Auf Tour mit einem Biogas-Auto | Wirtschaft | DW | 18.02.2020
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Alternative Kraftstoffe

Auf Tour mit einem Biogas-Auto

Derzeit gibt es in Deutschland nur 200 Tankstellen, die Biomethan anbieten. Wer ausschließlich damit fahren will, muss die Tankstopps genau planen. Wir haben es ausprobiert.

Wer in Deutschland mit dem Auto unterwegs ist, wird an einigen Tankstellen auch Hinweise finde, das man dort neben Benzin oder Diesel auch LPG oder CNG tanken könne. LPG steht für Liquefied Petroleum Gas, es ist komprimiertes Flüssiggas, CNG steht für Compressed Natural Gas, es ist komprimiertes Erdgas. Am Ende sind beide Varianten trotzdem Treibstoffe fossilen Ursprungs. Die Öko-Variante von CNG ist Biomethan, es entsteht bei der Vergasung von Biomasse. Auch damit kann man in Deutschland unterwegs sein, man muss allerdings gute Nerven und ein wenig Organisationstalent haben.

Nach Auskunft des Erdgasportals Gibgas.de gibt es in Deutschland nur rund 200 Tankstellen, die 100 Prozent Biomethan anbieten. Bei einer Reichweite unseres Testautos (ein Skoda Octavia G-Tec) von maximal 400 Kilometern muss der Zapfsäulenstopp genau geplant werden. Das südliche Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel ist ein weißer Fleck ohne Biomethan-Tankstellen. Auch in Franken, in der Eifel/Rheinland-Palz und Nordhessen/Niedersachsen sind Zapfstellen für das Ökogas rar.

Zuckerrüben zu Kraftstoff

Anders im Wendland. Die Region, die einst durch ihren Widerstand gegen Atomtransporte ins Endlager Gorleben Aufsehen erregte, ist eine der am besten versorgten. Das liegt an einem, der einst selbst gegen den Atommüll auf die Straße gegangen und heute Präsident des Fachverbandes Biogas ist. Horst Seide ist außerdem Biogasbauer und einer der wenigen Produzenten von Biomethan in Deutschland.

Horst Seide experimentiert mit Biomethan. Er erwartet einen wachsenden Markt

Horst Seide experimentiert mit Biomethan. Er erwartet einen wachsenden Markt

Auf seinem Hof liegen die Rohstoffe dafür: ein großer Haufen zerkleinerter Reste von Zuckerrüben. Die sind als nachhaltig und CO2-mindernd anerkannt. Die Treibhausgasminderung macht er zu Geld. Das Prinzip: Jeder, der in Deutschland Kraftstoffe in den Verkehr bringt, muss eine Treibhausgasminderungsquote erfüllen. Das heißt, dass er zu einem bestimmten Prozentsatz Kraftstoffe einsetzen muss, die weniger CO2 emittieren als fossiler Sprit. Im laufenden Jahr liegt diese Quote in Deutschland bei sechs Prozent. Weil Seides Zuckerrüben den Treibhausgasausstoß aber um mehr als 80 Prozent mindern, kann er den Überschuss an die Mineralölindustrie verkaufen. So erfüllen die ihre Pflicht und Seides Biomethan ist wirtschaftlich. "Die Preise liegen bei 150 bis 200 Euro je Tonne CO2. Das zeigt, was die Mineralölindustrie bereit ist zu bezahlen", sagt er.

Biomethan günstiger als Erdgas

Weniger Meter von seinem Hof entfernt liegt eine Raiffeisen-Tankstelle. Sie ist eine von 13 in Deutschland, an die Seide sein Biomethan verkauft. "Noch liegt der Preis von normalem CNG und Biomethan gleichauf", erzählt er, während er seinen Kastenwagen mit dem Kraftstoff befüllt. Doch das werde sich im nächsten Jahr angesichts der neu eingeführten CO2-Steuer auf fossile Kraftstoffe ändern.

Denn ab 1. Januar 2021 wird auf Benzin, Diesel und Erdgas eine CO2-Steuer von 25 Euro je Tonne fällig, auf Biomethan aber nicht. "Das macht beim Erdgas zusätzlich rund fünf Cent je Liter aus", hat Seide berechnet. Und weil der Preis für die Verschmutzungsrechte in den Folgejahren immer weiter steigt, wird auch der Preisabstand der Bio-Alternative wachsen.

Einmal volltanken bitte! Biomethan rechnet sich mit einem höheren CO2-Preis

Einmal volltanken bitte! Biomethan rechnet sich mit einem höheren CO2-Preis

Schon heute ist der Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel enorm. Beispiel: Die Autofahrt von Seide zum größten Biomethan-Produzenten in Deutschland, Verbio, dauert etwa vier Stunden. Verbio sitzt 320 Kilometer entfernt im brandenburgischen Schwedt. Der Verbrauch auf Autobahn und Landstraße liegt bei vier Kilo pro 100 Kilometer. Das macht, bei einem durchschnittlichen Kilopreis von 1,10 Euro für CNG in Deutschland, insgesamt etwa 3,50 Euro. Das ist weniger als die Hälfte dessen, was auf gleicher Strecke für Benzin und Diesel fällig würde.

Stroh zu Gas

Vor dem Tor zum Gelände wartet Ulrike Kurze. Sie ist Pressesprecherin von Verbio. Als das Tor sich öffnet, fährt auch ein Rohstofflieferant vor - ein roter 7,5-Tonner aus Polen, vollbeladen mit Stroh. Er tuckert an den Mitarbeiter-Parkplätzen vorbei und biegt auf einen großen Vorplatz ein.

Nachschub für die Biogas-Anlage: Ein Lkw bringt Stroh nach Schwedt

Nachschub für die Biogas-Anlage: Ein Lkw bringt Stroh nach Schwedt

"Täglich kommen zwischen fünf und 20 LKW-Ladungen hier an", sagt Kurze, die aus ihrem gasbetrieben Firmen-Audi ausgestiegen ist und den Ablauf verfolgt. Das Stroh stamme aus Brandenburg und dem Westen Polens. Dort sammeln es die Laster bei Landwirten ein. Vier solcher Strohballen mit je 500 Kilogramm Gewicht ergeben im Fermenter 500 bis 600 Kilo Methan, rechnet Kurze vor. "Das reicht aus, um den Kraftstoffbedarf eines Durchschnitts-PkWs in Deutschland zu decken, der im Jahr 11.500 Kilometer zurücklegt."

Größte Anlage der Welt

Verbio betreibt hier am größten Raffineriestandort Brandenburgs die weltweit wohl größte Anlage, die aus Stroh Methan gewinnt. "Unter Volllast können wir in Schwedt im Jahr 40.000 Tonnen an Stroh verarbeiten." Zehn große Fermenter sind dafür im Einsatz. Bakterien produzieren dort aus dem zerhäckselten Agrarabfall Biogas, das zu etwa 30 Prozent aus Kohlendioxid besteht, ein wenig Schwefel und anderen Gasen. Zwei Drittel aber sind Methan.

"Wir speisen nach der Reinigung ein Gas in das örtliche Gasnetz ein, das zu 98 Prozent aus Methan besteht", sagt die Verbio-Sprecherin. Denn die Versorgung der Tankstellen in Deutschland mit Biomethan funktioniert rein bilanziell. Das heißt, dass genau die Menge, die die Firma einspeist, rechnerisch an den Standorten der Tankstellen entnommen wird. Insgesamt 130 Tankstellen versorgt Verbio. Künftig könnten es noch mehr werden, denn Verbio will weiter wachsen. Die Aussichten für Biomethan in Europa sind gut.

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