Aufs Maul geschaut | Sprachbar | DW | 25.09.2013
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Sprachbar

Aufs Maul geschaut

Manche bekommen einen aufs Maul – darunter Sportler. Andere schauen jemandem gerne aufs Maul oder fahren ihm darüber – besonders Großmäuler. Manche maulen, nur die Maulaffen nicht. Sie sind eine besondere Spezies.

Das Maul: Es hat etwas Derbes, Grobes, Unfreundliches an sich. Anders als der Mund: dieser kann lächeln, gähnen, Worte formen oder geküsst werden.

Etwas Sprachgeschichte

Etwa seit dem 10. Jahrhundert findet sich das Wort Maul in den germanischen Sprachen. Aus dem althochdeutschen mūla wurde im Mittelhochdeutschen mūle. Formt man die Lautfolge mu- mit den Lippen, pressen sich diese zusammen. Das Gesicht bekommt einen bestimmten, leicht unfreundlichen, schmollenden Ausdruck.

In der Schule haben wir gelernt: Der Mensch hat einen Mund, das Tier ein Maul. Man isst mit dem Mund, Tiere fressen mit dem Maul. Sobald Maul auf den Menschen übertragen wird – anders ausgedrückt, sobald Maul statt Mund gesagt wird – wird dem Gegenüber signalisiert, dass man nicht gut auf ihn zu sprechen ist.


Der feine Unterschied zwischen „Maul“ und „Mund“

Eine Frau (links) und ein Mann schreien sich mit weit geöffnetem Mund an

„Halt’s Maul!“ – im Streit fallen schnell Beschimpfungen

Halt's Maul! klingt böse. Halt den Mund ! oder Halten Sie den Mund ! sind dagegen lediglich strenge Aufforderungen. Die meisten mit Maul gebildeten Redewendungen sind parallele Bildungen zu entsprechenden Ausdrücken mit Mund.

So kann man jemandem übers Maul fahren, das heißt ihn oder sie scharf zurechtweisen. Man könnte demjenigen aber auch über den Mund fahren – das ist das Gleiche, nur etwas freundlicher ausgedrückt.

Großmäuler und schlagfertige Mäuler

Die US-Schauspielerin Julia Roberts

Die US-Schauspielerin Julia Roberts ist in vielen ihrer Filme „nicht aufs Maul gefallen“

Es liegt nahe, dass Maul viel mit Sprache und Sprechen zu tun hat. Wer schlagfertig und nie um eine Antwort verlegen ist, der ist nicht aufs Maul gefallen. Meist ist er auch schlau genug, sich das Maul nicht zu verbrennen, also trotz aller Schlagfertigkeit nichts zu sagen, was ihm schaden könnte.

Allerdings gibt es auch die, die zur rechten Zeit das Maul aufmachen. Sie passen den richtigen Moment ab, in dem sie zum Beispiel mit der Wahrheit rausrücken oder etwas richtigstellen. Und dann gibt es diese vorlauten Zeitgenossen, die zu allem etwas zu sagen haben und stets ihr Maul aufreißen. Oder die, die das Maul zu voll nehmen, groß angeben oder alles besser wissen. Einem solchen Großmaul tut es mitunter ganz gut, wenn ihm das Maul gestopft wird.

Hungrige Mäuler wollen gestopft werden

Ein Vogelnest: eine Amsel füttert ihre Jungen, die ihre Schnäbel weit geöffnet haben

Da gibt’s viele hungrige Mäuler zu stopfen

Etwas anderes ist jedoch gemeint, wenn hungrige Mäuler zu stopfen sind. Nicht ausschließlich, aber in den meisten Fällen wird dieser Ausdruck gebraucht, um zu veranschaulichen, wie schwierig es ist, die Ernährung der Kinder zu sichern.

Der Ausdruck das Maul stopfen – im Sinne von zum Schweigen bringen – soll auf eine lateinische Fabel zurückgehen. Ein Dieb versuchte dem kläffenden Hofhund mit einem Stück Brot das Maul zu stopfen, damit er nicht mehr belle. Martin Luther greift in seiner Bibelübersetzung das Bild vom gestopften Maul auf: „Aller Bosheit wird das Maul gestopft werden“.

Schandmäuler, Lügenmäuler und Plappermäuler

Ein Nilpferd im Wasser mit einem aufgerissenen Maul

Ein großes Maul, aber kein Großmaul

Apropos Bosheit: Wer ein böses Maul hat, ist nicht von der Maul- und Klauenseuche infiziert, sondern redet hässlich über andere. Der- oder diejenige ist ein Schandmaul, ein Lügen- und Lästermaul. Boshaften Schwätzern wird schon mal angedroht, ihnen müsse das Maul nach ihrem Tod noch gesondert totgeschlagen werden. Auch diese Ausdrücke erlauben – ähnlich wie beim Großmaul – nicht die mildere Form Mund.
Einen Schandmund gibt es nicht. Auch kein Lügenmündchen.

Plappermäulchen haben's im Leben nicht immer einfach. Sie reden ohne Unterlass, ihr Mund steht nicht still. Manchmal plappern sie dann auch Dinge aus, die sie besser für sich behalten hätten. Dann könnten sie sich eventuell eine Maulschelle einfangen, eine Ohrfeige. So getadelt, maulen sie dann über die Ungerechtigkeit, die ihnen widerfahren ist, sie beschweren sich, sie schimpfen.

Maulkörbe für Mensch und Tier

Zwei pakistanische Journalisten haben mit schwarzen Binden und einem Vorhängeschloss ihren Mund verschlossen

Ein symbolischer Maulkorb: In manchen Ländern wird freie Meinungsäußerung nicht geduldet

Wer andauernd schwätzt, dem möchte man manchmal einen Maulkorb anlegen, wie einem bissigen Hund. Bissig, aber im übertragenen Sinn, sind Andersdenkende, Dissidenten. Ihnen wird in Staaten mit Zensur und unterdrückter Meinungsfreiheit auch ein Maulkorb angelegt. Sie dürfen sich nicht öffentlich äußern und werden verfolgt, wenn sie es dennoch tun.

In Deutschland gab es auch zu bestimmten Zeiten Maulkörbe für politisch Andersdenkende. Bereits im Jahr 1849 weint in einem Gedicht der deutsche Michel – Symbol für den Deutschen an sich – bittere Tränen, „weil es mir nicht macht Behagen, dass ich soll einen Maulkorb tragen“.

Falsche Maulaffen und richtige Maultiere

Ein Kienspanhalter aus gebranntem Ton mit eiserner Aufhängeöse und eingestecktem Kienspan

Ein Maulaffe – so ähnlich muss man sich jemanden vorstellen, der Maulaffen feilhält

Maulaffen müssen keinen Maulkorb tragen. Sie sind nämlich gar keine richtigen Affen, sondern dem menschlichen Kopf nachgebildete Tongefäße. Deren Öffnung besteht aus einem breiten fratzenhaftes Maul, in das brennende Kiefernholzspäne, die Kienspäne, gesteckt wurden. Diese Maulaffen hingen an der Wand und dienten den Menschen als eine Art Fackelhalter, nachgewiesenermaßen schon im 14. Jahrhundert. Maulaffen sahen wohl ziemlich dämlich aus, denn Maulaffen feilhalten heißt heute noch, dumm zu glotzen und neugierig zuzusehen, ohne etwas zu tun.

Richtige Tiere sind dagegen Maultiere, auch Mulis genannt, und Maulesel. Vater Pferd, Mutter Esel – die Definition für den Maulesel. Das Maultier dagegen hat den Eselhengst und die Pferdestute als Eltern. Es gibt auch die Ansicht, es sei gerade umgekehrt, na ja, aber das ist nicht so wichtig. Entlehnt ist das Wort aus dem lateinischen mulus, im Frühneuhochdeutschen wurde daraus mūlesel und mūltier.

Solche und solche Maulwürfe

Ein Maulwurf schaut aus einem Erdhügel heraus

Mancher Mensch ist blind wie ein Maulwurf

Und dann haben wir noch den Maulwurf. Das in Deutschland unter Naturschutz stehende Tier erweckt bei manchen Hobbygärtnern manchmal Mordgelüste, wenn sie die Maulwurfgänge in und die Maulwurfhügel auf ihrem gut gepflegten Rasen entdecken.

Die Maulwürfe, die im Auftrag anderer Geheimnisse ausspähen, spionieren, sind bei den Geschädigten auch nicht besonders beliebt. Keine Chance auf eine Spionagetätigkeit dürften Bewerber haben, die blind wie ein Maulwurf sind, nämlich extrem kurzsichtig.

Aufs Maul geschaut

Um jemandem aufs Maul zu schauen, braucht man die Augen nicht unbedingt. Denn dann will man die Sprache und die Wesensart eines Menschen verstehen. In manchen Regionen Deutschlands kann man da schon mal eine Maulsperre bekommen – vor lauter Lachen. Bei einer Maulsperre verkrampfen sich die Kinnbacken und der Mund kann nicht mehr geschlossen werden. Dass das beim Essen von Maultaschen passiert, ist höchst ungewöhnlich. Denn diese gefüllten Teigwaren sind weich und lassen sich in der Regel gut kauen.




Fragen zum Text

Hans hat etwas gesagt, das er besser nicht gesagt hätte. Er …
1. hat sich das Maul verbrannt.
2. ist auf den Mund gefallen.
3. hält Maulaffen feil.

Maultaschen sind …
1. große Ausbuchtungen in einem Tiermaul.
2. eine schwäbische Spezialität.
3. Menschen, die ganz viel reden.

Was stimmt nicht? Wenn man jemandem einen Maulkorb anlegt, dann …
1. sorgt man dafür, dass jemand sich nicht öffentlich äußert.
2. bekommt ein Hund ein Körbchen um das Maul, damit er nicht zubeißt.
3. wird jemand lächerlich gemacht.


Arbeitsauftrag
In vielen Ländern wird Andersdenkenden ein Maulkorb verpasst. Bildet in eurer Lerngruppe Zweiergruppen und sucht euch ein Beispiel. Beschreibt diese Person und schildert die Umstände, die dazu führten, dass sie/er sich politisch nicht mehr äußern darf. Anschließend könnt ihr darüber diskutieren, wie diese Personen sich wehren könnten.

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