Aus der deutschen Provinz in den Syrien-Krieg | Deutschland | DW | 23.04.2019
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Radikaler Salafismus in Deutschland

Aus der deutschen Provinz in den Syrien-Krieg

2013 zog eine Gruppe junger Männer aus der kleinen Gemeinde Dinslaken-Lohberg im Ruhrgebiet in den Syrien-Krieg, um für den IS zu kämpfen. Welche Spuren hat das hinterlassen? Ein Ortsbesuch von Esther Felden.

Das Misstrauen sitzt tief. Die wenigen Menschen, die trotz des schlechten Wetters an diesem Abend draußen sind, verfolgen das langsam fahrende Auto mit ihren Blicken. "Das ist normal hier in Lohberg", erklärt Fahrer Önay Duranöz: "Jeder, der hier durchkommt, wird argwöhnisch beäugt. Besonders, wenn es ein Fremder ist."

Omar Chengafe auf dem Rücksitz nickt. Lohberg sei eine zurückgezogene, für Außenstehende oft nur schwer durchdringbare Welt. Und das hat viel mit dem zu tun, was vor ein paar Jahren in der 6000-Einwohner-Gemeinde am Stadtrand von Dinslaken passiert ist. Dinslaken liegt im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW). Die Stadt ist Teil des Ruhrgebiets und hat insgesamt rund 70.000 Einwohner.

Die Einwohnerzahl klingt eher nach Kleinstadt-Idylle, doch der Name Dinslaken-Lohberg erlangte 2013 plötzlich über die Grenzen Deutschlands hinaus Bekanntheit: als salafistischer Brennpunkt. Als Nährboden für den militanten Extremismus.

Video ansehen 12:07

Deutsche Dschihadisten aus Dinslaken

Aus der ehemaligen Bergarbeitersiedlung zogen damals in mehreren Schüben nach Angaben des Landesverfassungsschutzes NRW mehr als zwanzig junge Männer als selbsternannte Gotteskrieger in den vermeintlichen Dschihad. Sie gaben sich selbst den Namen "Lohberger Brigade" und kämpften in Syrien und im Irak für die Al-Nusra-Front und später den Islamischen Staat. Die Ausgereisten waren deutsche Konvertiten, aber vor allem Söhne aus Einwandererfamilien.

Fast die Hälfte der Lohberger Bevölkerung hat ausländische Wurzeln. Die meisten Familien stammen aus der Türkei. Die ersten kamen schon in den 1950er Jahren, um sich hier als Gastarbeiter im Bergbau eine bessere Existenz aufzubauen.

Zwei Blickwinkel auf ein dunkles Kapitel

Nach der auffälligen Ausreisewelle in den Nahen Osten tauchten scharenweise Journalisten in Dinslaken-Lohberg auf, getrieben von der Frage, wie so etwas ausgerechnet in der westdeutschen Provinz geschehen konnte. Önay Duranöz und Omar Chengafe erinnern sich noch sehr gut an diese Zeit. Sie wurden aus unterschiedlicher Perspektive Zeugen der Entwicklungen.

Omar Chengafe ist heute Anfang 20 und studiert Sozialpädagogik in Dortmund. Der modisch gekleidete junge Mann mit dem kurzen Bart ist im Zentrum von Dinslaken aufgewachsen. Aber er hat viele Freunde in Lohberg. Der Sohn marokkanischer Eltern stammt aus einer gläubigen muslimischen Familie. Sein Vater war lange im Vorstand der Arrahma-Moschee in der Dinslakener Innenstadt.

Student Omar Chengafe (privat)

Omar Chengafe kannte die Mitglieder der Lohberger Brigade

Duranöz auf der anderen Seite hat türkische Wurzeln. Er ist Ende 30, ein großer Mann, der eine Mischung aus Ruhe und rauer Herzlichkeit ausstrahlt. Der Sozialarbeiter kam 2011 als "Fremdkörper" nach Lohberg, so sagt er selbst. Dabei er ist er gerade einmal rund 20 Kilometer entfernt in der Ruhrgebiets-Metropole Duisburg aufgewachsen.

In den acht Jahren, die er in Lohberg arbeitete, wurde er für viele Familien zu einem wichtigen Ansprechpartner. Als Angestellter des Deutschen Kinderschutzbundes übernahm er 2013 den neu installierten Posten eines Jugendquartier-Managers. Seine wichtigste Aufgabe: die Jugendlichen in Lohberg beim Übergang von der Schule ins Berufsleben zu unterstützen.

Radikalisiert - mitten in Dinslaken

Wir sind mit dem Auto im Herzen von Lohberg angekommen. Duranöz fährt vorbei am zentralen Johannesplatz. Dann biegen wir um die Ecke und halten vor dem sogenannten Ledigenheim. Dort wohnten früher unverheiratete Bergleute, heute beherbergt der Backsteinbau unter anderem ein Kulturzentrum und mehrere Vereine. Beide Orte spielten eine zentrale Rolle in der Geschichte der "Lohberger Brigade".

Auf dem Johannesplatz trafen sich damals täglich die Jugendlichen des Stadtteils, um gemeinsam gegen die Langeweile abzuhängen, erzählt Duranöz. Keiner von ihnen habe eine Beschäftigung gehabt. Als im Jahr 2005 die örtliche Zeche dichtmachte und auf einen Schlag mehrere tausend Arbeitsplätze wegfielen, verschwanden auch Zukunftsperspektiven.

Sozialarbeiter Önay Duranöz im Gespräch mit einer älteren Frau (privat)

Önay Duranöz wurde vom "Fremdkörper" zur Vertrauensperson für viele Lohberger

Etwa jeder vierte junge Lohberger war arbeitslos, als Mustafa T. regelmäßig auf dem Johannesplatz auftauchte. Der Mann, dem es gelang, in Lohberg innerhalb von wenigen Monaten eine extremistische Zelle aufzubauen.

Önay Duranöz erinnert sich an seine einzige direkte Begegnung mit ihm: "Er saß da, und bei ihm standen ein paar Jugendliche, die ich kannte." Er sei mitten im Gespräch dazu gestoßen und habe mitbekommen, wie T. die Jugendlichen ermahnte, respektvoll miteinander umzugehen und höflich zu Älteren zu sein: "Er sagte beispielsweise, dass sie alten Frauen die Einkaufstüten vom Supermarkt nach Hause tragen sollten." Sein erster Eindruck sei damals positiv gewesen, gibt er zu: "Ich habe gedacht: Wow, da ist ein junger Mann, auf den die Jugendlichen hören und der tolle Sachen sagt."

T. stammt aus einer in Lohberg angesehenen türkischen Familie, der Vater war Mitglied im Vorstand der örtlichen Ditib-Moschee. Ein guter Umgang für die Kinder, dachten viele Erwachsene. Im Sommer 2011 gründete Mustafa T. mit städtischer Genehmigung einen "Bildungsverein" und mietete dafür Räumlichkeiten im nahe gelegenen Ledigenheim. Dort traf er sich dann mit seiner wachsenden Anhängerschaft.

Johannesplatz mit Marktständen aus der Luft (Imago/H. Blossey)

Markt auf dem Johannesplatz in Dinslaken-Lohberg

Um die 30 junge Männer umfasste die Gruppe insgesamt, gibt der NRW-Verfassungsschutz auf Nachfrage der Deutschen Welle an. Bei den Treffen sei es um Themen wie die Ausgrenzung von Muslimen innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft und die wachsende Islamfeindlichkeit gegangen, schildern Önay Duranöz und Omar Chengafe, während wir durch die Straßen von Lohberg spazieren.

Nur scheinbare Idylle

In der ehemaligen Zechensiedlung reihen sich schmucke, kleine Häuser mit Vorgärten aneinander. Die Straßennamen erinnern an frühere Zeiten, als die Zeche Lohberg noch in Betrieb war: Man geht durch die Zechenstraße, die Schachtstraße oder den Steigerweg. Im Steigerweg steht das Ledigenheim, wo Mustafa T. seinen Vereinsraum gemietet hatte.

Omar Chengafe war in der Anfangszeit selbst bei den Treffen der Gruppe dabei. Er fand es zunächst positiv, dass es da auf einmal ein neues Freizeit-Angebot für junge Muslime gab: "Das waren halt Jungs, die weg von der Straße wollten. Sie haben nach einem Sinn gesucht und sich dann der Religion hingegeben." Bald aber ging er nicht mehr in den "Bildungsverein", weil er ein mulmiges Gefühl hatte: "Die Anzeichen, dass das wirklich in eine sehr falsche Richtung geht, wurden immer deutlicher."

Sein liberales Elternhaus habe ihn vor Mustafa T. geschützt, davon ist Omar überzeugt. Andere Jugendliche seien dagegen leichte Beute gewesen: "Sie passten ins Schema, waren perspektivlos und anfällig für Hass. Der wurde gezielt geschürt."

Prozess Nils D. (picture-alliance/dpa/F. Gambarini)

Auch der Konvertit Nils D. war Mitglied des harten Kerns der "Lohberger Brigade". Der bereits verurteilte IS-Rückkehrer steht derzeit in Deutschland erneut vor Gericht - wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen

Das Gesetz des Schweigens

Omar teilte sein Unbehagen mit seiner eigenen Moscheegemeinde, "aber ich bin damit außer bei meinem Vater nicht auf offene Ohren gestoßen." Der Vorstand habe sich seine Bedenken zwar angehört, sei aber nicht aktiv geworden: "Ich glaube, da herrschte einfach die Sorge, dass dann auch bei uns die Sicherheitsdienste in der Moschee auftauchen würden."

Das Schweigen und die Abschottung der Lohberger spielten Mustafa T. in die Hände. Er konnte über einen längeren Zeitraum unbehelligt Rekruten anwerben. "Es hat schon Betroffenheit ausgelöst, dass das vielen nicht früher aufgefallen ist", sagt die Sozialdezernentin der Stadt Dinslaken, Christa Jahnke-Horstmann der DW.

"Lohberger Brigade"

Omar Chengafe kannte die Mitglieder der selbsternannten vier weitere, jüngere Jugendliche alle: darunter Philipp B., der sich 2015 nahe der irakischen Stadt Mossul in die Luft sprengte und 20 Kurden mit in den Tod riss. Oder Mustafa K., Spitzname Goofy, der über soziale Netzwerke ein Foto von sich postete, auf dem er sich lächelnd mit einem abgeschlagenen Kopf in der Hand zeigte. Und auch die anderen, die damals plötzlich weg waren.

Neben diesem harten Kern reisten im Herbst 2013 noch

Förderturm der Zeche Lohberg (picture-alliance/dpa/M. Skolimowska)

Erinnerung an bessere Zeiten: der Förderturm der Zeche in Lohberg, die 2005 stillgelegt wurde

aus. Sie allerdings kehrten bereits nach nur einem Monat aus Syrien zurück, unter welchen Umständen ist nicht ganz klar. Das deutsche Wochenmagazin "Stern" berichtete, es seien private Familienkontakte und Unterhändler im türkisch-syrischen Grenzgebiet im Spiel gewesen - dazu Geld und Autos, um die Jungs freizukaufen und nach Dinslaken zurückzuholen.

Die vier hätten sich nach ihrer Rückkehr erst einmal verkrochen, erinnert sich Sozialarbeiter Duranöz: "Die haben sich geschämt, konnten ihren Vätern nicht mehr unter die Augen treten." In Lohberg habe zu dieser Zeit eine regelrechte Schockstarre geherrscht. Aus Rücksicht und Loyalität gegenüber den Angehörigen der Rückkehrer, die im Stadtteil jeder kannte, habe sich niemand öffentlich geäußert: "Das ist in Lohberg eine gängige Regel. Du redest einfach nicht schlecht über andere Familien."

Sehnsucht nach dem ganz normalen Leben

Die vier jungen Männer wollen bis heute nichts mit der Presse zu tun haben. Sie lassen Önay Duranöz für sie sprechen - den Mann, der ihnen damals geholfen hat. Ein paar Wochen nach der Rückkehr aus Syrien habe einer der jungen Männer plötzlich in seinem Büro gestanden und um Hilfe gebeten: "Er sagte, er wolle einfach nur ein ganz normales Leben führen und arbeiten." Der Junge sei besorgt gewesen, keinen Job zu finden, weil er befürchtete, dass die Sicherheitsbehörden jeden Arbeitgeber über seine Vergangenheit informieren würden. "Er meinte zu mir: Wer stellt schon einen Terroristen ein?"

Salafisten in Frankfurt/Main (picture-alliance/dpa/B. Roessler)

Salafisten bei einer Veranstaltung in der Frankfurter Innenstadt im September 2013: Deutschlandweit war die Szene zu dieser Zeit auf dem Vormarsch

Duranöz hörte dem jungen Mann und später auch den anderen Rückkehrern zu. Fragen nach Syrien und nach dem Warum stellte er nie. Dann wäre keiner wieder zu ihm gekommen, davon ist er überzeugt. Alle vier, sagt der Sozialarbeiter, hätten es geschafft, ihrem Leben eine neue Struktur zu geben. Drei hätten inzwischen Familien gegründet, alle würden arbeiten. Der junge Mann, der zuerst zu ihm kam, sei sogar seit mehreren Jahren bei einem produzierenden Unternehmen in der Region in einer Festanstellung: "Auf diesen Jungen bin ich besonders stolz."

Integration als Langzeitaufgabe

Vor 2013, sagt Duranöz, wäre es für viele Jugendliche kaum möglich gewesen, bei den umliegenden Unternehmen einen Job zu finden. Doch durch die gezielten Angebote des Jugendquartiers vom Kinderschutzbund, unterstützt von der Stadt, habe sich in Lohberg etwas geändert.

Das Jugendquartier kümmerte sich um bis zu 300 Jungen und Mädchen pro Jahr. "Das heißt aber nicht, dass wir jeden davon in eine Berufsausbildung gebracht haben. Manchmal ging es um viel grundlegendere Fragen: Wie melde ich mich in einer Berufsschule an, welche schulischen und beruflichen Angebote gibt es überhaupt?"

Nach dem Ausreiseschock habe die Dinslakener Stadtverwaltung auch gezielt den Kontakt zu muslimischen Organisationen gesucht, berichtet Sozialdezernentin Christa Jahnke-Horstmann: "Vor allem in Lohberg mit seinem hohen Migrantenanteil von ungefähr 45 Prozent haben wir verschiedene muslimische Verbände. Es war uns ganz wichtig, die Probleme gemeinsam anzugehen."

Video ansehen 02:07

Netzwerk der Salafisten in Deutschland weiter aktiv

Doch Student Omar Chengafe glaubt, dass noch mehr passieren muss. Er fordert mehr Imame, die in Deutschland und in deutscher Sprache ausgebildet werden: "Viele Jugendliche hier träumen sogar auf Deutsch. Deutsch ist ihre Sprache. Ein Imam, der Deutsch kann, hat einen Schlüssel zur Jugend."

Wenn die Sprachbarriere in den Moscheen wegfällt, hätten es radikale Salafisten wie Mustafa T. vielleicht schwerer, Jugendliche zu beeinflussen. "Es ist traurig, dass junge Menschen mitsamt ihren Fähigkeiten plötzlich einfach weg waren", sagt Omar. Vielleicht hätten einige der Ausgereisten wie er selber auch das Zeug zum Studium gehabt.

Das Leben geht weiter

"Aus unserer Sicht ist Salafismus heute kein relevantes Thema mehr in Dinslaken", sagt Sozialdezernentin Christa Jahnke-Horstmann. Tatsächlich tauchen der Name Dinslaken und der Begriff "Lohberger Brigade" in den jährlichen Verfassungsschutzberichten des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen ab 2016 nicht mehr auf.

Und Mustafa T.? Der Mann, mit dem alles begann? Es gibt viele Gerüchte, aber nichts Konkretes. T. sei kurz nach der Ausreise der ersten Gruppe aus Lohberg verschwunden, berichten Önay Duranöz und Omar Chengafe.

Omar will ihn vor etwa einem Jahr in einer Duisburger Moschee beim Gebet gesehen haben: "Ich bin mir sicher, dass er es war. Er hatte eine extreme Typ-Veränderung hinter sich, trug eine Chino-Hose, ein kurzärmeliges Hemd und hatte den Bart auf wenige Millimeter gestutzt. Dabei hat er früher immer gepredigt, dass ein langer Bart im Islam Pflicht ist." Der Landesverfassungsschutz NRW äußerte sich auf Nachfrage der DW nicht zu Mustafa T.

Und die Lohberger selbst? "Das Bewusstsein, dass das damals passiert ist, ist sicher noch da. Aber kaum einer redet darüber", sagt Omar. Die meisten Mitglieder des harten Kerns der "Lohberger Brigade" starben in Syrien und im Irak. In dem kleinen Stadtteil, in dem sie aufgewachsen sind, ist längst wieder der Alltag eingekehrt. Ein Alltag, in dem geschwiegen wird und in dem Fremde argwöhnisch beäugt werden.

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