu ertragen wie eine schwüle Gewitterstimmung? Oder ist es leicht und gut gestimmt wie Federwolken? Gelingt es mir, das, was ich nicht ändern kann, ziehen zu lassen ohne Trauer? Wie kann ich selber zu einer schützenden Wolke für andere werden? Wie auch immer: Ich schaue zum Himmel und weiß, dass einer mich führt, der jenseits aller Wolken existiert und der – allen Wolken zum Trotz – ins Licht führt:

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.
[…] und dann
würde, was uns groß und wichtig erscheint,
plötzlich nichtig und klein.“1

1Liedtext unter: www.reinhard-mey.de/start/texte/alben/über-den-wolken

Pater Gerhard Eberts MSF altes Format
Bild: Gerhard Eberts

Pater Gerhard Eberts ist Missionar von der Heiligen Familie (MSF). Nach seiner Priesterweihe und Journalistenausbildung übernahm er von 1968 bis 2011 die Chefredaktion der Ordenszeitschrift „Sendbote“. Daneben arbeitete er als Redakteur für die Monatszeitschrift Weltbild. Zwischen 1991 und 2000 war er Studienleiter und Dozent beim Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchs (ifp) in München. Heute engagiert sich Pater Eberts als Hochschulseelsorger in der Katholischen Hochschulgemeinde Augsburg (KHG) und gibt Exerzitien.

Kirchliche Verantwortung: Dr. Silvia Becker, Katholische Hörfunkbeauftragte und Alfred Herrmann