Aus der deutschen Provinz in den Syrien-Krieg | Deutschland | DW | 23.04.2019
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Radikaler Salafismus in Deutschland

Aus der deutschen Provinz in den Syrien-Krieg

Das Gesetz des Schweigens

Omar teilte sein Unbehagen mit seiner eigenen Moscheegemeinde, "aber ich bin damit außer bei meinem Vater nicht auf offene Ohren gestoßen." Der Vorstand habe sich seine Bedenken zwar angehört, sei aber nicht aktiv geworden: "Ich glaube, da herrschte einfach die Sorge, dass dann auch bei uns die Sicherheitsdienste in der Moschee auftauchen würden."

Das Schweigen und die Abschottung der Lohberger spielten Mustafa T. in die Hände. Er konnte über einen längeren Zeitraum unbehelligt Rekruten anwerben. "Es hat schon Betroffenheit ausgelöst, dass das vielen nicht früher aufgefallen ist", sagt die Sozialdezernentin der Stadt Dinslaken, Christa Jahnke-Horstmann der DW.

Prozess Nils D. (picture-alliance/dpa/F. Gambarini)

Auch der Konvertit Nils D. war Mitglied des harten Kerns der "Lohberger Brigade". Der bereits verurteilte IS-Rückkehrer steht derzeit in Deutschland erneut vor Gericht - wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen

Omar Chengafe kannte die Mitglieder der selbsternannten "Lohberger Brigade" alle: darunter Philipp B., der sich 2015 nahe der irakischen Stadt Mossul in die Luft sprengte und 20 Kurden mit in den Tod riss. Oder Mustafa K., Spitzname Goofy, der über soziale Netzwerke ein Foto von sich postete, auf dem er sich lächelnd mit einem abgeschlagenen Kopf in der Hand zeigte. Und auch die anderen, die damals plötzlich weg waren.

Neben diesem harten Kern reisten im Herbst 2013 noch vier weitere, jüngere Jugendliche aus. Sie allerdings kehrten bereits nach nur einem Monat aus Syrien zurück, unter welchen Umständen ist nicht ganz klar. Das deutsche Wochenmagazin "Stern" berichtete, es seien private Familienkontakte und Unterhändler im türkisch-syrischen Grenzgebiet im Spiel gewesen - dazu Geld und Autos, um die Jungs freizukaufen und nach Dinslaken zurückzuholen.

Die vier hätten sich nach ihrer Rückkehr erst einmal verkrochen, erinnert sich Sozialarbeiter Duranöz: "Die haben sich geschämt, konnten ihren Vätern nicht mehr unter die Augen treten." In Lohberg habe zu dieser Zeit eine regelrechte Schockstarre geherrscht. Aus Rücksicht und Loyalität gegenüber den Angehörigen der Rückkehrer, die im Stadtteil jeder kannte, habe sich niemand öffentlich geäußert: "Das ist in Lohberg eine gängige Regel. Du redest einfach nicht schlecht über andere Familien."

Sehnsucht nach dem ganz normalen Leben

Die vier jungen Männer wollen bis heute nichts mit der Presse zu tun haben. Sie lassen Önay Duranöz für sie sprechen - den Mann, der ihnen damals geholfen hat. Ein paar Wochen nach der Rückkehr aus Syrien habe einer der jungen Männer plötzlich in seinem Büro gestanden und um Hilfe gebeten: "Er sagte, er wolle einfach nur ein ganz normales Leben führen und arbeiten." Der Junge sei besorgt gewesen, keinen Job zu finden, weil er befürchtete, dass die Sicherheitsbehörden jeden Arbeitgeber über seine Vergangenheit informieren würden. "Er meinte zu mir: Wer stellt schon einen Terroristen ein?"

Förderturm der Zeche Lohberg (picture-alliance/dpa/M. Skolimowska)

Erinnerung an bessere Zeiten: der Förderturm der Zeche in Lohberg, die 2005 stillgelegt wurde

Duranöz hörte dem jungen Mann und später auch den anderen Rückkehrern zu. Fragen nach Syrien und nach dem Warum stellte er nie. Dann wäre keiner wieder zu ihm gekommen, davon ist er überzeugt. Alle vier, sagt der Sozialarbeiter, hätten es geschafft, ihrem Leben eine neue Struktur zu geben. Drei hätten inzwischen Familien gegründet, alle würden arbeiten. Der junge Mann, der zuerst zu ihm kam, sei sogar seit mehreren Jahren bei einem produzierenden Unternehmen in der Region in einer Festanstellung: "Auf diesen Jungen bin ich besonders stolz."

Integration als Langzeitaufgabe

Vor 2013, sagt Duranöz, wäre es für viele Jugendliche kaum möglich gewesen, bei den umliegenden Unternehmen einen Job zu finden. Doch durch die gezielten Angebote des Jugendquartiers vom Kinderschutzbund, unterstützt von der Stadt, habe sich in Lohberg etwas geändert.

Das Jugendquartier kümmerte sich um bis zu 300 Jungen und Mädchen pro Jahr. "Das heißt aber nicht, dass wir jeden davon in eine Berufsausbildung gebracht haben. Manchmal ging es um viel grundlegendere Fragen: Wie melde ich mich in einer Berufsschule an, welche schulischen und beruflichen Angebote gibt es überhaupt?"

Nach dem Ausreiseschock habe die Dinslakener Stadtverwaltung auch gezielt den Kontakt zu muslimischen Organisationen gesucht, berichtet Sozialdezernentin Christa Jahnke-Horstmann: "Vor allem in Lohberg mit seinem hohen Migrantenanteil von ungefähr 45 Prozent haben wir verschiedene muslimische Verbände. Es war uns ganz wichtig, die Probleme gemeinsam anzugehen."

Salafisten in Frankfurt/Main (picture-alliance/dpa/B. Roessler)

Salafisten bei einer Veranstaltung in der Frankfurter Innenstadt im September 2013: Deutschlandweit war die Szene zu dieser Zeit auf dem Vormarsch

Doch Student Omar Chengafe glaubt, dass noch mehr passieren muss. Er fordert mehr Imame, die in Deutschland und in deutscher Sprache ausgebildet werden: "Viele Jugendliche hier träumen sogar auf Deutsch. Deutsch ist ihre Sprache. Ein Imam, der Deutsch kann, hat einen Schlüssel zur Jugend."

Wenn die Sprachbarriere in den Moscheen wegfällt, hätten es radikale Salafisten wie Mustafa T. vielleicht schwerer, Jugendliche zu beeinflussen. "Es ist traurig, dass junge Menschen mitsamt ihren Fähigkeiten plötzlich einfach weg waren", sagt Omar. Vielleicht hätten einige der Ausgereisten wie er selber auch das Zeug zum Studium gehabt.

Das Leben geht weiter

"Aus unserer Sicht ist Salafismus heute kein relevantes Thema mehr in Dinslaken", sagt Sozialdezernentin Christa Jahnke-Horstmann. Tatsächlich tauchen der Name Dinslaken und der Begriff "Lohberger Brigade" in den jährlichen Verfassungsschutzberichten des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen ab 2016 nicht mehr auf.

Und Mustafa T.? Der Mann, mit dem alles begann? Es gibt viele Gerüchte, aber nichts Konkretes. T. sei kurz nach der Ausreise der ersten Gruppe aus Lohberg verschwunden, berichten Önay Duranöz und Omar Chengafe.

Video ansehen 02:07

Netzwerk der Salafisten in Deutschland weiter aktiv

Omar will ihn vor etwa einem Jahr in einer Duisburger Moschee beim Gebet gesehen haben: "Ich bin mir sicher, dass er es war. Er hatte eine extreme Typ-Veränderung hinter sich, trug eine Chino-Hose, ein kurzärmeliges Hemd und hatte den Bart auf wenige Millimeter gestutzt. Dabei hat er früher immer gepredigt, dass ein langer Bart im Islam Pflicht ist." Der Landesverfassungsschutz NRW äußerte sich auf Nachfrage der DW nicht zu Mustafa T.

Und die Lohberger selbst? "Das Bewusstsein, dass das damals passiert ist, ist sicher noch da. Aber kaum einer redet darüber", sagt Omar. Die meisten Mitglieder des harten Kerns der "Lohberger Brigade" starben in Syrien und im Irak. In dem kleinen Stadtteil, in dem sie aufgewachsen sind, ist längst wieder der Alltag eingekehrt. Ein Alltag, in dem geschwiegen wird und in dem Fremde argwöhnisch beäugt werden.

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